Valérie Zenatti, deren Familie aus Algerien stammt, wurde 1970 in Nizza geboren und wuchs in Israel auf, heute lebt sie in Paris. Foto: Patrice Normand / Schöffling & Cop

Roman von Valérie Zenatti Ihr seid alle Verräter

Nicole Henneberg
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Valérie Zenatti erzählt in ihrem Roman „Jacob, Jacob“ von Leben algerischer Juden zwischen 1940 und dem Ende des Unabhängigkeitskrieges.

Vom Leben der algerischen Juden zwischen 1940 und dem Ende des Unabhängigkeitskrieges 1962 ist wenig bekannt. „Jacob, Jacob“ schließt diese Lücke eindrucksvoll. Die jüdischen Einwohner Algeriens waren mit der Kolonisierung französische Bürger geworden, die Muslime nur Untertanen ohne Bürgerrechte. Trotzdem lebten Juden und Muslime friedlich zusammen, kämpften auch Seite an Seite gegen die deutschen Besatzer Frankreichs. Valérie Zenatti, deren Familie aus Algerien stammt, wurde 1970 in Nizza geboren und wuchs in Israel auf, heute lebt sie in Paris.

In ihrem Roman erzählt sie die Geschichte der Juden in Constantine, der drittgrößten Stadt Algeriens. Im Zentrum steht der Gymnasiast Jacob, ein kluger, sensibler Junge, der besonders die gewaltige Hängebrücke seiner Heimatstadt liebt, einen Ort zwischen Erde und Himmel. Von hier aus fühlt sich der Weg ins jüdisch-arabische Viertel wie ein Gang in die Unterwelt an. In der armseligen Wohnung, in der sich neun Personen drängen, herrscht der Vater, ein Schuster, der wie die Mutter weder lesen noch schreiben kann und lieber zuschlägt, als zu reden. Die elementaren Beschreibungen dieser Familie, ihrer blanken Not, Unwissenheit und Ohnmacht, sind die stärksten Passagen. Sie erinnern an Albert Camus’ autobiografisches Romanfragment „Der erste Mensch“. Wie dessen Ich-Erzähler ist auch Jacob ausgebrochen. Er wird ein brillanter Schüler, der Edith Piaf und die Gedichte Victor Hugos liebt und von Paris, Freiheit und Gleichheit träumt. Bis er 1941 als Jude der Schule verwiesen wird: Im Land werden die antijüdischen Gesetze Marschall Pétains umgesetzt. Jacob erträgt dies nur, weil ein ebenfalls relegierter, jüdischer Lehrer ihn privat unterrichtet. Zwei Jahre später darf er doch das Abitur ablegen und wird sofort einberufen.

Afrikanische Einheiten im Krieg für Frankreich

In Frankreich schweigt man bis heute darüber, wie skrupellos die jüdischen Rekruten benutzt wurden. So landet Jacob 1944, notdürftig ausgebildet aber stolz, das Vaterland zu befreien, mit seinen arabischen Kameraden in der Provence. Er überlebt nur wenige Monate – die afrikanischen Einheiten werden zu besonders schweren Einsätzen geschickt. Zenatti erzählt davon ohne jedes Pathos und deshalb besonders verstörend. Jacobs größter Bewunderer ist sein 10 Jahre jüngerer Neffe Gabriel. Er will, um Jacobs Andenken zu bewahren, ein besonders guter Soldat sein: Auf dem Höhepunkt des algerischen Unabhängigkeitskrieges meldet er sich zur Räumung aufständischer Dörfer, weil er Arabisch spricht. „Ihr seid Verräter“, schreit 1961 eine bewaffnete Menge Großmutter Madeleine auf der Hängebrücke entgegen. Kurz darauf flieht die Familie nach Frankreich, wie alle jüdischen Einwohner des Landes lehnt sie die Unabhängigkeit ab. Man könnte es ihr drittes Exil nennen.

Valérie Zenatti: Jacob, Jacob. Roman. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Schöffling, Frankfurt a.M. 2017. 195 Seiten, 20 €.

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