Schalk und Noblesse. Die belgische Sopranistin Sophie Karthäuser. Foto: molinavisuals
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Sophie Karthäuser im Boulez Saal Sei ein Frosch

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Das Singen als alterierte Form des Flüsterns: Die Sopranistin Sophie Karthäuser begeistert mit ihrem Stimmzauber im Pierre Boulez Saal.

Das romantische Lied, das Kunstlied, es sind Tagträume, Ich-Erzählungen, Seelen-Vignetten, vielleicht das intimste Genre in der abendländischen Musik. Wenn die Sopranistin Sophie Karthäuser, kurzfristig eingesprungen für den erkrankten Luca Pisaroni, Schuberts und Wolfs Mignon-Lieder singt, kommt einem das jedenfalls schnell in den Sinn. Die erfahrene Mozart-Sängerin, die erst kürzlich mit René Jacobs und der „Zauberflöte“ als Pamina in Wien gastierte, schlägt gleich zu Beginn im Pierre Boulez Saal einen sehr persönlichen Ton an, umgibt ihren höchst wachen Gesang mit einer Atmosphäre der Absence, aus der die Erinnerungen emporsteigen. Das Singen als alterierte Form des Flüsterns: Hier stehe ich für mich allein, hört ihr mich?

Sorgsam setzt die 43-jährige Belgierin ihr feines Vibrato ein, das immer ein wenig nach innerer Erregung und zartem Herzensbeben klingt, überzieht Spitzentöne auch mal mit einer kräftigen Legierung, verwandelt sich vom traurigen Mädchen zur Operntragödin und wieder zurück. Eugene Asti am Flügel sorgt dafür, dass ihre Stimme weich gebettet bleibt, umhegt sie mit duftigem, aber nie vagem Anschlag. Ihren Stimmungsumschwüngen verwandelt er sich mühelos an.

Karthäuser modelliert die Melodien äußerst nuanciert

Seien es Hugo Wolfs „Mausfallen-Sprüchlein“, dessen Minuten-Farce „Bei einer Trauung“ oder Erik Saties „Melodies“: Karthäuser beherrscht auch die Koketterie, die Groteske, den Seitenblick, den Spaß, den verschlagenen Witz. Die Miniaturdramen und -komödien liegen ihr besser als Schuberts Todessehnsucht. Nach der Pause, bei Debussy und Poulenc, ist sie dann ganz bei sich. Ihr ein wenig nasaler, noch im Forte mit einem Rest Introvertiertheit ausgestatteter Sopran fühlt sich im Französischen hörbar am wohlsten. In Debussys „Claire de lune“ sendet sie die Töne wie Mondstrahlen auf einen nächtlichen See aus und bringt sie zum Schimmern. In „Fantoches“ ist sie ganz Schalk und Koketterie, mit Saties „Le Statue de bronze“, der Klage eines kleinen Bronzefroschs am Fuß einer Statue, bringt sie das Publikum zum Lachen.

Francis Poulencs Paris-Miniaturen stattet sie schließlich mit erzählerischem Reichtum auf engstem Raum aus und dessen „Banalités“ mit Eleganz, ja Noblesse. Im letzten Lied, „Les Chemins de l’amour“ sowie in der Zugabe „Fancy“, Poulencs einzigem englischsprachigen Lied, einer Shakespeare-Vertonung, modelliert Sophie Karthäuser die Melodien dann derart nuanciert, dass einem fast bang wird vor lauter Stimmzauber.

Recitals mit Sophie Karthäuser, gerne öfter! Wobei der Pierre Boulez Saal diesmal frontal bestuhlt ist, mit dem Flügel vor einem leerem Block B und mit Sitzreihen auf dem ovalen Podium. Es darf weiter experimentiert werden in Berlins jüngstem Kammermusiksaal.

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