Ein Bauherr aus Berlin. Der Stil der Villa Massimo ist nicht italienisch, sondern zeigt eher die deutsche Vorstellung Italiens. Foto: picture alliance / DUMONT Bildarp

Rundgang durch die Villa Massimo Römische Augenblicke

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Neun Monate war die Villa Massimo wegen Renovierung geschlossen, im Herbst zogen neue Stipendiaten ein. Ein Rundgang durch die wichtigste deutsche Auslandsakademie – mit dem Fotografen Göran Gnaudschun.

In einem alten Mussolini-Bau im Zentrum Roms, in einer Gastrobar pizza al taglio, wo Pizza per Gewicht berechnet wird, zeigt Göran Gnaudschun auf das Blech mit der Funghi. „Questa“, sagt er, das bisschen Italienisch kann er mittlerweile. Viel mehr wäre schwierig, „so oft komme ich nicht raus“: Arbeit von sieben bis Mitternacht, seit drei Monaten, drüben, auf der anderen Straßenseite, hinter dieser hohen, ockerfarbenen Mauer. An Tagen, an denen er das Gelände seines Arbeitsplatzes gar nicht verlassen hat, steht er abends dort oben auf der Mauer und sieht auf das Treiben auf der Straße hinunter, „ein bisschen Italien atmen“.

Die Mauer steht mitten in Rom und trennt doch Italien von Deutschland. Hinter ihr wachsen Oleanderbüsche und Palmen wie in Italien, Ranken überziehen alte Steinterrassen, und Skulpturen säumen die Schotterwege. Doch mitten auf dem herrschaftlichen Gelände steht die Villa Massimo, die Deutsche Akademie in Rom, der wohl wichtigste Ort deutscher Kultur im Ausland. Und Gnaudschun ist einer der Stipendiaten, einer von neun Schriftstellern, Bildenden Künstlern, Architekten und Musikern. Seit über hundert Jahren kommen aufstrebende und etablierte Künstler hierher.

Der nationalsozialistische Hofkünstler Arno Breker arbeitete 1932/33 hier Seite an Seite mit dem jüdischen Maler Felix Nussbaum, Rolf Szymanski mit Uwe Johnson, Gabriele Wohmann mit Hubert Fichte, Terézia Mora mit Andreas Maier. Anselm Kiefer war hier, bevor er berühmt wurde, oder Thomas Demand und Eva Leitolf. Fotograf Göran Gnaudschun, am besten bekannt durch seine eindrückliche Porträtserie von Punks auf dem Alexanderplatz, lebt wie all die anderen vor ihm in einer der geräumigen Atelierwohnungen, die wie eine deutsche Reihenhaussiedlung am Rande des Geländes stehen.

Glückliche Kindheitsbilder, drohend verzerrt

Durch die Dachfenster von Studio 6 scheint römische Sonne ins weiße Atelier. Auf 80 Quadratmetern verteilen sich Stühle, Sofas und viele Tische. Darauf: Textschnipsel, Bücher und Ausstellungspläne. Überall sind Fotografien zum Trocknen ausgebreitet. Bilder von Gestrüpp und Büschen im Nirgendwo, überscharf. Schärfer, als das menschliche Auge sehen kann. An den Wänden ein lebensgroßes Foto einer jungen Frau in altmodischer Kleidung, 70er Jahre. Daneben Kinder, ringeltanzend im Garten. „Sieh mal auf die Frisuren“, sagt Gnaudschun, „das ist Ende der 30er Jahre.“ Was glückliche Kindheitserinnerung sein sollte, wirkt heute, mit dem historischen Wissen darüber, was bevorsteht, drohend verzerrt.

Gnaudschun ist in den letzten Vorbereitungstagen für seine Ausstellung „Wüstungen“, die am 7. Januar im Haus am Kleistpark eröffnen wird. Zusammen mit seiner Frau, Fotografin Anne Heinlein, hat er die überwucherten Reste von Dörfern entlang der deutsch- deutschen Grenze fotografiert, die dem Grenzstreifen weichen mussten. Dazu Bilder aus den Privatalben vertriebener Bewohner, die sie in den umliegenden Dörfern gefunden haben. In Berlin-Heinersdorf die Vertriebenen den Grenzweilers Osdorf, im thüringischen Bad Colberg den Rest von Billmuthausen.

Das prestigeträchtigste Stipendium Deutschlands

Wieso gerade hier, in Rom, Bilder der deutsch-deutschen Grenze anordnen? Läge da nicht Potsdam, Gnaudschuns Geburts- und Wohnort, näher? „Die Temperatur ist hier eine andere“, sagt er, „auch die Lebenstemperatur.“ Gerade dieser Kontrast schärfe den Blick. „In der Fremde sieht man das Eigene klarer“, sagt er. Und die finanzielle, räumliche und zeitliche Sicherheit, die einem ein 11-monatiges Stipendium bietet, sei ehrlich gesagt auch nicht übel.

Die Stipendiaten der Villa Massimo erhalten 2500 Euro im Monat, eine Unterkunft, ein geräumiges Atelier und vor allem eine sehr sehr intensive Betreuung. „Das war nicht immer so“, erklärt Joachim Blüher, „je länger ich aber hier bin, desto mehr lege ich Wert darauf.“ Eigens dafür habe er eine Beauftragte für die Stipendiaten eingestellt, die sich ausschließlich um deren Belange kümmert. Blüher ist Direktor der Villa Massimo – und Nachbar. Seine Wohnung liegt nur wenige Schritte von Gnaudschuns entfernt, in einem der Reihenhäuser. „Ein Direktor muss vor Ort sein“, sagt er, „für alle Fälle.“ Blüher, ein großer, breiter, emphatischer Mann, übernahm die Villa Massimo 2002. Er fand eine vernachlässigte, fast vergessene Institution vor. Und brachte sie zurück auf die Landkarte. Blüher ist ein hervorragender Verkäufer, er organisierte Veranstaltungen im Garten der Villa, zog erst die Kulturelite der Stadt, später Interessierte und dann auch die Jugend der Stadt auf den grünen Hügel der Villa Massimo. Heute ist sie einer der wichtigsten Kulturorte Roms, das Stipendium das prestigeträchtigste, das man als Künstler in Deutschland bekommen kann.

Vermischung deutscher und italienischer Ideen

So hat Blüher erreicht, was von Anfang an, vor über 100 Jahren, das Ziel der Villa Massimo war: Einen deutschen Beitrag zur Weltkunst zu machen. Der Berliner Unternehmer Eduard Arnhold erbaute die Villa 1910 und schenkte sie dem preußischen Staat, um daraus eine kaiserliche Kunstakademie nach dem Vorbild der schon 1666 gegründeten Académie de France à Rome zu machen. Und so wie die Villa Medici – seit 1803 Sitz der Académie – nach französischem Geschmack gebaut wurde, ist auch die Villa Massimo nicht wirklich italienisch, mehr die deutsche Vorstellung Italiens.

Die Eingangsallee: toskanisch. Die geschwungenen Arkaden im Nebenhaus: venezianischer Stil des 17. Jahrhunderts. Die Bodenmosaike: Freimauerersymbolik. „Etwas großartig Kulissenhaftes“, nannte Durs Grünbein, Stipendiat 2009, die Villa. Diese Vermischung der deutschen Idee mit der italienischen will Blüher nächstes Jahr weitertreiben. Er möchte die Bronzeplatten durch Neonröhren ersetzen, „im Stile Gelateria Italiana“. Eine Ästhetik des Italienischen, die man nur in den Eiscafés der deutschen Provinz finden kann. Und der Kulturort Villa Massimo ist die Abbildung des Deutschen, inklusive der Provinz. Auch wenn sie im Herzen Roms steht.

Der Fotograf Göran Gnaudschun. Foto: Yannik Hannebohnp

Die Position als großer Kulturort muss dennoch ständig verteidigt werden. „Die Franzosen und Amerikaner holen auf“, sagt er. Die „Franzosen und Amerikaner“, das sind zwei von insgesamt 28 ausländischen Akademien in Rom. In keiner Stadt der Welt gibt es mehr. In derselben Liga wie die Villa Massimo spielen aber lediglich die Académie de France und die American Academy. „Im Konzert der Akademien“, sagt Blüher, „möchte ich die deutsche Violine hörbar machen.“

Blüher spricht in solchen zitierfähigen Sätzen, in Paragrafen und Bildern, er lässt seine Ideen in Pointen enden und sie in der Stille einwirken, bevor er zum nächsten Gedanken ausholt. Der gelernte Kunsthändler, der sich selbst als „Impresario“ bezeichnet, war Galerist bei Werner in Köln und New York, bevor er zur Villa Massimo kam.

Großer Andrang: 1500 Bewerber auf neun Plätze

Mit dem Ruhm kam die Anspruchshaltung. Die Akademie wird jedes Jahr teurer für den Förderer, den deutschen Staat. 2,1 Millionen kostet sie jährlich, doppelt so viel wie 2007. „Das ist wenig“, sagt Blüher: 8,4 Millionen lassen sich die Franzosen die Académie kosten, die Amerikaner 10 Millionen. „Kunst darf nicht billig sein“, sagt er, „sie muss bezahlt werden, wenn sie verkauft wird und gefördert werden, wenn sie entsteht.“ Und das mit der einzigen Währung, die wir haben: Geld. Die meisten Residenzprogramme seien ihr Geld nicht wert. „Zwei Monate Stadtschreiber in einer umgebauten Zwei-Zimmer-Wohnung und 300 Euro reichen nicht“, sagt er. „Wenn Kunst sich erst einrichten muss, ist sie schon gestorben.“ Deshalb gebe es hier die größten Ateliers, die beste Betreuung, das meiste Geld. Und deshalb sei die Villa Massimo in der Hierarchie der Programme Nummer eins. „Mit Abstand.“ Das zeigt auch der Andrang: 1500 Bewerber auf neun Plätze.

Die Zukunft der Kunstförderung, sagt Blüher, müsse darin bestehen, dass nicht mehr, sondern weniger gefördert werde, dafür aber konzentrierter und nachhaltiger. Und das gehe eben nirgendwo so wie hier, in der Ruhe des Anwesens, umgeben von Mauern, die die laute Hauptstadt Italiens von der kleinen, deutschen Enklave trennen.

Eröffnung der Ausstellung „Wüstungen – geschleifte Orte an der innerdeutschen Grenze“ von Göran Gnaudschun und Anne Heinlein am Sonntag, 8. Januar, 17 Uhr im Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6-7 (bis 5. März)

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