Kennedi Clements als Madison Bowen in einer Szene des Kinofilms "Poltergeist". Foto: 20th Century Fox / dpa
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"Poltergeist": Remake von Sam Raimi Und wieder rauscht die Glotze

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„Spider-Man“-Regisseur Sam Raimi hat ein Remake des Gruselklassikers „Poltergeist“ produziert: Auch diesmal hilft gegen das Böse im Fernseher nur eins – uramerikanischer Familiensinn.

Das sind paranormale Aktivitäten, die Freude machen. Klein Madison hockt im Vorgarten und steckt ein Stöckchen in den Rasen. Schwupps, schiebt es sich wieder raus. Sie bohrt erneut. Zack, ist der Stock wieder draußen. Madison kichert entzückt. Auch später, als ihr beim Anfassen des Kleiderschrankknaufs die Haare prickelnd zur Berge stehen. Kenner der Poltergeist-Szene jedoch wissen: so spaßig der Horror auch beginnt, so zerstörerisch geht er später aus. Wie überhaupt die in der Eingangssequenz aus der Vogelsperspektive gefilmte Totale stereotyper Eigenheime der all-American suburbs verlässlich als filmische Ankündigung mannigfaltiger Schrecken dienen, normaler wie paranormaler.

„Poltergeist“, das Remake also. Das Original stammt aus dem Jahr 1982 und ist ein Horrorklassiker, dessen von Industrial Light & Magic konzipierten Schaueffekte weiland Maßstäbe setzten. Regie führte Tobe Hooper, aber die eigentliche visuelle und inszenatorische Handschrift stammt von Effekt-Großmeister Steven Spielberg, der den Film maßgeblich mitproduziert und -gestaltet hat. Spielberg-typisch vereint „Poltergeist“ eine spannende Spukgeschichte mit einer sentimentalen Familiensaga und veritabler Medienkritik. Denn schließlich ist es der Fernseher, in dem in „Poltergeist“ das Böse wohnt. Über den die Geister der Parallelwelt im rauschenden Schneegestöber des heute nicht mehr existierenden Sendeschlusses Kontakt mit dem kleinen Mädchen aufnehmen. In den Achtzigern, als fernsehkritische Medientheoretiker wie Neil Postman mit „Wir amüsieren uns zu Tode“ Bestseller landeten, war das ein ausgesprochen innovatives und beziehungsreiches Gruselfilmmotiv.

Der Geisterjäger stammt aus dem Reality TV

Wohlgemerkt, in den Achtzigern. Die Neuauflage von Regisseur Gil Kenan („Monster House“) und Produzent Sam Raimi („Spider- Man“) zeigt zwar werkgetreu das weiße Rauschen von einst – nur eben auf dem Flachbildschirm, der bei Empfangsstörungen ja eigentlich nur Pixelwürfel kennt. Doch die alte Brisanz der blau leuchtenden Kombination Mädchen und Gehirnwäschemaschine stellt sich nicht ein. Und das, obwohl es Kennedi Clements suggestiver Kleinmädchenblick durchaus mit dem ihrer ebenso blauäugigen, jedoch blonden Vorgängerin Heather O’Rourke aufnehmen kann. Und obwohl jetzt sogar ein von Jared Harris („Mad Men“) gespielter Geisterjäger antritt, dessen Reality-TV-Show die Lieblingssendung der Teenager-Tochter der Familie Bowen ist. Anfänglich klebt sie an jedem Schirm und Display, nur um später – von Heimsuchungen gebeutelt und medienkonsumkritischer gestimmt – auf den verfluchten Fernseher einzutreten.

Von kleinen, modernisierenden Abweichungen in Plot und Setting abgesehen, gleicht die Spukgeschichte heute der bereits vor 33 Jahren erzählten. Ein Paar mit drei Kindern bezieht ein neues Heim. Seltsame Ereignisse häufen sich. Die kleinste Tochter, Madison, verschwindet. Die Familie sucht Hilfe bei einem technisch absurd aufgerüsteten Expertenteam. Das wiederum bei einem besonders begabten Medium, welches enthüllt, dass die Siedlung auf einem einstigen Friedhof errichtet wurde, dessen Einlieger auf die Einhaltung ihrer Totenruhe pochen. Unerlöste, kapitalistischer Gier geopferte Seelen also, denen man ihren Zorn eigentlich nicht verübeln kann.

Im Hauswirtschaftsraum blubbert der Schleim

Diese moralische Entlastung der Gespenster ist aber nicht der Grund dafür, dass der neue „Poltergeist“ so harmlos und niedlich rüberkommt. Vielmehr haben sich Kenan und Raimi zugunsten eines familienkompatiblen Unterhaltungsfilms, der ohne jeden visuell einleuchteten Grund in 3-D herauskommt, für rührend altmodischen, unblutigen Halluzinationsgrusel entschieden, der kaum Angst und Schrecken verbreitet. So schleift sich schnell der Angst-Lust-Reflex des Horrorzuschauers ab, der sonst inständig mitbetet, „Geh’ nicht in den Schrank, steck’ die Hand nicht in das Loch“. Immerhin: „Vater Bowen“ Sam Rockwell, der sein verbürgtes sinistres Potenzial in „Poltergeist“ nicht unterbringen kann, krauchen wenigstens mal ein paar Würmer aus dem Mund. Und im Hauswirtschaftsraum blubbert der aus dem Totenreich emporsteigende, lebende Schleim.

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War „Poltergeist“ 1982 auch ein Hohelied auf die Kraft der Mutterliebe, das wütend um sein Kleines kämpfende Muttertier, ist „Poltergeist“ 2015 in leichter Abwandlung klassischer amerikanischer Standardmotive eins auf die Kraft der zeitweise dysfunktionalen, aber letztlich um jeden Preis solidarischen Familie. Deren zum Schluss immer monströsere Anfechtungen ereignen sich in der Vorortsiedlung kurioserweise völlig unbemerkt von der Nachbarschaft. Erst als die Gespenster die mürbe Hütte in die Luft jagen, laufen Leute aus den Häusern. Merke: Wenn es spukt, versagt jede soziale Kontrolle.

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