Die kanadische Musikerin Peaches, 46. Foto: Promop

Peaches und ihr Album"Rub" „So wütend war ich noch nie“

Nadine Lange
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Electroclash-Pionierin und Popfeministin Peaches bringt heute ihr fünftes Album „Rub“ heraus. Ein Gespräch über Beats, Berlin und Vaginas.

Wie kam es, dass Sie nach sechs Jahren, in denen sie vor allem Musicals und Bühnenstücke produzierten, doch wieder ein Album gemacht haben?

Ich war seit meinem Debüt in diesem Zyklus, ein Album zu machen und dann zwei Jahre zu touren. Dann sind plötzlich elf Jahre rum, und man denkt: Oh! Wahrscheinlich wäre es so weitergegangen, hätte Matthias Lilienthal mir nicht die Chance für die „Peaches Christ Superstar“-Produktion am HAU gegeben. Dann kam eins zum anderen, das nächste Stück, ein Film, ich arbeitete als DJ. Aber irgendwann sagte ich mir: Es ist Zeit, mich zu konzentrieren und ein Album zu machen. Ich habe ein kleines Haus in Los Angeles gekauft und die Garage als Studio eingerichtet, um dort jeden Tag zu arbeiten.

In Berlin ging das nicht?
Nein, hier bin ich zu abgelenkt und kriege nichts fertig. Ich bin zu verstrickt in die Szene und zu interessiert an den Dingen, die die anderen machen. Los Angeles ist ein guter Ort, um sich zu konzentrieren. Es ist ein bisschen langweilig, und die Leute arbeiten alle tagsüber.

Dann saßen Sie also den ganzen Tag in der Garage und machten Musik.
Ja, ein Jahr lang, täglich zehn Stunden. Zusammen mit meinem Freund Vice Cooler, der eigentlich aus der Noise Music kommt. Im Dienst an der Sache waren wir sehr brutal und direkt zueinander. So entstand ein guter Mix aus meinem klassischen Stil und neuen Sounds. Es war aufregend, wieder Musik zu machen. Ich habe nichts hinterfragt, sondern war mir meiner Sache sicher.

Können Sie etwas zu den neuen Sounds und Einflüssen sagen? Ich habe ein bisschen Trap Music rausgehört, diese schnelle, harte Hip-Hop-Spielart.
Ja, ich liebe Trap. Was ich daran mag, ist dasselbe, was mir am klassischen Peaches-Sound gefällt: Beide sind minimalistisch, jeder Sound hat seinen Platz. Außerdem geht es sehr direkt zu. Wo der Trap hohe schnelle Snares einsetzt, habe ich Becken benutzt. Die Struktur, der Einsatz des Bass – das gab es seit jeher bei mir.

Nur Gitarren gibt es jetzt keine mehr.
Wir hatten zunächst drei Songs mit Gitarren, aber sie haben einfach nicht reingepasst. Wir haben versucht, sie zurechtzubiegen, aber es hat nicht geklappt. Sie klangen einfach überholt.

Dafür ist Kim Gordon, die früher bei der Indierock-Band Sonic Youth war, bei dem Song „Close Up“ als Gastsängerin dabei. Wie kam es dazu?
Sie ist mit Vince und mir befreundet. Als sie wegen ihrer Kunstprojekte öfter in L.A. war, luden wir sie ein. Obwohl es überhaupt nicht ihr Sound war, hat sie sofort zugestimmt, mitzumachen und es in einem Take eingesungen. Es war beeindruckend zu sehen, wie erfahren sie ist.

Der Song „Free Drink Ticket“ sticht wegen des zornigen Textes aus Ihrem bisherigen Werk heraus. Was hat ihn inspiriert?
Das ist der wütendste Song, den ich je geschrieben habe. Meine früheren Trennungslieder waren immer verschleiert, dieser ist sehr zugespitzt und direkt. Ich wollte diesen Moment nach einer Trennung einfangen, wenn man die andere Person einfach nur umbringen will. Als ich den Gesang aufnahm, habe ich Jam Rostron alias Planningtorock, die mir beim Produzieren geholfen hat, rausgeschickt.

Hatte sie die Idee, Ihre Stimme tiefer zu pitchen, wie auf ihren eigenen Platten?
Ja, ich wusste erst nicht, wie ich den Gesang produzieren soll, weil ich eben sonst nicht solche Lyrics schreibe. Als wir uns das Lied mit dem tiefen Gesang erstmals anhörten, mussten wir uns aneinander festhalten, so unheimlich klang das. Ich glaube, mit den Gefühlen in dem Song kann sich jeder identifizieren. Die Situation habe ich aber ein bisschen poetisiert, indem ich sie ins Berliner Nachtleben verlegt habe. Man muss sehr stark sein, um sich nicht darin zu verlieren. Und die Person, die das titelgebende Freigetränk anbietet, ist ein bisschen wie der Teufel, der dich in Versuchung führt.

Sie wohnen schon lange in Prenzlauer Berg. Gefällt Ihnen die Gegend noch?
Es ist ein bisschen langweilig, aber das ist gut. Ich gehe hier eh kaum aus, eher in Neukölln. Als ich vor zehn Jahren meine Wohnung hier fand, sagten die Leute, dass ich viel zu viel Miete bezahle. Ich fand das eigentlich nicht, denn es ist eine große Wohnung, die auch einigermaßen renoviert war. Inzwischen mussten alle, die weniger bezahlt haben, ausziehen.

Bei Ihnen wurde die Miete nicht erhöht?
Nur ein bisschen. Es ist erstaunlich, dass Deutschland als erstes Land in Europa eine Mietpreisbremse eingeführt hat. Natürlich kommt es ein bisschen zu spät, aber immerhin haben sie es gemacht. Überall steigen die Preise wie verrückt: In meiner Heimatstadt Toronto genauso wie in San Francisco. Dort wurden alle Szenen vertrieben, es gibt nur noch Start-ups.

Das beginnt hier aber auch.
Natürlich verändert sich die Stadt. Aber ich finde es komisch, wenn Leute sagen, Berlin war spannender, als die Mauer noch stand. Wir waren dekadent und gingen in den „Dschungel“. Aber es war eine eingemauerte Stadt und es gab viele Spannungen. Andere idealisieren die Neunziger mit ihrer postapokalyptischen Aufbruchstimmung und den besetzten Häusern, aus denen jetzt schicke Läden werden. Klar passiert so was, aber die Stadt ist immer noch ein Mekka für kreative Menschen, Musiker, Künstler, Autoren.

Abgesehen von Techno kommt aber schon lange keine international relevante Popmusik mehr aus Berlin. Ihr Debüt „The Teaches Of Peaches“ war noch einmal so ein Moment. Warum kommt nichts nach?
Es wird immer noch gute Musik hier gemacht. Vielleicht liegt der Fokus einfach anders. Die Stadt ist nicht so auf Hypes fixiert. In London erzählen sie dir ständig von irgendwelchen neuen Künstler, die die besten aller Zeiten sein sollen. Ein 17-jähriger Techno-Rapper, der direkt an die Spitze schießt – damit kann ich nichts anfangen. Die Situation hier ist ein Fluch und ein Segen. Immerhin können wir Musikerinnen und Künstler existieren.

Als Sie vor 15 Jahren anfingen, war ihre Offenheit in Sex- und Genderfragen etwas Neues. Sie haben Madonnas Arbeit auf ein neues Niveau gehoben. Heute ist Sexyness oberstes Gebot im Pop wie man an Künstlerinnen wie Nicky Minaj oder Miley Cyrus sieht. Sehen Sie in den beiden Ihre Nachfolgerinnen und wie machen sie ihren Job?
Ich liebe Nicky Minaj, sie ist die beste Rapperin überhaupt. Sie killt mich. Visuell ist es okay. Wahrscheinlich eher das nächste Level von Missy Elliott. An Miley Cyrus mag ich, dass sie einfach nichts darauf gibt, was die Leute denken und einfach sagt, was sie will. Ich finde auch ihr Hilfsorganisationen gut. Aber ihre Musik ist nichts Besonderes für mich.

Mir ging es bei ihr mehr ums Twerken und Nackt-auf-der-Abrissbirne-Schaukeln.
Mit dem Video habe ich ein Problem. Es ist einfach langweilig. Außerdem hasse ich den Regisseur Terry Richardson, der einige Frauen vergewaltigt hat. Sein Assistent geht rum und sagt Sachen wie: "Es wäre gut für deine Model-Karriere, wenn du Terry einen bläst". Ich bin wirklich kein Fan von ihm und es nervt mich, wenn Leute mit ihm arbeiten.
Ihre eigenen Videos erregen auch oft Aufmerksamkeit. Der Clip zu ihrer ersten Single „Light In Places“ zeigt eine Trapetzkünstlerin, aus deren Hintern ein Laser leuchtet. Zu „Dick In The Air“ laufen sie und die Komikerin Margaret Cho in Strickkostümen mit riesigen Penis herum.
Die Leute beschweren sich ständig über das Internet, aber heute kann man alles zeigen, was man will. Schau dir nur das Rihanna-Video zu „Bitch You Better Have My Money“ an. Man kann so Hardcore sein, wie man will und das tue ich.
Das gilt auch für ihr Stück „Vaginoplasty“, in dem es um Vagina-Schönheitsoperationen geht. Was hat Sie an diesem Thema interessiert?
Ständig geht es nur darum, wie sexy dicke Titten und Ärsche, aber hey: Wer redet schon über Vaginas, große Vaginas? Dabei sind die normal, Frauen haben nicht nur kleine, enge Vaginas. Kommt damit klar, befriedigt sie und versucht nicht sie zu verändern!

Das Gespräch führte Nadine Lange.

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