Naher Osten, ferner Osten. Neben der Autobahn bei Paphos umwerben Makler ihre neue Klientel – auf Chinesisch. Foto: AFP
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Reisetagebuch aus Zypern Ana und die Chinesen

Max Thomas Mehr
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Wie tickt Zypern heute - mit pleite gehenden Boutiquenbesitzerinnen, Armutsflüchtlingen aus Indien und Sri Lanka, reichen Chinesen und Touristen aus Resteuropa? Impressionen von einer irren Insel.

Die frühen Orangenbäume blühen schon wieder, von den späten fallen die Früchte ab. Ganze Plantagen werden nicht mehr geerntet. Das Kilo Apfelsinen an der Straße kostet 50 Cent, Mandarinen die Hälfte. Da lohnt sich das Pflücken nicht.

Zypern im Frühling 2013. Den Flug über Zürich haben wir vor Monaten gebucht, die Maschine ist voll mit bleichen deutschen Touristen. Auch die Kinder freuen sich auf ein paar Tage Sonne und Meer. Dennoch ein mulmiges Gefühl bei der Anreise – wegen der Nachrichtenbilder von Demonstrationen in der Hauptstadt Nikosia, gegen Angela Merkel und das Europa der Deutschen. Wie werden sich die sonst so freundlichen Zyprioten verhalten? In der Hosentasche drückt das Portemonnaie. Niemand weiß, ob die Bankautomaten funktionieren und wie lange die Banken noch geschlossen bleiben. Also ist die Reisekasse mit Zehn- und Zwanzig-EuroScheinen gefüllt.

Im Flugzeug lese ich im Schweizer „Tagesanzeiger“ über einen Besuch bei Hans Magnus Enzensberger. Er bestreite nicht, dass die EU als echtes Friedensprojekt gestartet sei. Doch spätestens seit dem Euro gehe sie in die entgegengesetzte Richtung und betreibe die politische und ökonomische Enteignung von Europas Bürgern. Enzensberger schmeichelt den Schweizern: Er würde ihnen „eher Blumen schicken als die Kavallerie“, wenn sie nur die durch Brüssel verkörperte Homogenisierung des Kontinents aufhielten. Es gebe schließlich ein paar hundert Millionen andere Leute, die „in Europa reisen, heiraten, geschäften, befreundet sind, Jobs annehmen. Wir selbst sind Europa, Herr Gott.“

Wie lebt der europäische Bürger im Levante, in Zypern auf dem Land, am Rand der Eurozone, abseits der Brüsseler Bürokratie und der zähen Verhandlungen zwischen Troika, Regierung in Nikosia und der EU? Ziel unserer Reise ist ein kleines Dorf im Nordwesten. Auf dem Weg wollen wir noch einkaufen, vor einem langen Wochenende – am Montag wird die Befreiung von den Türken im Jahr 1821 gefeiert. In der Woche darauf steht der Beginn des Kampfs gegen die Briten auf dem Kalender, das war 1955. Sehr gestrige Feiertage. Im Supermarkt neben der Autobahn kommt der Orangensaft aus Portugal, das Müsli aus Skandinavien, das Klopapier aus Italien. Die Eier sind schon eine Woche abgelaufen, die Preise sind so hoch wie in Deutschland, nur die „FAZ“ kostet doppelt so viel. Es lebe der europäische Binnenmarkt!

Das Haus in den Bergen gehört einer Freundin. Es hat zwei Zimmer, die Tür ist offen. Ein Freund hat zur Begrüßung Orangen und eine Flasche heimischen Wein auf den Tisch gestellt. Draußen wuchert der Frühling, und in der Ferne schimmert die Bucht am Akamas, wo einst Aphrodite, die Göttin der Liebe, den Wellen des Meeres entstieg. Der Mythos sagt, dass dort zypriotische Mädchen der Göttin ihre Jungfräulichkeit opferten, indem sie sich Pilgern hingaben.

Am nächsten Morgen besuchen wir Hans, den pensionierten Lehrer aus Deutschland. In seiner Nachbarschaft lebt Ana. Sie hat frische Eier für uns, ein Glas eingelegte Oliven und ein Pfund Schafskäse. Mehr als sechs Euro will sie nicht dafür. Sie bekommt die Lebensmittel im Tauschhandel, denn sie geht nebenbei putzen. Ana kommt aus Sri Lanka, seit sieben Jahren betreut sie die dementen zypriotischen Nachbarn des Deutschen. Die Einheimischen gäben ihr nie die Hand, sagt Hans. Manche nennen sie nur „Mavri“, „Schwarze“.

Erst betreute Ana den Vater eines Mannes, der einmal im Monat aus der Stadt kommt und den sie „Boss“ nennt. Seit der Alte gestorben ist, versorgt sie Helleni, dessen 80-jährige Frau. Ana hat keine freien Tage und kein eigenes Zimmer, der Boss zahlt ihr 350 Euro im Monat. Die 150 Euro, die er ihr zusätzlich für Verpflegung zahlt, müssen für Ana und Helleni reichen. Mit ihren erwachsenen Kindern spricht sie täglich via Skype, seit sieben Jahren war sie nicht mehr zu Hause.

In dem Dorf mit vielleicht 100 Einwohnern leben zehn Frauen aus Sri Lanka. Alle haben sie ähnliche Jobs, auf Basis eines Abkommens zwischen der Republik Zypern und Sri Lanka. Wenn Helleni stirbt, muss Ana das Land und die EU sofort verlassen, das regelt das Abkommen auch. Die Schafe und Ziegen oberhalb des Dorfs werden wiederum von Indern gehütet. Die sind in der Regel als Studenten eingereist und verdingen sich illegal, ebenfalls für 350 Euro im Monat. Sie leben in Wellblechunterständen, die sich kaum von den Ställen der Tiere unterscheiden.

Wer über Land fährt, sieht die Folgen von Zyperns übereilter Ankunft in der Moderne. Villen stehen auf jedem Bergvorsprung, am liebsten mit „Bay View“ und Swimmingpool: Vermutlich ist die Dichte von Pools und Autos der Marke Jaguar nirgends so hoch wie hier – der Turbokapitalismus hinterlässt seine Spuren. Flächennutzungspläne scheint es auf Zypern nie gegeben zu haben. Auch das Ferienhaus der Freundin ist ein Beispiel dafür. Bezahlt hat sie es vor 15 Jahren, auch den Grund und Boden. Aber sie weiß bis heute nicht, ob es ihr wirklich gehört. Der Bauunternehmer, der es nach ihren Vorstellungen errichtete und dem das Grundstück gehörte, hat eine Änderung im Kataster so lange verzögert, bis ihm auf das inzwischen bebaute Grundstück ein neuer Kredit bei der Bank gewährt wurde. So konnte er weitere Häuser bauen, um sie ebenfalls wieder zu verkaufen. Eine Zeit lang lief das Geschäft – bis er insolvent wurde.

Das Haus ist kein Einzelfall, ebenso wenig die levantinischen Methoden des Unternehmers. Seine Bank sitzt auf einem Haufen von Krediten, deren Sicherheiten auf ungeklärten Eigentumsverhältnissen beruhen. Es ist die Laiki-Bank, deren Pleite Schlagzeilen machte. Nun suchen 50 000 Immobilien einen Käufer. Wobei sich die riesigen Werbeplakate längs der Autobahn nicht mehr an Europäer richten oder an neureiche Russen. Vor allem um Chinesen wird gebuhlt, auf Chinesisch. Besonderes Bonbon: Ein Chinese, der ein Haus für 300 000 Euro kauft, bekommt ein EU-Dauervisum. Er muss sich nur alle zwei Jahre auf der Insel blicken lassen, damit sein Visum nicht verfällt. Ana aus Sri Lanka hingegen muss raus aus Zypern, sobald Helleni stirbt.

Auf dem Weg zum Strand halten wir bei Rita. Die Brandenburgerin hat vor ein paar Jahren einen Zyprioten geheiratet und betreibt ein kleines Café. Ihre Soft Angels aus frisch gepresstem Orangensaft mit Vanilleeis sind legendär. Im Sommer brummt ihr Laden, im Winter ist nicht viel los. Woher kommt die Krise?, fragen wir sie. Nur wenige zahlen hier Einkommenssteuer, erklärt sie. Erst bei einem Betriebsergebnis von knapp 20 000 Euro im Jahr wird sie fällig, in Deutschland werden Einkommen schon ab 8000 Euro besteuert.

Sabine kommt auf einen Metrio vorbei, einen zypriotischen Kaffee, schwarz wie die Nacht und süß wie die Sünde. Die Lehrerin aus Marburg hat die doppelte Staatsbürgerschaft, sie ist hier verbeamtet und verdient auf Zypern so viel wie in Hessen, knapp 4000 Euro. Anders als in Deutschland gibt es noch das 13. Monatsgehalt für Lehrer, und wer in Rente geht, bekommt als Beamter eine Art zusätzliche Apanage. Je nach Dienstjahren sind das bis zu 40 Monatsgehälter auf einen Schlag, zusätzlich zur Pension.

Manche hat die Krise härter getroffen, zumindest auf den ersten Blick. Ireni stammt aus einer alteingesessenen zypriotischen Familie und besitzt ein Ferienappartement direkt am Meer. Sie hat in diesen Tagen viel Geld verloren. Für eine internationale Modekette betreibt sie auf der Insel ein Dutzend Geschäfte; eine Million Euro hatte sie auf ihrem Konto bei der Laiki-Bank, davon sind 900 000 nun weg. Sie könne keine Ware mehr bestellen und ihr Personal nur noch aus den Tageseinnahmen entlohnen, klagt sie, der Umsatz in den Läden sei auf 20 Prozent gefallen. War es denn ein Geschäftskonto? Die sollten ja verschont bleiben. Ein Augenaufschlag, ein tiefer Blick: So richtig klar wird nicht, was für Geld sie verloren hat, ein paar Immobilien in Athen und auf der Insel bleiben ihr wohl noch.

Die vorherige Regierung sei schuld an der Krise, schimpft Ireni. Die habe jahrelang verschwiegen, wie schlecht es Zypern tatsächlich gehe. Außerdem ist natürlich Europa schuld und, ja, Frau Merkel. Ireni ist eine der wenigen, die die Deutschen für die Misere verantwortlich macht. Eine Verschwörung wittert sie auch: Die Europäer wollen Zypern in die Knie zwingen, um sich das Gas aus dem Meer vor der Küste zu sichern. Sofern es nicht vorher die Türken tun.

Zwei Wochen Zypern, im April 2013. So viel Armut, so viel Luxus. Die Lehrerin überlegt, nach über 20 Jahren nach Deutschland zurückzukehren. Vielleicht sei hier doch mehr Orient, als sie bisher dachte. Die Insel könnte ein Paradies sein, aber jetzt werde das Leben zu unsicher.

Zurück im Land der Steuererklärungen und Kreditbeschränkungen stellt sich die Frage, welches Europa wir eigentlich retten in Zypern. Und ob Enzensberger es sich zu einfach macht, wenn er auf die Bürokraten in Brüssel schimpft und auf den Euro – statt zu überlegen, welchen way of life wir paar hundert Millionen Europäer eigentlich wollen. Gehören die indischen Schafhirten dazu, die als Studenten einreisen? Die Frauen aus Sri Lanka, die für 350 Euro unsere Alten pflegen, rund um die Uhr, und die in Europa nichts mehr zu suchen haben, wenn ihre Schützlinge sterben? Reden wir doch mal konkret darüber, welchen Kontinent wir retten wollen, in Griechenland, auf Zypern, aber auch im Deutschland von Angela Merkel. Talkshows dafür gäbe es genug.

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