Blick in die Ausstellung „Rodin – Rilke – Hofmannsthal. Der Mensch und sein Genius“ in der Alten Nationalgalerie. Foto: Nationalgalerie / SMB / Andres Kilger
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Rilke, Hofmannsthal, Rodin in der Nationalgalerie Die Muse flieht

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Rilke, Hofmannsthal – und eine Skulptur von Rodin: die Alte Nationalgalerie Berlin erzählt eine Dreiecksgeschichte.

Wenn es eines Namens bedürfte, um den Wandel der öffentlichen Wahrnehmung von Skulptur zu illustrieren, so wäre es der Auguste Rodins (1840– 1917). Dass seine Plastiken beinahe regelmäßig Skandal machten, wäre heute undenkbar. Aber nicht nur Skandal, sondern überhaupt heftige Emotionen: Ließe sich heute noch eine Skulptur denken, bei deren Anblick ein junger Dichter schriebe, er müsse sein „Leben ändern“?

Es handelt sich um einen „Archaischen Torso Apollos“, der diese ungeheure Forderung stellt; so jedenfalls besagt es der Titel, den Rainer Maria Rilke seinem Gedicht von 1908 gegeben hat. Doch Rilke verunklart; hier wie auch in dem Gedicht „Nike. Zu einer antiken Figur“. Die „Nike“ hat er 1920 besungen, und wiederum scheint er den Eindruck einer jener antiken Plastiken verarbeitet zu haben, die er im Pariser Louvre so oft bewunderte.

Weit gefehlt. Rilke war 1920 in den Verkauf einer kleinen Skulptur Rodins verwickelt, die heute „Der Held (Der Mensch und sein Genius)“ betitelt ist, einer Bronze Rodins aus dem Jahr 1896. Diese Bronze gehört zum Bestand der Berliner Nationalgalerie, erworben von deren West- Berliner Zweig zu einer Zeit, da die anderen Rodin-Skulpturen unerreichbar im Osten Berlins bewahrt wurden. Mit Blick nicht nur auf Rodins Großplastiken, sondern überhaupt auf dessen riesenhaftes Lebenswerk ist die Berliner Bronze eine Petitesse. Um sie herum rankt sich jedoch eine Dreiecksgeschichte zwischen Rodin, Rilke und einem weiteren Dichter, Hugo von Hofmannsthal, der die Bronze vom Bildhauer erworben hatte und sich 1920 genötigt sah, sie zum Verkauf anzubieten.

Ein Unikat, gegossen im Auftrag Hofmannsthals

Diese Dreiecksgeschichte ist es, die jetzt in der Alten Nationalgalerie als Kabinettsausstellung aus Briefen und Dokumenten zugänglich gemacht wird, angereichert um die Versammlung der Berliner Rodin-Skulpturen samt einigen wenigen Leihgaben. Die Faszination, die Rodins Arbeitsweise einst ausgestrahlt hat, ist uns Heutigen fremd geworden, wie schon die Retrospektive, die der Pariser Grand Palais dem weltbedeutenden Bildhauer im Frühjahr ausgerichtet hatte, bei aller Materialfülle deutlich machte. Im intimen Austausch der beiden Dichter und der weiteren involvierten Personen kommt jedoch eine Ahnung auf, was Skulptur einmal bedeutet haben muss.

Das Thema der Bronze – die im Übrigen, für Rodin ungewöhnlich und kostbar genug, ein Unikat ist, gegossen allein im Auftrag Hofmannsthals – musste Dichter besonders ansprechen. Denn der Kampf um die Inspiration, um Dichters Muse, war Hofmannsthal wie auch Rilke nur allzu geläufig. Und da formt Rodin einen männlichen Heros, der eine weibliche, geflügelte Figur weniger hält als stützt, die, kopflos zwar, ihn halb mit dem Flügel beschützt, halb sich von ihm wendet. Das hat Rilke in seinem späten Gedicht „Nike“ zu genau erfasst, um eine andere als genau diese Quelle seiner Inspiration im Sinn gehabt haben zu können.

Denkstück. Rodins Skulptur „Der Held“ war 20 Jahre lang im Besitz von Hugo von Hofmannsthal. Foto: Nationalgalerie/SMB/Andres Kilger
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Das Unentschiedene der Situation – hat der „Mensch“ (Mann) einen Genius, der ihn im Wortsinne beflügelt, oder verlässt dieser ihn vielmehr? – drückt sich in der Unentschiedenheit der Materialbearbeitung aus. Rodin formte seine Figuren zunächst aus Gips. Ihm schien der Gips überhaupt das gemäße Material zu sein, sich wandelnden Gedanken Ausdruck zu verleihen. Die Bronze ist hier tatsächlich nur die Abformung, und wo das rohe Material endet und die aus ihm geformte Figur beginnt, ist nirgends genau zu bestimmen.

Rodin machte mit dieser Art der Materialbehandlung und des non-fini ungeheuren Eindruck. Man muss sich seine Wirkung auf dem Hintergrund einer Epoche vergegenwärtigen, die Denkmäler liebte, nicht nur von nationalen Heroen, sondern auch in jeglicher allegorischer Sinngebung. Rodin, der den Nationaldichter Balzac im Morgenmantel auftreten ließ und den „Denker“ vom Modell eines kauernden Preisboxers nahm, war da der Gegenpart, freilich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts selbst zum Nationalhelden verklärt.

Die ganze Verkaufsgeschichte ist im schönen Katalog nachzulesen

Hofmannsthal (1874–1929), Mitbegründer der Salzburger Festspiele, war ein Frühvollendeter, als er 1900 in Paris Rodin kennenlernt – da erreichte der Bildhauer gerade den Höhepunkt seines weltweiten Ruhms – und von ihm den Guss der „Musen“-Skulptur erlangt. 1920 eine ganz veränderte Situation; der Erste Weltkrieg hat Hofmannsthals Laufbahn erheblich beeinträchtigt – „seit 6 Jahren liege ich hier wie ein Hund an der Kette“, schreibt er an den jungen Carl Jacob Burckhardt –, und den halb feudalen Lebensstil, den er in seinem Schlösschen kultivierte, konnte er nicht länger aufrechterhalten. Nun sucht er einen hochmögenden Käufer, findet ihn auch in der großbourgeoisen Schweizer Familie Reinhart. Da nun kommt Rilke (1875–1926), der ja selbst 1905/06 einige Monate als „Privatsekretär“ Rodins in Paris fungiert hatte, ins Spiel und setzt sich brieflich für den quälend mühsamen Verkauf ein. Das alles ist in dem schönen Katalog nachzulesen, der die Berliner Ausstellung begleitet, und von der man nicht recht weiß, ob sie dem Publikum den Bildhauer Rodin nahebringen soll oder eher ein warmes Dämmerlicht auf die hochästhetische Existenzform wirft, in der sich Hofmannsthal wie Rilke eingerichtet hatten.

Berlin besitzt eine zweite Skulptur Rodins von ganz ähnlicher Thematik: „Der Mensch und sein Gedanke“ von 1896–1900, diesmal in Marmor ausgeführt und selbstverständlich „unvollendet“. Was Rodin hier wie auch sonst virtuos zeigt, ist seine Fähigkeit, flüchtige, sich der Darstellbarkeit entziehende Sujets sehr wohl in hartes Material zu bannen; doch so, dass die Flüchtigkeit ihnen eingeschrieben bleibt. Hofmannsthal hatte Zeit und Gelegenheit genug, in seinem Haus in Rodaun bei Wien die „Musen“- Bronze zu betrachten, in der Hand zu halten und zu wenden und sich der Flüchtigkeit der künstlerischen Inspiration bewusst zu bleiben.

Alte Nationalgalerie, Bodestraße 1–3, bis 18. März. Katalog 25 €., www.smb.museum oder www.augusterodininberlin.de

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