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Neue Deutsche Welle Mach dein eigenes Ding

Kai Müller
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"Alles nur geträumt": Ein Buch über die Neue Deutsche Welle besichtigt einen nicht verblassenden Mythos.

Es ist nicht oft vorgekommen, dass Popmusik in Deutschland ein Lebensgefühl treffend beschrieb und zum Erfolgsmodell wurde. Auf die Neue Deutsche Welle trifft das zu, aber dem Begriff schlägt von jeher ebenso viel Hass entgegen wie über seine Geltung kein Zweifel besteht. „Diese anderen Bands tauchten schlagartig auf“, wetterte Andreas Dorau, einer ihrer markantesten Protagonisten, im Schlusskapitel von Jürgen Teipels „Verschwende Deine Jugend“-Chronik gegen den Ausverkauf. „Dieser ganze Markus-und-Nena-Super-GAU war ja konventionell produzierter Schlagerpop. Das waren einfach Mucker mit gewieften Produzenten, die auf einmal dasselbe machten wie wir – nur eben in doof. Wie sollte ich den Leuten erklären, wo da der Unterschied liegt?“

Ein anderer Zeitgenosse, der Labelgründer und spätere Musikjournalist Hollow Skai, versucht jetzt, diese Frage mit dem Abstand von beinahe dreißig Jahren weniger wutschnaubend zu beantworten. „Alles nur geträumt“ heißt die längst überfällige Aufarbeitung dessen, was im Untertitel mit „Fluch und Segen der Neuen Deutschen Welle“ das ambivalente Verhältnis zu dieser – neben Techno – einzigen genuin deutschen musikalischen Bewegung im Pop auf den Punkt bringt.

Thematisch schließt „Alles nur geträumt“ an Teipels Punk-Apotheose an, die dem seit Jahren anhaltenden Rebellionsgedenken eine unerschöpfliche Fundgrube an verkrachten Lebensläufen und verglühten Extravaganzen geliefert hat. Mit der Neuen Deutschen Welle kam 1980 zu einem abrupten Ende, was einmal als Außenseitergeschichte und kreatives Chaos begonnen hatte. So jedenfalls lautet das bittere, larmoyante Credo der Beteiligten, dem sich auch Autor Hollow Skai mehr oder weniger anschließt. Trotzdem ist sein Buch kein schmallippiger Lobgesang auf die Frühphase des Hype, als noch keiner so recht wusste, wohin die Reise gehen würde, weil sich in den großen Plattenfirmen für Bands wie Rotzkotz, DAF oder Abwärts niemand interessierte.

Ohne die Erfahrungen des Post-Punk, sagt Skai, sei die Neue Deutsche Welle nicht vorstellbar gewesen. Sie ist zunächst einmal nichts anderes als eine Übertragung des englischen Modebegriffs New Wave auf die provinzlerischen deutschen Verhältnisse. Vor allem das verkrampfte Verhältnis zu kommerziellen Interessen, das den Blick auf die Neue Deutsche Welle bis heute prägt, erklärt sich aus dieser geistigen Verwandschaft. Mach dein eigenes Ding, war die von England aus in den späten Siebzigern nach Deutschland schwappende Botschaft. Hier verstand man das als Aufruf zu ökonomischer Unabhängigkeit, was in der Folge zu einer Gründungsepidemie von Kleinlabels führte. Aber auch zu einer künstlerischen Neuausrichtung: Deutsch wurde singbar, und warum nicht auch mal ein Lied über eine Verkehrsampel schreiben?

In einem großen Spannungsbogen zeichnet Skai nach, wie sich aus dem Untergrund eine Musik entwickelte, die es nirgendwo sonst auf der Welt gab mit ihrem kruden Anspruch, sich bewusst nicht „zum Anhängsel der angloamerikanischen Rock-Punk-Tradition“ machen zu lassen. Sie dominiert für zwei kurze Sommer sogar die Hitparaden – obwohl sich Dieter-Thomas Heck noch 1983 weigerte, Geier Sturzflug in seiner Sendung anzusagen. Da die NDW kein Zentrum hatte, widmet der Autor den „Szenen“ in Düsseldorf, Hamburg, Hannover und Berlin detaillierte historische Abrisse, wobei der Werdegang der Bands nachgezeichnet und ihr künstlerischer Anspruch beleuchtet wird. Exkurse über den Umgang mit Nazi-Symbolen und der deutschen Sprache runden das Bild ab. Das ist alles kenntnisreich und leicht verständlich gehalten, weshalb „Alles nur geträumt“ als Lektüre für jene unverzichtbar ist, die längst vergessen haben oder gar nicht wissen können, woher die entscheidenden Impulse für den musikalischen Aufbruch kamen und wer sie gesetzt hat.

Das Problem des Buches ist seine überspannte Haltung zum Establishment. So vergnüglich es ist zu erfahren, wie umständlich viele der frühen NDW-Bands mit sich selbst umgingen und ihre Karrieren in den Sand setzten, so sehr leidet der Erzählfluss unter einer Flut uninspirierter Zitate und unbeholfener journalistischer Versuche einer popkulturellen Einordnung. Hollow Skai will den Reflexionsrahmen miterzählen, wie er sich in der damaligen Medienlandschaft abgebildet hat. Aber das führt nur dazu, dass die Kluft zwischen denen, die dabei waren, und den anderen, die keine Ahnung hatten, unangenehm auf alle Seiten zurückfällt. Was interessiert uns heute, ob Matthias Döpfner als Musikkritiker der „FAZ“ das Phänomen für Kunst oder Mode hielt?

Auch stört, dass der Musikindustrie zwar vorgeworfen wird, sie habe mit Frl. Menke, Hubert Kah und Spliff zugkräftigere Konkurrenzprodukte geschaffen und den Markt überschwemmt, doch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem vermeintlichen Trash findet kaum statt. Dabei gehört der ebenfalls zum großen Getöse, das eine Welle nun mal ausmacht. So hallen in „Alles nur geträumt“ die Echos früherer ideologischer Grabenkämpfe nach. Die Musikindustrie habe aus dem kommerziellen Fiasko ab 1983 nichts gelernt, urteilt Skai, außer „wie man eine Jugendbewegung bis zum Exitus auspressen kann“. Wie wir wissen, weiß sie selbst das heute nicht mehr.

Hollow Skai, Alles nur geträumt – Fluch und Segen der Neuen Deutschen Welle. Hannibal Verlag, Innsbruck 2009, 254 Seiten, 14,50 Euro.

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