Ein poetisches Ende. Alexei Pestow entwarf die „Brücke der Zukunft“ im Jahr 1987 – da hatte sich die Baukunst von der Hoffnung auf Verwirklichung längst entfernt. Foto: Katalog
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Sowjetische Papierarchitektur Gedankengebäude

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In der sowjetischen Spätzeit entstand die „Papierarchitektur“ – zu sehen im Berliner Museum für Architekturzeichnung.

In diesem Monat wird des 100. Jahrestags der Russischen Revolution gedacht. Sie hat eine wahre Explosion an künstlerischen Schöpfungen hervorgebracht, in allen Sparten. Zumal die Architekten entwarfen kühne Bauten für den neuen Sowjetstaat. Indes – das meiste blieb ungebaut. Nicht nur fehlte es an den materiellen Voraussetzungen, auch waren die Entwürfe den neuen Herren in Partei und Staat zu unkonventionell. Gesellschaftliche Experimente wie das „Kommunehaus“ für gemeinschaftliches Leben von Hunderten, ja Tausenden konnten nur in wenigen Fällen gewagt werden, und mit der Etablierung von Stalins Herrschaft wurde die Avantgarde spätestens nach 1932 ausgeschaltet.

Jahrzehnte später, während der „bleiernen Zeit“ unter Breschnew, gelang es zwei jungen Kuratoren, in den Redaktionsräumen der Moskauer Zeitschrift „Junost“ (Jugend) eine Ausstellung mit Arbeiten von Architekturstudenten zu zeigen, die gegen die Ödnis der industriellen Bauweise seitens der allmächtigen Kombinate aufbegehren. 1984 wurde zum Geburtsjahr der „Papierarchitektur“, wie Juri Awwakumow die Ausstellung betitelte. Es wurde der Name einer ganzen Richtung. Awwakumow ist nun, 30 Jahre später, gemeinsam mit Andres Kurg Kurator der Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen“, die im Museum für Architekturzeichnung am Pfefferberg die damalige Bewegung in Erinnerung ruft.

Im Ausland hatten die Papierarchitekten enormen Erfolg, so bei der ehrwürdigen Triennale in Mailand oder dem Pariser Architektursalon von 1988. Die sowjetischen Entwerfer durften zu Hause nichts bauen, aber ihre visionären,  gar nicht auf Realisierung ausgerichteten Entwürfe lösten im Westen Begeisterung aus zu einer Zeit, da der „Internationale Stil“ verbraucht war und unter dem Begriff der Post-Moderne ironische Anleihen bei der Vergangenheit gemacht wurden. Der Gang ins Ausland war den jungen Architekten eigentlich verboten, aber im bürokratischen Breschnew-Staat zerkrümelte auch ein solches Verbot angesichts der internationalen Resonanz.

Arbeiten aus Tallinn, Moskau und Nowosibirsk

Die sowjetischen Papierarchitekten konnten auf die Vergangenheit des eigenen Landes zurückgreifen – die ungebauten Zukunftshoffnungen der Konstruktivisten. Andere, insbesondere der mittlerweile als einer der Großen einer „denkenden“ Architektur gewürdigte Alexander Brodsky, orientierten sich an italienischen Vorbildern wie Piranesi oder an der französischen Revolutionsarchitektur eines Boullée oder Ledoux.

Die Papierarchitektur ging wesentlich von Moskau und der dortigen Architekturhochschule aus. Anderenorts, in Nowosibirsk wie auch in Tallinn, der Hauptstadt der damaligen Sowjetrepublik Estland, fanden sich Gleichgesinnte. Aus diesen drei Zentren sind nun Blätter im Berliner Museum zu sehen. Die estnischen Arbeiten sind farbig gehalten, während die russischen Beiträge meist in reinem Schwarz-Weiß daherkommen und vor allem das einheitliche Format von DIN A3 aufweisen. Damit nämlich konnten die Architekten am jährlichen Wettbewerb der Zeitschrift „Japan Architect“ teilnehmen, wozu jeweils zwei Blätter im nämlichen Format einzuschicken waren. Das reicht zurück bis ins Jahr 1975, und ab 1982 war die Teilnahme, wenn auch offiziell nicht gern gesehen, so doch erlaubt. „Papierarchitektur“ galt in der Sowjetunion als negativer Begriff, weil mit ihm – zu Recht – die Ablehnung der parteioffiziellen Linie verbunden wurde.

Es wächst. J. Awwakumow und M. Below entwarfen ein „Beerdigungs-Hochhaus“. Foto: Katalog
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Die in Berlin gezeigten Blätter, zumal die estnischen, lassen an damalige Entwürfe von Zaha Hadid oder Rem Koolhaas denken, die gleichfalls ungebaut blieben. Während die meisten Entwürfe auf keinen konkreten Ort bezogen sind, zielte der Gemeinschaftsentwurf von Alexej Gutnow und anderen, „Palast des Friedens und der Nationen“, unmittelbar auf das Grundstück des legendären „Palast der Sowjets“ aus Stalinzeiten, dessen Fundamente unter Chruschtschow zum Freibad umgebaut wurden. Brodsky und Ilja Utkin zeigten in „Columbarium habitabile“ von 1986 nichts weniger als das Absterben der Stadt, während Juri Awwakumow – er zeichnete selbst auch – zusammen mit Michail Below 1983 ein wachsendes Friedhofs-Hochhaus imaginierte.

Die Brücke bricht in Schönheit

Alexei Pestows „Brücke der Zukunft“ von 1987, also schon aus der Verfallszeit nach Breschnews Tod, macht sich über den jahrzehntelangen Technik-Optimismus des Sowjetstaates lustig: Diese Brücke, so wundersam hoch gebaut, trägt nicht mehr. Aber sie bricht in Schönheit.

Vilen Künnapu und Kollegen aus Tallinn nahmen am Wettbewerb „West Coast Gateway Los Angeles“ teil, mit einem Entwurf, der an die technizistischen Visionen der britischen Gruppe Archigram denken lässt. Schon 1973 hatte Ülevi Eljand „Außerirdische in Tallinn“ gesichtet, die mit ihrem Raumschiff am höchsten Kirchturm der Stadt festmachen. Heute gehört das Blatt dem Estnischen Architekturmuseum – als Teil und Zeugnis der nationalen Kunsttradition.

Museum für Architekturzeichnung, Christinenstraße 18a, bis 18. Februar. Mo-Fr 14-19, Sa/So 13-17 Uhr. Katalog 20 €.

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