Kreuzberger Nächte. Marc Schmolling will die Berliner Jazzszene ins Hotel Orania holen. Foto: Agnieszka Budekp

Pianist Marc Schmolling im Porträt Salon der unbegrenzten Möglichkeiten

Tobias Richtsteig
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Der Pianist Marc Schmolling hat das Jazzkollektiv Berlin mitbegründet. Jetzt kuratiert er eine Konzertreihe im Kreuzberger Hotel Orania. Eine Begegnung.

Der Oranienplatz in Kreuzberg, nur wenige Meter vom traditionell punkigen „SO36“, direkt am Eingang zur Ausgehmeile. Vor den Fenstern der Orania- Lounge fährt gerade wieder ein rappel-voller M29er vorbei. Zu hören ist aber nur sanfter Vivaldi. „Das soll hier ein Wohnzimmer für die Berliner Künstler werden“ sagt der Pianist Marc Schmolling und lehnt sich zurück. In der zentralen Ecke der Lounge wartet, schwarzlackiert, ein Konzertflügel. Denn hier sollen regelmäßige Konzerte stattfinden. Von Klassik über Neue Musik zu Electronica und DJ-Sets. Auch Jazz soll es geben. Für diese Programmlinie hat Marc Schmolling die künstlerische Leitung übernommen.

Die Lounge des neuen Hotels Orania Berlin hat Charme: bodentiefe Fenster, geölte Holzdielen, zusammengewürfelte Sessel und Sofas mit den groben Leinenstoff-Bezügen. In den Berichten von der Eröffnung war immer die Rede vom Luxushotel. Die Betreiber sprechen lieber von „lässiger Eleganz“ und lassen die Übernachtungspreise schon bei 99 Euro beginnen. Einen der Chefs , Dietmar Müller-Elmau, kennt Schmolling seit seiner Jugendzeit in München. Dort hat Schmolling am Richard-Strauss-Konservatorium Jazzklavier studiert, bei Larry Porter. „Ein Geschenk, weil er einen großen musikalischen Horizont mitbrachte: indische Musik, Bach, Ragtimes und auch freie Improvisation. Das war ein guter Einstieg.“ Denn als Kind hatte Schmolling zunächst nur klassischen Unterricht. „Aber parallel habe ich angefangen, nach Gehör zu spielen. Ich war immer neugierig auf Ungeschriebenes. Irgendwann war klar, dass ich Jazz lernen wollte, von der Pike auf.“

Keine ästhetischen Berührungsängste

Anderthalb Autostunden hinter München liegt das Hotel Schloss Elmau, fünf Sterne, eines der besten Wellness-Hotels der Welt, Leitung: Dietmar Müller-Elmau. Seit 20 Jahren erweitert er das Kulturprogramm dort. Schmolling erinnert sich: „Es gibt einen Konzertsaal in Elmau und einen Salon, in dem jedes Wochenende Jazz stattfinden sollte. Ein Kollege von mir hat diese Reihe initiiert. Als er mal krank war, bin ich für ihn eingesprungen. Seitdem spiele ich da regelmäßig.“

Im Orania soll es auch Lesungen geben und Ausstellungen. Und keine ästhetischen Berührungsängste: „Ich habe Künstler aufs Programm gesetzt, die bei manchen vielleicht anecken oder bei denen es sehr leise zugeht“, sagt Schmolling. „Wenn das Konzert beginnt, wird der Barbetrieb so lange eingestellt.“

Als Marc Schmolling nach Berlin kam, traf er zwar alte Freunde wie den Posaunisten Gerhard Gschlössl oder den Altsaxophonisten Wanja Slavin wieder. „Aber wir waren ja alle Einzelkämpfer. Dann erzählte Gerhard von dem Künstlerkollektiv ,Gallo Rojo’, das er in Italien kennengelernt hatte: der Rote Hahn. Da sagten wir: So was machen wir auch.“ Das Jazzkollektiv Berlin war geboren.

Im kommenden Jahr feiert das Jazzkollektiv 10-jähriges Jubiläum

Im November 2008 fanden zum ersten Mal die Kollektiv Nights statt, im Ambulatorium auf dem RAW-Gelände. „Und gleich am ersten Tag gab es einen Verrückten aus Neukölln, der eine Autobombe spazieren fuhr. Daraufhin hatte die Polizei alles abgesperrt. Aber es ging alles gut: Wir hatten volle Hütte.“

Die Besucher wurden nicht enttäuscht. Das Andromeda Mega Express Orchestra drängte sich hier zu einem seiner ersten Konzerte, und Marc Schmolling begleitete in einem Duo-Konzert die Niederländerin Iris Romen mit von ihm selbst komponierten Songs, die mal an Schubert-Lieder und dann wieder an Jazzstandards erinnerten. „Ich liebe Cole Porter immer noch sehr, oder auch Harold Arlen. Und ich dachte: Solche kleinen Kunstwerke will ich auch schaffen.“.

Das Ambulatorium gibt es schon lange nicht mehr, und keiner trauert um den Holzschuppen, durch dessen Bretterwände der Wind pfiff. Seit vier Jahren haben die Kollektiv Nights, immer im Januar und August, eine Heimat im Tiyatrom gefunden, dem achteckigen türkischen Theater in der Alten Jakobstraße. Wie groß das Jazzkollektiv dort im kommenden Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiern wird, „hängt ein bisschen von den Fördermitteln ab“, sagt Marc Schmolling. „Inzwischen haben wir ein natürlich gewachsenes Publikum. Und viele internationale Gäste.“

Schmolling will die Vielfalt der Jazzszene ins Orania holen

Ein paar Straßenecken weiter liegt das „Orania Berlin“. Auch Schmolling ist in den Kiez gezogen, kann seine Tochter jetzt mit dem Fahrrad von der Kita abholen. Die Vielfalt der Jazzszene will er ins Orania holen. Im Oktober startet die Konzertreihe, immer donnerstags wird es Jazz geben. Aber vorher tritt Schmolling erst noch selbst auf. Am heutigen Mittwoch, zur Eröffnung des ersten „Orania Berlin Festivals“ wird er mit dem Echo-Jazz-Preisträger Wanja Slawin zu hören sein. Auch Julian Quentin wird auftreten, ebenfalls Kreuzberger und Pianist, zuständig für die eher „klassische“ Reihe am Dienstag. Die Genregrenzen sind aber offen.

Quentin stellt sich im Duo mit Soundartist Kaan Bulak vor. An zweiten Abend hat er dann den Griot-Musiker Moussa Coulibaly eingeladen, mit Johanes Lauer werden sie zum Trio. Diese afrikanisch-berlinisch-dänische Wundertüte ist von der Art, auf die man sich künftig im Salon des Orania freuen darf.

Programminfos: www.orania.berlin

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