Exkursion ins Ungewisse. Die Band Can in der Hamburger Fabrik, irgendwann in den Siebzigern. Foto: picture-alliance / Jazzarchiv
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Rock Comeback des Krautrocks

Ralph Geisenhanslüke
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Teutonisches Grübeln und entgrenztes Hippietum: Warum der Krautrock mal wieder ein Comeback erlebt.

Meine erste Begegnung mit deutscher Rockmusik roch nach Patschuli. Sie fand im Zimmer des großen Bruders meines Freundes Andreas statt. Andreas wohnte eine Querstraße entfernt in unserem Viertel, wo sich die Blocks der Werkssiedlungen eines Haushaltmaschinenherstellers aneinanderreihten, irgendwo in der westdeutschen Waschbeton-Ödnis Mitte der siebziger Jahre. Oft traf ich Andreas, wenn ich von der Schule kam. Er war ein Freak. Die halblangen Haare in der Mitte gescheitelt, Oberlippenflaum, Stofftasche , Birkenstock-Schuhe, immer eine Selbstgedrehte in der Hand. „Ey Alter“, sagte Andreas, der schon 15 war, „wie sieht’s aus?“ Ich war elf oder zwölf, gerade dem Bonanza-Rad entwachsen.

Dann verbrachten wir meist den Nachmittag in der Dachbude seines großen Bruders Ulf. Ulf gebot über eine gigantische Plattensammlung, die er uns selbstlos zum Gebrauch überließ. „Mehr als 400 Scheiben, Alter.“ Vor diesen Nachmittagen war meine musikalische Initiation gerade bis zu Deep Purple und Pink Floyd gekommen. Aber nun eröffneten sich unendliche Weiten. Wir hörten seitenweise. Wenn die heilige Nadel in die Rille fuhr, war Schweigen geboten, wir redeten nur in den Pausen zwischen den Stücken in das Knistern der Leerrillen. Der Patschuligeruch kam von den Räucherstäbchen. Damit die Eltern nicht merkten, dass Ulf und seine Freunde großformatige Zigaretten konsumierten.

Krautrock. Hätten wir das Wort damals gehört, hätten wir es übersetzt mit: Kiffermusik. Aber das Wort haben Briten als Schmähung erfunden. Briten zählen kurioserweise heute zu den leidenschaftlichsten Verehrern deutscher Rock- und Elektronikmusik aus den Jahren etwa von 1968 bis 1975. So genau nimmt das mit den Jahren niemand. Und auch nicht mit der Musik. Für manche Leute zählen Kraftwerk dazu – denen bei dem Gedanken wohl der eine oder andere Schaltkreis durchbrennen würde – oder die endlosen Klanglandschaften, die den schrankwandgroßen Synthesizern von Tangerine Dream und Klaus Schulze entwuchsen. Es gibt die heilige Dreifaltigkeit: Can, Faust, Neu! Vielleicht noch die eine oder andere improvisationsfreudige Hippiekommune, über deren Gedaddel sich der gnädige Mantel des Vergessens gelegt hat. Es gibt eine Reihe mythischer Namen: Amon Düül, Embryo, Guru Guru, Popol Vuh; man käme nicht auf die Idee, die Scorpions dazuzuzählen. Ansonsten herrscht heillose Begriffsverwirrung.

Dennoch gibt es alle Jahre wieder ein Krautrock-Revival. Das britische Musikmagazin „Mojo“ widmete dem Thema Ende der Neunziger mal eine Ausgabe, allein die Story ging über 27 Seiten. Dann gab es das Buch „Krautrocksampler“ von Julian Cope. Letztes Jahr ging Geoff Barrow, der kreative Kopf von Portishead, für sein Projekt Beak mit zwei Mitmusikern für zwölf Tage ins Studio-Klausur. Alles live. Das Album klingt wie ein Konzentrat aus Can, Faust und Neu! In der aktuellen Ausgabe der „Spex“ erzählt die britische Band OMD von Kraftwerk-Platten aus der Zeit, bevor diese „zum Friseur gingen“.

Was ist es nur, das Briten und Amerikaner so reizt an deutscher Rock- und Elektronikmusik? Da ist zum einen der Aspekt des Spezialistentums: Es ist cool, sich mit etwas auszukennen, das schon vor 40 Jahren cool war. Obercool war in dieser Zeit, dass sich in Deutschland kaum jemand um konventionelle Songstrukturen zu scheren schien, und schon gar nicht um Verkaufszahlen. Strophe, Refrain, was sollte das? Es waren Exkursionen ins Ungewisse, Ungehörte. Etwa Neu! mit ihrem Klassiker „Hallogallo“, den in Deutschland kaum jemand wahrnahm. International fielen die Reaktionen euphorisch aus. Brian Eno erklärte das Schlagzeugspiel von Klaus Dinger zu den größten rhythmischen Errungenschaften der Siebziger. David Bowie war „completely seduced“. Jahre später würde Damon Albarn über diese Musik sagen: „Ich stelle mir Deutschland wie eine 1000 Meilen lange Autobahn mit weißem Sand vor, an der Lautsprecher in Bananenbäumen hängen.“

Musiker wie Holger Czukay und Irmin Schmidt von Can hatten bei Karlheinz Stockhausen studiert. Can waren nicht die Ersten, die im Sinne der musique concrète Alltagsgeräusche als Rohmaterial verwendeten. Aber sie taten es besonders effektiv. Besonders Czukay wurde ein Meister des Schneidens, der ganze Gesangsparts aus den Beiträgen von Radiopredigern zusammenschnitt – im Übrigen ehe Brian Eno und David Byrne dies taten und in die Ruhmeshallen der experimentellen Popmusik einzogen. Und über allem lag der repetitive Groove von Jaki Liebezeit, einem Mann, der nicht daran dachte, seinen Trommeln einen einzigen überflüssigen Schlag zuzumuten. Überdies hatte er oft den Teppich von seiner Snare-Drum weggeklappt, so dass sie nicht schneidend klang, sondern weicher, rollender, federnder. Für viele Briten ist Jaki Liebezeits Sound bis heute der Inbegriff einer Groove-orientierten, trancehaften, ja afrikanischen Haltung zum Rhythmus. Das Can-Studio in der Nähe von Köln hieß nicht ohne Grund „Inner Space“. Ein Ort für Fluchten, weg vom deutschen Dauerherbst.

„Spacig, Alter“ – sagten wir vor Ulfs Plattenspieler, sogar bei den tranigen Jane aus Hannover oder bei Eloy, deren Sänger den Kampf mit dem „th“ längst aufgegeben hatte. Bei den blümeranten Ergüssen von Novalis und dem Ruhrpottklamauk von Grobschnitt. Allesamt Bands, die auch heute bei keinem britischen DJ auf den Teller kämen. Man vergisst bei aller Verklärung oft, wie viel aufgeblasener Schrott durch die Matratzengruften schallte. Unsere Nachmittage aber ließen Raum für Projektionen, Träume, Fantasien, trugen uns weg von der Langeweile. Dachten wir. Dabei war die Welt gar nicht so langweilig.

Wir hatten keine Ahnung, dass etwa zur selben Zeit, nur 100 Kilometer entfernt, ein gewisser Brian Eno auf einem Gehöft im Weserbergland abhing, mit ein paar Freaks, die Moebius, Roedelius und Rother hießen, und Musik aufnahm, die Jahrzehnte später noch Bestand haben sollte. Wer hätte gedacht, dass Brian Eno, der androgyne Londoner Paradiesvogel von Roxy Music, mal einen Song über die Lüneburger Heide singen würde („Don’t get lost on Luneburg Heath“)? Genau der Eno, der spätere Produzent und Gesamtkünstler, der David Bowie, Iggy Pop oder U2 mit dem Kraut-Virus infizierte, das er sich bei den Landfreaks eingefangen hatte.

Man kann sich die Siebziger zumindest in musikalischer Hinsicht als unschuldige, fruchtbare Zeit vorstellen. „Kommerz“ war damals ein Totschlagargument. Der wahre Künstler hatte brotlos mit einem klapperigen Tourbus durch die Welt zu ziehen. Er hatte „unabhängig von angloamerikanischen Vorbildern“ zu sein, solche musikstalinistischen Phrasen las man damals tatsächlich. Aber in der Abschottung lag auch eine Chance, weil in Deutschland damals Gewächse ganz eigener Art gediehen, so wie es heute in Norwegen oder Neuseeland der Fall ist. In den repetitiven Beats, im Aufeinandertreffen von teutonischem Grübler- und entgrenztem Hippietum, entstand etwas Urdeutsches, aber zugleich auch Authentisches. Und das ist genau die Sorte Krauts wie man sie schätzt im Rest der Welt; mögen die Bands nun Kraftwerk heißen oder Rammstein.

Ich traf Andreas ein paar Jahre später wieder. Ich war mit dem Auto auf dem Weg nach Hagen, wo gerade die Neue Deutsche Welle losgeschwappt war. Andreas hielt den Daumen in die Luft, ich nahm ihn mit. Er schob sich eine Scheitelsträhne hinter das rechte Ohr und sagte: „Ey, Alter, du hier?“ – Ja, sagte ich, immer mal wieder.

Faust spielen am Di, 21.9., im Festsaal Kreuzberg. Michael Rother, Steve Shelley (Sonic Youth), Benjamin Curtis und Aaron Mullan als Hallogallo am Do, 23. 9., die Musik von Neu! im Admiralspalast.

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