Trinker, Träumer, Denker: der verstorbene Dichter Paul Wühr. Foto: Heidi Fenzl-Schwabp

Paul Wühr und sein Werk Der sanfte Liebhaber der Apokalypse

Peter Becker
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Paul Wühr war ein philosophischer wie erotischer Poet. Es lohnt sich, ihn wieder zu entdecken. Eine neue Einführung ist vor Kurzem erschienen.

Sein langjähriger Verleger Michael Krüger vom Hanser Verlag nannte ihn einmal einen „sanften Liebhaber der Apokalypse“. Tatsächlich hatte der Dichter Paul Wühr einen jupiterhaft funkelnden Blick, der oft auch zum Blitz wurde, und seine Stimme, die zumal eine fabelhafte Vorlesestimme seiner Werke war, sie konnte sich vom leise verschwörerischen Märchenerzählerton (ein Intellektueller als Faun getarnt) aufschwingen ins Gewittrige, hellauf Donnernde, das alles mit bajuwarisch rollendem R und einer doch weltläufigen, ja weltliterarischen Melodie. „Gegenmünchen“ hieß 1970 sein erstes, vielhundertseitiges Großstück, für das er gleich den damals prominenten Hörspielpreis der Kriegsblinden bekam (und danach noch fast alle bedeutenden mitteleuropäischen Literaturpreise). Freilich war er kein Gegner von irgendwas, sondern anders. „Der faule Strick“ und „Das falsche Buch“ hießen zwei seiner Opera Maxima.

Der als Münchner Bäckermeistersohn geborene ehemalige Grundschullehrer ist vor dreißig Jahren mitsamt seiner Frau und Muse Inge Poppe-Wühr, der Gründungsgeschäftsführerin (und Seele) der ersten Autorenbuchhandlung in Deutschland, von Schwabing in ein Haus hoch über dem Trasimeno See nach Umbrien verzogen und dort am 12. Juli, zwei Tage nach seinem 89. Geburtstag gestorben. Italien, doch Italienisch hat er nie gesprochen. Das Andere war für ihn ja das bewusst „Falsche“, ohne die vorschnellen Übereinkünfte jeder Sprache, die sich von Politik bis Werbung der selbstgewissen Sprachlosigkeit anpasst.

Er war Universalist

Einmal sagte er mir: „Wieder die Hegelsche Dialektik – nur dass das Denken nicht beim Richtigen gestoppt wird und es nicht zur Synthese kommt. Ich liebe das Falsche, aber die große Gefahr ist, ein richtiger Falscher zu werden. Das ist das Anstrengende, nicht im Haus des Richtigen oder des falschen Richtigen oder richtigen Falschen zu sitzen. Als wirklich Falscher bin ich im Dazwischen der richtig Lebendige. Und im Dazwischen, im Zwiespalt spielt auch die Liebe.“

Tatsächlich war er ein philosophischer wie zugleich erotischer Poet, der derb und zart schönärschige, purpurschößige Frauen beschrieb, die lange vor allen Genderdebatten auch Mannsbilder, Transsexuelle, Polymorphe oder im Handkopfkörperseelenumdrehen wieder Stinknormale sein konnten. Nur dass das „Normale“ schon wieder ein falsches Wort ist für das Abenteuer namens Mensch, Tier, Lebewesen. Und selbst Gott erschien dem unheiligen Paulus nicht mehr als Herrgott, sondern im gleichnamigen Gedichtband als „Dame Gott“. Ein Feminist war er trotzdem nicht. Nur Universalist.

Was Joyce für Dublin bedeutete, war Wühr, wirklich wahr, für München. Weltstadt ist das bayerische Millionendorf erst richtig falsch (seit Thomas Mann und Lion Feuchtwanger) durch seinen am Ende abtrünnigen Sohn geworden, diesen Träumer, Trinker und Denker sondergleichen. Er gedachte dabei auch der fehlenden, ermordeten Juden, sprachmächtig ohnmächtig verstummend: „Meine Mundhöhle schämte sich für ihr lebendigstes Glied.“ Oder so ein Satz, der auch der neuesten Berliner Architektur hätte gelten können: „... hierzulande erfindet man seine Häuser mit den Augen seiner Feinde“. Ein Satz, der im literarischen Bild gleichwohl mehrdeutig bleibt, mit einem Rest Unheimlichkeit. Und Geheimnis.

Eine Einführung ist vor Kurzem erschienen

Eines seiner bekanntesten Gedichte: „Ich habe den Fehler nicht / machen müssen weil // der sagt / ich bin der Fehler / der ich bin // lasset uns den Fehler machen / ein Bild / das uns gleich sei.“

Paul Wühr, jetzt begraben auf dem Münchner Westfriedhof, mit einer schönen, lebendigen Totenrede von Herbert Wiesner, dem früheren Leiter des Berliner Literaturhauses, den Dichter Wühr sollte man wiederlesen. Noch gibt es seine Bücher im Hanser Verlag, in Buchhandlungen, manche antiquarisch. Und eine sehr treffende Einführung in die Wührwelt bietet ein kürzlich erschienenes Bändchen des 2009 viel zu früh verstorbenen Freundes und fulminanten Literaturkritikers Jörg Drews: „Lob des krummen Holzes“. Mit drei Beiträgen von Paul Wühr.

Jörg Drews: Lob des krummens Holzes. Sachbuch. Aisthesis Verlag, 195 Seiten, 19,95 €.

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