Sophie Berner, 32, stammt aus München, spielt von St. Gallen bis Hannover und lebt in Berlin. Foto: Mike Wolff
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Sophie Berner im Porträt Trau dich, träum dich

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Die Paraderolle von Sophie Berner ist Sally Bowles aus „Cabaret“. Jetzt startet die Sängerin solo durch. Eine Begegnung.

So sieht es also bei Musicaldarstellers zu Hause aus. Wie im Schöner-Wohnen-Katalog. Dass Sophie Berner ein Faible fürs Einrichten hat, ist angesichts ihrer Charlottenburger Wohnung nicht schwer zu erraten. Nur der Mikroständer in der Mitte des Wohnzimmers stört. Ein Riesenspiegel, der davor an der Wand lehnt, löst die Sache auf. Sängerinnen benötigen halt andere Wohnaccessoires als Otto Normalverbraucher. Auch zu Hause wird beinhart am Auftritt, an den Posen, am Starappeal gefeilt. Dem von Sophie, nicht dem von Sally.

Die Nachtclubsängerin Sally Bowles aus dem Musical-Dauerbrenner „Cabaret“ ist Berner in mehr als 700 Aufführungen zu einer sehr guten Freundin geworden. Komisch nur, dass die auf der Bühne des Tipis am Kanzleramt, wo sie im August und September wieder zu sehen war, so viel stämmiger wirkt als die dünne Person, die da im Türrahmen lehnt. Das wird am sängerischen und charismatischen Wumms liegen, den Berner der Bowles verleiht – dieser Heldin des im Berlin der Weimarer Republik spielenden Musicals von John Kander und Fred Ebb, die in Bob Fosses Kinoversion von Liza Minnelli verkörpert wird. Berner hat der Bowles ihre Karriere zu verdanken.

Sie gewann 2005 den Bundeswettbewerb Gesang

Oder genau genommen Lutz Deisinger von der Bar jeder Vernunft. Er hat sie vom Fleck weg für die Rolle engagiert, als sie 2005 den Bundeswettbewerb Gesang und noch dazu den Gisela-May-Förderpreis gewonnen hat. Und siehe da, die Fußstapfen der Vorgängerinnen Anna Loos und Katherine Mehrling in Vincent Patersons damals noch in der Bar jeder Vernunft aufgeführten Inszenierung waren kein bisschen zu groß für sie. Und wenn sie dort nun am Montag mit ihrer Band erstmals die Personality-Show „Pure Imagination“ aufführt, ist das auch eine Heimkehr.

Aber muss die bei einer Frau, die vor lauter Musicalengagements seit fünf Jahren nicht dazu gekommen ist, ihre Solokarriere zu pflegen, ausgerechnet so aussehen, dass dabei auch ein „Cabaret“- Medley auf der Liedliste steht? Sophie Berner grinst. Mit diesem Vorwurf mangelnder Originalität in der Songauswahl hat sie gerechnet.

Berner erzählt von der Frau hinter Sally Bowles

Sie wolle aber endlich mal erzählen, wer die Sally Bowles aus Christopher Isherwoods Romanvorlage wirklich war. „Sein Vorbild war die damals in Berlin lebende, britische Kabarettsängerin Jean Ross, eine sehr politische Frau, die sich deutlich von der Figur der Nachtclubsängerin distanziert hat.“ Und mit der Interpretation des tollen Chansons „Die Welt ist klein geworden“ zitiert Berner eine weitere große Kabarett-Sängerin jener Zeit: die von den Nazis in Auschwitz ermordete Nora Gerson. Das ebenfalls aus den Dreißigern stammende Chanson „Alles Schwindel“ von Mischa Spoliansky, das Berners Regisseur Titus Hoffmann in die Fake-News-Gegenwart transponiert hat, komplettiert den zeitkritischen Anteil. Roter Faden der Lieder von Sonny Bono bis Roger Cicero ist aber ein anderer, erzählt Berner: „Die Macht der Vorstellungskraft.“

Sophie Berner produziert und finanziert die Show selbst

An der gebricht es der 32 Jahre alten gebürtigen Münchnerin, die ihr Handwerk an August Everdings Bayerischer Theaterakademie gelernt hat, ganz offensichtlich nicht. Berner glaubt daran, dass sich Solo- und Musicalkarriere verbinden lassen. Obwohl in der internationalen Musicalbranche inzwischen nicht mehr der Gesangsstar, wie ihn einst Ute Lemper, Uwe Kröger und Pia Douwes verkörperten, gewünscht ist, sondern austauschbare Profis, die die bei der Erstaufführung in New York, London oder Hamburg ausformulierten Charaktere auf die immer gleiche Weise ausführen. An ihrem inzwischen dritten Solo schätzt sie, die volle Verantwortung zu haben. Nicht nur künstlerisch, sondern auch finanziell. „Ich produziere die Show selber, bin prozentual an den Einnahmen beteiligt und bezahle davon Regisseur, Musiker und Techniker.“ Prompt meldet sie heftigen Protest an, wenn man ihr und ihren Kollegen in Musicals wie „Die Päpstin“, „West Side Story“ oder „Der Mann von La Mancha“ Austauschbarkeit unterstellt. „Da läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn Sie so was sagen.“ Sie und jeder ihrer Kollegen und Kolleginnen bemühe sich immer um eine eigene Interpretation. Selbst als Teekanne in einem Disney-Musical.

Lob den Stadttheatern, die sich etwas trauen

Und dann preist Berner die Stadttheaterlandschaft, die ihr eine Vielfalt von fünf verschiedenen Musiktheaterparts in einem Jahr ermöglicht. „Die sollten allerdings nicht nur ,Cats‘ spielen, sondern eigene Musiktheaterstücke in Auftrag geben.“ Dazu bedarf es einer Risikofreude, die bei öffentlich subventionierten Bühnen ja eigentlich künstlerischer Auftrag ist, aber von vielen Häusern, die durch populäre Musikshows die Besucherstatistik schönen wollen, vernachlässigt wird. Dass das so nicht laufen muss, hat Berner am Stadttheater Gießen erlebt. Da durfte sie mit Titus Hoffmann ein Zweipersonenstück über Marilyn Monroe entwickeln, das von der Depression der Diva erzählte. „Intendantin Cathérine Miville hat uns vertraut und einfach machen lassen. So muss das gehen“, findet Berner. Und so ging es auch. Fünf Jahre stand das Stück auf dem Spielplan.

Das läuft beim „Pop-Oratorium Luther“ anders. Mit dem Großprojekt zum Reformationsjubiläum ist Berner nach einer Tour durch die Arenen der Republik nun am Sonntag vor dem Reformationsfest auch in Berlin zu erleben. Den Part der Marketenderin Lara hat sie nicht übernommen, weil sie gläubige Lutheranerin ist, sondern weil sie schon vorher mit dem deutschen Musicalpapst Michael Kunze zusammengearbeitet hat. Er hat das mit einem mehrtausendköpfigen Laienchor aufgepimpte Spektakel zusammen mit Dieter Falk ausgeheckt. Sophie Berner gefällt daran, was ihr auch an der Sally Bowles gefällt: die Bandbreite sängerischer und darstellerischer Ausdrucksmöglichkeiten. Die Chance, nicht nur eine, sondern viele zu sein.

Berner in der Bar jeder Vernunft: 23./24. 10., 20. 11.; „Pop-Oratorium Luther“: Arena am Ostbahnhof, 29. Oktober, 12 Uhr (Restkarten) und 17 Uhr (ausverkauft), Ausstrahlung im ZDF, 31.10., 22 Uhr

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