Szene aus "Luther dancing with the gods" Foto: Lovis Ostenrik
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Rundfunkchor: "Dancing with the gods" Süße Weltenmüdigkeit

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Gesang verwandelt sich in Gestalt, Vision, Raumerlebnis: Robert Wilson und der Rundfunkchor Berlin mit „Luther dancing with the gods“ im Piere Boulez Saal.

Wie Teufel mit Engelsflügeln sehen sie aus, vielleicht sind es auch schwarze Engel mit Teufelskappen. Der Rundfunkchor Berlin betritt den Saal, die bodenlangen Gewänder rascheln, die Schritte der Sängerinnen und Sänger sorgen für ein leises Dröhnen im Raum, wenn sie das Parkett umrunden. Ein Defilee, eine Prozession, alle zusammen, jeder für sich. Noch ist kein Ton erklungen, und schon verwandelt Robert Wilson den Pierre Boulez Saal in einen kultischen Ort.

Willkommen in der Arena, im Amphitheater, auf der Agora. Lydia Koniourdou rezitiert den Anfang der Schöpfungsgeschichte auf Griechisch. Jürgen Holtz erscheint als sprachgewaltiger Luther, wirklich eine Erscheinung, ein Reformator von ehrfurchtgebietender und doch melancholischer Gestalt. Ein junger Rotschopf (Serafin Mishiev) hüpft im Kreis beziehungsweise in Frank Gehrys Oval und macht sich einen heiteren Reim auf die Gottesanbeter. Der Klang der Sprache, die Rhetorik der Klänge: Wilsons Text-Musik-Collage „Luther dancing with the gods“, die erste szenische Aufführung in Berlins neuem Kammermusiksaal, vereint die Polyphonie von Bachs Motetten mit Luther-Texten, Zitaten aus der Apokalypse, Steve Reichs wunderbar vertracktem geklatschten Minimal-Kanon „Clapping Music“ und den todessehnsüchtigen Versen von William Carlos Williams’ Poem „The Widow’s Lament in Springtime“.

Ein Versuch über die Religion

Das kindliche, das gewaltige, das mystische Moment der Religion. Dieser Abend ist kein frommes Bekenntnis, kein Reformations-Gedenken, Bob Wilson sagt von sich, er sei kein religiöser Mensch. Aber er unternimmt einen Versuch über die Religion, die Struktur des Spirituellen, den Ausdruck und die Form, die der Mensch seinem Glauben gerne gibt. Schwarze Roben (wie oft bei Wilson mit breiten Schultern und hohen Kragen), weiße Gesichter, ein purpurroter Albtraumvogel. Mittelalterliche Figurinen treten auf, ägyptische Priester ringen miteinander, tragen Fische auf dem Rücken. Vielstimmigkeit als polyglotter Zungenschlag, Deutsch, Griechisch, Lateinisch, Englisch. Ein Zeitlupen-Religionskrieg wird mit hoch erhobenen Speeren ausgetragen. Und mit Gesteinsbrocken, auf denen die Namen der Evangelisten eingraviert sind. Bis Luther sich ins Sterbebett legt, unter ein zartes, riesiges Leintuch. Lauter Rituale, Spielanleitungen für Erwachsene. Robert Wilson, der 76-jährige amerikanische Zeremonienmeister, zitiert Hieronymus Bosch und Hans Holbein, erinnert daran, dass Europa zwischen Luther und Bach die Hölle erlebte, den Dreißigjährigen Krieg. Und er vergisst den Humor nicht, wenn das rotschopfige Kind zu keckern anfängt und ein Luthersches Buchstabenrätsel zum Besten gibt. Unschuld, Trauma, Spiel, Tod, sie gehören zusammen.

Das Publikum wohnt einer Metamorphose bei. Gesang verwandelt sich in Gestalt, Vision, Raumerlebnis. Der Rundfunkchor experimentiert schon länger mit solchen Transformationen, etwa 2010 bei Bachs Matthäus-Passion, mit Peter Sellars und den Berliner Philharmonikern. Diesmal stimmen die Sängerinnen und Sänger eine Improvisation über die ersten Zeilen von Bachs Lied „Komm, süßer Tod“ an. „Immortal Bach“ des Norwegers Knut Nystedt: Aus einem Chor werden fünf, Text und Melodie fächern sich auf, dehnen sich aus, hallen nach, in vielfach verschiedenen Tempi. Der Konzertsaal wird zum Echoraum, man findet sich eingehüllt von Gesang.

Folgen Bachs Motette „Jesu, meine Freude“ und drei kürzere, doppelchörige Vokalwerke des Thomaskantors, „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“, „Komm, Jesu komm“ und „Fürchte dich nicht". Immer neu formieren sich die Choristen im sich verdunkelnden, von feinen Leuchtstreifen und -geometrien rhythmisierten Raum, sammeln sich auf den Treppen, schreiten hinunter ins Oval, drehen sich um die eigene Achse, machen unter der besonnenen Leitung von Gijs Leenaars die polyphone Textur sichtbar, begleitet von einem Basso-Continuo-Trio.

Keine Verzückung, kein Verdämmern: Die Zurückhaltung tut not

Dabei verzichten sie auf die expressive, explizite Ausdeutung barocker Affekte. Keine Konsonantengewitter bei der Zeile „Ob es itzt gleich kracht und blitzt“, keine eigens betonten Seufzer, keine Verzückung, kein Verdämmern. Die Zurückhaltung tut not, zu viel Synästhesie würde in Kitsch münden. Man sieht ja schon, was man hört. Da die Choristen immer wieder ganz nahe hinter dem Publikum stehen, verliert der Gesang seine Geschlossenheit, jedenfalls in der letzten Parkettreihe. Die kompakten Tutti und die erlesene Klangkultur des Rundfunkchors wird von Haarrissen durchzogen. Einzelne Stimmen ragen heraus, man vernimmt das brüchige Pianissimo des Soprans im Rücken oder die geflüsterten Textbrocken des bei Rundum-Formationen notwendigen Ko-Dirigenten Benjamin Goodson. Die Grenzen des Kollektivs, der individuelle Rest, das menschliche Maß in dieser so streng wie fantastisch choreografierten heilig-profanen Messe: Es ist die schönste Anmutung, die größte Irritation an diesem Abend.

Sieben Plagen, Engel der letzten Tage, blütenumkränzte Trauer der Witwe in Williams’ Gedicht, „Komm, sel’ge Ruh“: Wilson nimmt der Weltenmüdigkeit von Bachs Motetten jegliche Schwere. Eine leichte Süße würzt seine Bildermusik, man labt sich daran. Und Steve Reichs Klatsch-Kanon im 12-Achtel-Takt probieren wir demnächst selber mal aus.

wieder am 8. und 10. bis 12. Oktober, 20 Uhr. Es gibt noch Restkarten.

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