Poesie und Paranoia

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Gesehen habe ich ihn ein einziges Mal, 1981 im „Dschungel". Er stand am Tresen der Berliner Diskothek, mit Spiegelglasbrille, zwei Bodyguards, alle drei in Leder. Ich hätte nie gewagt, ihn anzusprechen.

Bis heute höre ich oft Fassbinders Stimme. Ich höre, wie er mit seiner leisen, eindringlichen Stimme sagt, dass er Frauen keineswegs für komplizierte Wesen hält, die man mit Samthandschuhen anfassen müsse, sondern für durchschaubare Menschen, die direkter, auch gefährlicher sein können als Männer. Ich höre ihn in den langen Monologen von Volker Spengler in „In einem Jahr mit 13 Monden“, Fassbinders stärkstem, bestem Film. Oder ich höre ihn im „Satansbraten". Als souffliere er seinen Figuren die Sätze ins Ohr. Kein anderer deutscher Filmemacher hat seinen eigenen inneren Kosmos so sehr im Kino abgebildet und dabei gleichzeitig gesellschaftliche Befindlichkeiten offen gelegt. Vor allem die frühen Fassbinder-Filme sind Zeitgeschichte, Republik-Geschichte, Wirtschaftswunder-Geschichte.

Meine ersten Fassbinder-Filme habe ich bei einem Kinoabend im Internat gesehen: „Katzelmacher“, „Liebe ist kälter als der Tod“ und „Händler der vier Jahreszeiten". Da war ich vielleicht 16 Jahre alt, machte danach lange Spaziergänge und rekonstruierte die Filme Bild für Bild in meinem Kopf. Sie waren anders als alles, was ich kannte. Selbst Fritz Lang hat sich der Gesellschaft immer systematisch, fast preußisch genähert; und die Epoche des neuen deutschen Films wurde keineswegs von lauter tollen Regisseuren getragen. Außer Fassbinder hat niemand so radikal persönliche Filme gedreht und sich seinen Visionen geopfert.

Er ist mit 37 Jahren gestorben, wie Franz Kafka, wie Rudi Dutschke. Und in den 43 Filmen, die er in 16 Jahren gedreht hat, zeigt er uns unsere Ängste, unsere Träume und unsere Einsamkeit, indem er uns Außenseiter nahe bringt. Das macht sein Genie aus: nicht dass er sich in einen Charakter hineinversetzen kann, sondern in diese flirrende Stimmung von Poesie und Paranoia. Allein seine Filmtitel: „Liebe ist kälter als der Tod“, „Angst essen Seele auf“. Und trotz dieser spröden Poesie sind es Stationsdramen, Brechtsche Parabeln, bloß ohne Moral.

In „Warum läuft Herr R. Amok?“ sitzt Kurt Raab mit seiner Frau und der Nachbarin auf dem Sofa, es wird unentwegt über Belanglosigkeiten gesprochen und gleichzeitig über etwas damals sehr Wichtiges: über die wirtschaftlichen Bedürfnisse und den sozialen Aufstieg einfacher Leute. Danach erschlägt Herr R. die Nachbarin und seine Familie. Fassbinder psychologisiert nicht. Es gibt kein Erbarmen, kein Entrinnen, keine Figur, die den anderen kennt, keine Seelenverwandtschaft. Nur diese unglaubliche Fremdheit, wie in Kafkas Romanen. In den frühen Filmen, den poetisch-politischen, ist jeder sein eigener Außenseiter. Selbst im Familienkreis gibt es nur Ausgegrenzte.

Deutsche Melancholie

Gleichzeitig hat sich Fassbinder mit der politischen Bewegung der 60er und 70er Jahre nicht gemein gemacht. In „Die Dritte Generation“ mokieren sich die Darsteller sogar über Leute, die in politischen Texten wichtige Passagen anstreichen. Fassbinder näherte sich den Menschen nicht über den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern über eine kritische Distanz. Seine Helden sind einzigartig, weil er nie behauptet, sie zu verstehen.

Er hat mein Denken beeinflusst wie kein anderer. Auch ich war von Anfang an auf Außenseiterfiguren fixiert, ich habe selbst lange so gelebt. Und wie er komme ich vom Schreiben und habe meinen filmischen Kosmos aus der Sprache gestaltet, nicht von den Bildern her. Ihm ging es weniger um das Leiden an der Gesellschaft, das seinen sozialreformerischen Kollegen so wichtig war. Er hatte nie den Blick von oben auf die Bundesrepublik, er wurde vielmehr getrieben von der Liebe zu den Menschen, von einer sehr deutschen Melancholie. Ihm lag die unerhörte Sehnsucht am Herzen, nach der eigenen Fasson leben und lieben zu dürfen.

Dabei hatte er die Grandezza, den Helden Raum für ihre Illusionen zu geben, selbst wenn sie keine Chance hatten. Das erfordert Leidenschaft, Wissen um das Drama des Menschlichen und den Mut, Abgründe aufzudecken. Er hatte auch die Größe, seine Schauspieler groß ins Bild zu setzen, ihnen Auftritte und Ausbrüche zu schenken. Er hatte ein erotisches Verhältnis zu ihnen, und deshalb wurde er der einzige deutsche Filmemacher, der Stars geschaffen hat: Hanna Schygulla, Irm Hermann, Margit Carstensen oder Ingrid Caven waren wirkliche Diven, mit Schönheit und mit Allüren. Noch die Kostüme hatten etwas Theatralisches.

Gleichzeitig hat er großartige Komödien über die eigene Clique und seinen Selbstdarstellungswahn geschaffen: blasphemische, sympathische Porträts der Exzentriker, wie in „Warnung vor einer heiligen Nutte". Dafür braucht man ein fast höriges Team, um es wie Marionetten an den eigenen Neurosen, Zusammenbrüchen und Exaltiertheiten entlangführen zu können. Das funktioniert nur mit grenzenlosem Vertrauen. Nach der „Unberührbaren“ habe ich dieses Vertrauen mit Hannelore Elsner erlebt, als wir einen ziemlich bösen Fernsehfilm für RTL drehten. Darin läuft sie recht verunstaltet herum, ihr fehlen Schneidezähne, sie hat Gefängnistätowierungen im Gesicht und trägt rote Haare. Vor der „Unberührbaren“ wäre das nicht möglich gewesen.

Was habe ich als Regisseur von Fassbinder gelernt? Bestimmt nicht die Kunst, aus dem Chaos zu schöpfen. Er soll ja ein wahnsinnig unordentlicher Mensch gewesen sein. Dagegen bin ich ein Pedant. Aber ich habe diese frühen Filmeindrücke, vor allem seine Sprache, wohl so sehr verinnerlicht, dass ich seinen Kosmos, unbewusst reproduziert habe. Seine Bilder sind immer bei mir geblieben.

Schnell, billig, riskant

Heute gibt es kaum noch Filme, die eine solche Wucht haben wie "Martha". David Lynch vielleicht. Oder „Magnolia“ von Paul Thomas Anderson. Dabei hat Fassbinder ja überwiegend fürs Fernsehen gedreht. Das Format und das Budget waren ihm egal. Das können wir vielleicht von ihm lernen: dass es auf die Gesetze des Filmmarkts nicht ankommt und man sich nicht die Luft zum Atmen nehmen lassen darf. Gut, es gab damals Fernsehsender wie den WDR, die ihm alle Freiheit gelassen haben. Aber auch heute gibt es mutige Fernsehredakteure. Und es gibt wieder schnelle, billige, riskante Filme wie Hans Weingartnes „Weißes Rauschen“ oder Andreas Dresens „Halbe Treppe".

Ich möchte gerne ein Remake von „In einem Jahr mit 13 Monden“ drehen und bin mit einem amerikanischen Produzenten im Gespräch. Die Story gefiel ihm, aber als er sich den Film anschaute, konnte er mit dessen Poesie wenig anfangen. Die beginnt mit dem Satz, dass ein Jahr mit 13 Monden für sensible Menschen sehr gefährlich ist und mit Gustav Mahlers „Adagietto". Volker Spengler wird als Transsexueller von Strichern verprügelt, und dann erklingt Roxy Music. Das ist kaum auszuhalten.

Ich vermeide es, mir Fassbinders Filme noch einmal anzuschauen. So wie ich Kafka nicht wiederlesen mag. Ich würde den Filmen unrecht tun. In meiner Erinnerung sind sie am stärksten.

Oskar Roehler, Jahrgang 1959, ist wie Fassbinder Autodidakt. Er drehte „Silvester Countdown“ und „Gierig“; für „Die Unberührbare“ erhielt er den Deutschen Filmpreis. Zurzeit dreht er „Alter Affe Angst“ mit Marie Bäumer und Vadim Glowna. Foto: dpa

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