Bruce Springsteen Foto: picture alliance / dpap

Springsteen-Memoiren "Born To Run" Vom verwöhnten Kind zum Arbeiterhelden

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Mit Gespür für den Rhythmus der Sprache: In seiner Autobiografie "Born To Run" erzählt Bruce Springsteen von depressiven Schüben und seiner Epiphanie, als Elvis ihm im Fernsehen erschien.

Alles begann mit dem Super Bowl 2009. In der Halbzeitshow trat Bruce Springsteen mit seiner E Street Band auf. Für seine Webseite verfasste er einen kleinen assoziativen Essay, der einen Rückblick auf seine Karriere warf. Und dann schrieb Springsteen einfach weiter. Sieben Jahre lang. Ohne Verlag, ohne Vertrag, ohne Ziel. 700 Seiten umfasst die deutsche Ausgabe von „Born To Run“ nun.

Springsteen ist ein guter Erzähler, den assoziativen Stil des Essays warf er schnell über Bord. Streng chronologisch führt er den Leser durch die eigene Karriere, von den Anfängen mit der Schülerband The Castiles über die ersten Erfolge mit der E Street Band bis in die Gegenwart. Springsteens Erzählerstimme im Buch ist seiner Sprechstimme auf der Bühne sehr ähnlich: etwas rau, etwas abgehackt, der Ton schwankt ständig zwischen dem eines Predigers und dem eines Witzeerzählers. Dabei ist die Geschichte, die er erzählt, eigentlich todernst.

Es ist die Geschichte einer katholisch geprägten Kindheit. Von strengen Nonnen erzogen, rebellierte der kleine Bruce früh. Der Vater, Arbeiter bei Ford, wird von Stimmungsschwankungen gequält und kann zu seinen Kindern keine Beziehung aufbauen. Es ist die Mutter, Sekretärin in einer renommierten Anwaltskanzlei, die für den Zusammenhalt der Familie sorgt, finanziell und emotional. Sie ist es auch, die dem Sohn eine Gitarre kauft, nachdem der eine Epiphanie hatte, als ihm Elvis Presley im Fernsehen erschien.

Im Monopoly ist er gut

Der Schülerband The Castiles folgt die Hippiekommune Steel Mill, über die Springsteen jahrelang scherzte, er habe bei Steel Mill auf der Bühne Monopoly gespielt. Die Bruce Springsteen Band ist dann schon die Keimzelle der E Street Band. Und dann geht es richtig los. Die ersten beiden Alben sind Achtungserfolge, die Plattenfirma möchte aber mehr. Springsteen will liefern, entwickelt sich im Studio zu einem tyrannischen Perfektionisten. „Born To Run“, die Platte, die dem Buch den Namen gab, wird ein Millionenseller.

Springsteen entwickelt sich zum Arbeiterhelden, einer der den Rock ’n’ Roll den Leuten zurückgibt, die ihn groß gemacht haben. In ein und derselben Woche heben ihn „Time“ und „Newsweek“ aufs Cover. Spätestens mit „Born In The U.S.A.“ von 1984 verabschiedet sich der Sänger von kleinen Kaschemmen und mittelgroßen Hallen und wechselt in die XL-Welt des Stadionrock. Springsteen ist auf der Höhe seines Ruhms, aber wird er deshalb glücklich?

Bereits in der Kindheit, nach dem Tod der Großmutter, die ihn zum „verlorenen Kindkönig“ machte, ihn verwöhnte, wird Bruce vom schwarzen Biest angesprungen: der Depression, die auch seinem Vater das Leben zur sporadischen Hölle macht. In der Schule ist er ein Außenseiter, eines jener Kinder, die am Maschendrahtzaun stehen und die Geschehnisse auf dem Schulhof beobachten.

Hochkultur statt Hardboiled

Zu Springsteens Lieblingsautoren gehören Großschriftsteller wie Philip Roth und Richard Ford, der jetzt eine Eloge auf die Memoiren in der „New York Times“ geschrieben hat. Der junge Bruce dagegen bewunderte Hardboiled-Krimiautoren wie James M. Cain („Wenn der Postmann zweimal klingelt“) und Elmore Leonard, an dessen talk-no-shit-Diktion er stilistisch anknüpft. Springsteen besitzt ein Gespür für den Rhythmus der Sprache: „Hier leben wir: in einer Stadt, die elektrisiert und Rassenkrawalle gebiert, die Sonderlinge diskreditiert, Seelen seziert, Liebe und Angst kreiert, Herzen lädiert.“

Einige der Geschichten im Buch kennt man fast wortwörtlich aus seinen Bühnenansagen. Nach einem Motorradunfall herrscht der eigene Anwalt Bruce an, „wenn er der Richter wäre, würde er mich für schuldig befinden (welchen Vergehens, bitte schön?)“. Bei anderen Gelegenheiten geht Springsteen sehr ehrlich mit sich um, etwa wenn er über seine gescheiterte Ehe mit Model/Schauspielerin Julianne Phillips schreibt, die sich auch heute noch, dreißig Jahre nach der Scheidung, loyal verhält und keinen öffentlichen Kommentar abgibt. Oder darüber, wie gemein er werden kann, wenn sein lebenslanger Begleiter, die Depression, ihn mal wieder im Griff hat.

Schon in der autorisierten Biografie „Bruce“ schrieb der Autor Peter Amis Carlin über Springsteens depressive Schübe und diverse Therapieversuche durch Gespräche und Medikamente. In seiner Autobiografie plädiert der Musiker nun leidenschaftlich dafür, Depression endlich als das anzuerkennen, was sie ist: eine schreckliche Krankheit, an der niemand schuld ist, schon gar nicht der Erkrankte selber.

Vielleicht sind deshalb die Abschiede im Buch so bewegend, elegisch. Vom Vater, der ihn liebte, ihn aber nicht leiden konnte, vom E-Street-Band-Keyboarder Danny Federici („Er rieb sich in einer stummen Geste die Hände und versuchte, mir auf diese Weise mitzuteilen, was ich bereits wusste“) und vom lebenslangen Bühnenpartner Clarence Clemons: „Ich kehrte zurück zu meinem Hotel und schwamm so weit aufs Meer hinaus, bis ich die Geräusche vom Ufer nicht mehr hören konnte. Dabei versuchte ich, mir meine Welt ohne Clarence vorzustellen.“

Kunst wie Fast Food

Springsteen ist als Autor kein Anfänger. 1998 erschien parallel zur CD-Box „Tracks“ ein prächtig bebilderter Wälzer, der schlicht „Songs“ heißt und sämtliche bis dahin veröffentlichten Texte enthält, jedes Kapitel mit einer persönlichen Einführung. Vor zwei Jahren kam das Kinderbuch „Outlaw Pete“ heraus, bebildert vom Künstler Frank Caruso. Doch „Born To Run“ wendet sich an einen anderen Markt. Gleichzeitig mit dem Buch erschien die Best-of-CD „Chapter & Verse“, für den Hardcore-Fan mit fünf unveröffentlichten Songs veredelt.

Unmittelbar nach Abschluss seiner „The River“-Tour geht Springsteen jetzt auf Buchreise durch die USA. Doch in den zehn Buchhandlungen, die einen Auftritt des „Boss“ ergattern konnten, wird weder gelesen noch signiert. Interviewer befragen Springsteen, danach können Fans sich mit ihrem Idol fotografieren lassen. Ein bisschen hat das schon den Anschein, als würde da jemand seine Sachen ordnen.

Vor dem Hintergrund ist es auch interessant, dass Springsteen, der in der vergangenen Woche 67 Jahre alt wurde, seit zwei Jahren endlich seine Archive öffnet. Über die Webseite nugs.net kann man mehr als hundert Auftritte der beiden letzten Touren herunterladen. Dazu kommen bisher zehn ausgesuchte, legendäre Live-Aufnahmen aus den Jahren 1975 bis 2013, Delikatessen für jeden ernsthaften Fan.

Der Horrorschriftsteller Stephen King hat einmal über sich selber gesagt, seine Bücher seien die literarische Entsprechung zum Fast Food. Den Soundtrack zu einem Burger und einem Bier liefern zuverlässig Bruce Springsteen & The E Street Band, die auch in vielen von Kings Romanen zitiert werden. Schließlich sind es nicht die großen Fragen, es sind die kleinen Dinge, die ein Leben schön und wichtig machen.

Bruce Springsteen: Born To Run. Aus dem amerikanischen Englisch von Teja Schwaner, Daniel Müller, Alexander Wagner und Urban Hofstetter. Heyne Verlag, München 2016, 672 S., 27,99 €

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