Wo ist der Panchen Lama? Demonstration in Neu-Delhi, Mai 2016. Foto: Sajjad Hussain/AFPp

Roman von Marcus Braun Buddhas verlorener Bruder

Nicole Henneberg
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Zwischen Tibet und China: Marcus Brauns Polit-Thriller „Der letzte Buddha“ beruht auf der wahren Geschichte des verschwundenen Panchen Lama.

Diesen unerhörten Roman muss man zweimal lesen, um zu ermessen, welches Wagnis er eingeht – und glanzvoll besteht. Es mag an den ungewöhnlichen Bildern und der strengen Sprache liegen, die sich diesem emotional hoch aufgeladenen Stoff ganz unpathetisch nähert, dass man zuerst von der erzählerischen Recherchebewegung gebannt ist. Sie führt von Los Angeles nach Tibet und wieder zurück, unternimmt einen folgenreichen Abstecher nach Hongkong und endet in einer fast zärtlichen Vision des sterbenden Dalai Lama.

Marcus Brauns Roman „Der letzte Buddha“, seine erste Veröffentlichung seit „Armor“ vor zehn Jahren, beruht auf einer wahren Geschichte: Am 17. Mai 1995 verschwand der Sechsjährige, den der Dalai Lama nach einem aufwendigen Auswahlverfahren als elfte Wiedergeburt des Panchen Lama, eines Abtes aus dem 17. Jahrhundert, erkannt und proklamiert hatte. Statt seiner setzte die chinesische Regierung das Kind regimetreuer Kader ein. Über den Verbleib des Jungen und seiner Eltern gibt es seither keine genaue Auskunft. 2015 soll der Entführte, berühmt geworden als der jüngste politische Gefangene der Welt, 26 Jahre alt geworden sein. Angeblich führt er irgendwo in China ein normales Leben.

Marcus Braun hat nicht nur gründlich recherchiert, sondern die „Erleuchteten“ nah herangeholt. Er schildert ihre Zweifel und Albträume, ihre Visionen und ihre Dünnhäutigkeit. Der Buddhismus stellt alles infrage, alle Wirklichkeit wird erst durch die Existenz beglaubigt: „Es gibt keine Regeln, es gibt für ihn keinen Präzedenzfall, alles hat Ursachen, alles ist einzigartig“ denkt der 14. Dalai Lama, als er an die tragische Wahl des verschwundenen Panchen Lama zurückdenkt. „Buddha des Unermesslichen Lichts“ wird er genannt. Dass er jetzt zur Hauptfigur eines Polit-Thrillers wird, in dem alles unklar bleibt, ist bezeichnend für die feine Ironie dieses Romans.

Schaffen Rituale Wahrheit?

Ausgerechnet in Los Angeles lässt Marcus Braun den verschwundenen Jungen, der jetzt Jonathan heißt, wieder auftauchen. Sein einziger Lebenssinn besteht im Surfen. „Ein Surfer hört dir nie zu, wenn du mit ihm redest, weil seine Gedanken nicht bei dir sind, sondern bei der Welle“, hatte der Journalist geschrieben, der Jonathan zu erklären versucht, dass er wahrscheinlich der echte Panchen Lama sei. Die Chinesen lieferten ihm bislang geheimes Material, und der nur mäßig erfolgreiche Reporter, der zwei Jahre lang Korrespondent der „Los Angeles Times“ in Nepal war, wittert die Story seines Lebens. Aber diese Thriller-Ebene ist nur ein Spiel, das immer wieder und auf unterschiedlichen Ebenen Fragen nach Glauben und Macht, Kalkül und Selbstvertrauen stellt.

Schaffen Rituale Wahrheit? Was ist wahr und warum? Die Nonne, in die Jonathan sich während seiner buddhistischen Ausbildung verliebt, erklärt ihm, sie habe zwar ein Keuschheitsgelübde abgelegt, halte aber „nicht viel von Ritualismus und vertraue mit Buddha lieber ihrem eigenen Verstand und ihrem Körper“. Ähnlich sieht das auch der Dalai Lama, eine sympathische und eigensinnige Figur: Er verbietet sogar seine Wiedergeburt, solange Tibet chinesisch besetzt ist.

Ein Spiel ohne Unschuldige

Auf einer Dachterrasse in Hongkong findet schließlich das entscheidende Gespräch zwischen echtem und falschem Panchen Lama statt: ein tödlicher Kampf mit Worten, eine großartige und gnadenlose Szene. Mitten im Smog sitzen sich die beiden gegenüber, man sieht sie wie auf einer Filmleinwand vor sich. Der von den Chinesen eingesetzte Lama wagt inzwischen sogar Kritik und will einen „Tibetischen Frühling“ initiieren. Dass seine Kampagne ironisch „Einheit durch Gerechtigkeit“ heißt, ein Slogan, der sich oft in Glückskeksen findet, mildert die von ihm verhängten Todesurteile nicht. Diese dramatische Fallhöhe bleibt immer spürbar, der mit allen demagogischen Wassern gewaschene Mönch und Spitzenkader spielt damit und setzt seinen amerikanischen Gast mit einer einzigen Frage außer Gefecht: „Bist du es wert, dass man sich deinetwegen verbrennt?“

Sparsam instrumentiert und psychologisch klug sind die Begegnungen zwischen dem überheblichen Jonathan und den Geistlichen geschildert. Marcus Braun, 1972 an der Mosel geboren, verfügt nicht nur über klare philosophische Begrifflichkeiten, er erzählt die bizarren, aus wechselnden Perspektiven beleuchteten Wendungen dieser Geschichte auch mit existenzialistischer Neugier. Mit welchem Selbstverständnis, fragt sich der Dalai Lama, beten die Mönche am Heiligen See um ein Zeichen, während sie von der chinesischen Besatzungsmacht mit Blendgranaten beschossen werden? Dass es in diesem Spiel keine Unschuldigen gibt, muss auch er sich eingestehen.

Marcus Braun: Der letzte Buddha. Roman. Hanser Berlin 2017. 208 Seiten, 20 €.

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