Orpheus aus der Unterwelt

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Als Elvis Presley vor 25 Jahren starb, war er ein 150 Kilo schweres Drogenwrack. An seinem Mythos hat das nichts geändert. In diesen Tagen führt der King wieder einmal weltweit die Hitparaden an. Auch sein lange verpöntes Spätwerk wird nun entdeckt

Von Christian Schröder

Man nehme: zwei große Bananen, sechs Scheiben Toastbrot, eine Tasse Erdnussbutter, eine halbe Tasse Butter. Die Bananen schälen und mit der Erdnussbutter vermatschen. Dann die Bananen-Erdnussbutter-Masse auf die getoasteten Brotscheiben schmieren und diese so lange mit der Butter in einer Pfanne brutzeln lassen, bis sie goldbraun glänzen. Guten Appetit!

Elvis Presley hatte eigentlich immer Appetit. Das hing wohl mit dem Hunger zusammen, den er in seiner Kindheit kennen gelernt hatte. Er wurde 1935, auf dem Höhepunkt der Depression, in Tupelo, Mississippi, in einem dieser wackligen Holzhäuser geboren, in dem sonst vor allem schwarze Baumwollpflücker lebten. Als Elvis keine drei Jahre alt war, musste sein Vater, ein nicht sonderlich erfolgreicher Gelegenheitsarbeiter, ins Gefängnis, weil er einen Scheck gefälscht hatte. Die Mutter brachte ihren Sohn und sich mit Putzen und einem Aushilfsjob in einer Wäscherei durch. Und manchmal, wenn sie ein besonders großes Trinkgeld bekommen hatte, machte Gladys ihrem Sohn ein Bananen-Erdnussbutter-Sandwich.

Seitdem konnte Elvis von diesen Sandwiches nicht genug bekommen. Noch als Vierzigjähriger aß er oft 12, 18 oder noch mehr von ihnen auf einen Schlag, gerne auch nachts um drei. Selbst wenn die Ärzte ihn wieder einmal auf Diät gesetzt hatten, ließ er sich von seiner Köchin ein paar davon ins Krankenhaus schmuggeln. Vielleicht ging es ihm auch wie Prousts Swann mit seinen Madeleines, und er brauchte den Geschmack dieser Sandwiches, um sich in jene Zeit zurückzuflüchten, in der Gladys – sie war 1958 überraschend mit nur 46 Jahren gestorben – noch bei ihm gewesen war: die einzige Frau, die ihn jemals verstanden hatte.

Der Tod im Badezimmer

Als Elvis am 16. August 1977 – heute vor 25 Jahren – tot im Badezimmer seiner Villa „Graceland“ in Memphis aufgefunden wurde, wog er an die 150 Kilo. Er lag verkrampft auf dem Boden, sein Gesäß ragte in die Luft, das Gesicht war bläulich angeschwollen, und seine Hände krallten sich in den Flokati-Teppich. Den Superstar, der seit Jahren unter Verstopfung litt, hatte der Schlag getroffen, als er auf der Toilette saß. Mit dem Rock’n’Roll-Revoluzzer, dem zwei Jahrzehnte vorher ein paar Hüftschwünge genügt hatten, um die amerikanische Nachkriegsordnung aus den Angeln zu heben, schien dieses Wrack nichts mehr gemein zu haben. Der später Elvis war zu einer Karikatur seiner selbst verkommen.

„Machte der junge Elvis Presley mit seinen lasziven Bewegungen in den fünfziger Jahren den Ausbruch einer verdrängten Sexualität sichtbar, wirkte diese rebellierende Kraft – gerade aufgrund ihrer Glättung - unter der Oberfläche des zum teddy bear gezähmten tiger man der sechziger Jahre wie eine unheimliche Erinnerung nach, um dann schließlich in ihrer ganzen Obszönität bei dem an Atemnot leidenden Tanzbären, dessen Leibesfülle kaum noch in die strassbesetzten weißen Hosenanzüge passte, ein letztes Mal durchzubrechen“, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen in einem klugen Essay (in Elisabeth Bronfen/Barbara Straumann: Die Diva. Eine Geschichte der Bewunderung. Schirmer/Mosel, München 2002, 224 S., 49,80 Euro). Während die Fernsehsender in den fünfziger Jahren den Sänger nur von der Gürtellinie an aufwärts gezeigt hatten, weil die Bewegungen seines Unterleibs als zu aufreizend galten, protokollierten die Reporter in den siebziger Jahren begierig jeden verpatzten Einsatz und jeden körperlichen Schwächeanfall des bei seinen Konzerten zunehmend angeschlagen wirkenden Entertainers. Die „Los Angeles Times“ monierte 1975 „ein weniger gewichtiges Elvis-Spektakel“, „Newsweek“ höhnte über den „runden Rock’n’Roller“.

Anders als seinem Idol James Dean – um ihm nachzueifern, ging er 1956 nach Hollywood, wo er bis 1969 über dreißig Spielfilme drehte – war es Elvis nicht vergönnt, auf dem Höhepunkt seiner Attraktivität von der Lebensbühne abzutreten. An seiner Unsterblichkeit hat das nichts geändert. Ein Vierteljahrhundert nach seiner Beisetzung, bei der die sterblichen Überreste des Sängers von einhundert (!) mit den Blumen der Fans gefüllten Cadillacs begleitet worden waren, scheint der „Orpheus in Gold“ (Klaus Theweleit) paradoxerweise lebendiger denn je zu sein. Elvis ist noch immer der erfolgreichste Unterhaltungskünstler aller Zeiten, er hat weltweit über eine Milliarde Tonträger verkauft, etwa die Hälfte davon nach seinem Tod. Und während es lange als ausgemacht galt, dass seine frühen Aufnahmen auch die besten seien und mit Presleys Einberufung zur US-Army 1958 seine Domestizierung und der Niedergang begonnen hätten, interessieren sich die Hinterbliebenen inzwischen mehr und mehr fürs Spätwerk.

Im letzten Jahr kam der Dokumentarfilm „That’s The Way It Is“ noch einmal mit großem Erfolg in die Kinos. Er zeigte, wie Elvis bei einem Las Vegas-Auftritt 1970 zwar schwitzend und schnaufend, aber mit umso größerer Inbrunst selbst ausgelutschten Standards wie „Unchained Melody“ Leben einzuhauchen vermochte. Momentan führt Presley wieder einmal von Mexiko bis Japan die Hitparaden an, mit einem Remix seines Songs „A Little Less Conversation“, den er 1968 für seine belanglose Komödie „Live A Little, Love A Little“ aufgenommen hatte. Die Rehabilitierung der lange verpönten Schmalzphase aus Elvis’ paillettenglitzernder Endzeit passt in eine Stimmung, in der der Pop seine zunehmende Lasvegasierung erlebt. Dass Rockmusik „authentisch“, womöglich gar „dissident“ zu sein habe, ist eine Forderung, die nach dem Zusammenbruch der Ideologien nur noch lächerlich wirkt. So üben sich auch nachgeborene Weltstars wie Robbie Williams oder der deutsche Epigone Helmut Lotti wieder in der Kunst, eine Showtreppe möglichst elegant herunterzutänzeln. Im so genannten „Wackel-Elvis“, einem Windschutzscheibenfigürchen, das vor drei Jahren zum ersten Mal in einem Audi-Werbespot auftauchte, hat dieser Zeitgeist sein Maskottchen gefunden.

The King sells. Kein Wunder, dass die Verlage zum Jubiläum des Todestages mit Bildbänden salutieren (am schönsten: „Elvis. Bilder aus dem Elvis-Presley-Archiv in Graceland. Hg. v. Mike Evans, Dorling Kindersley Verlag, Starnberg 2002, 608 S., 29,90 Euro) und seine Plattenfirma eine CD-Box mit 100 bislang unveröffentlichen Tracks („Elvis: Today, Tomorrow & Forever“, RCA/BMG) auf den Markt wirft. Sein tyrannischer Manager „Colonel“ Tom Parker war an den Einkünften des Sängers mit 50 Prozent beteiligt und presste ihn deshalb wie eine Zitrone aus. Statt auf die Intensivstation schickte er den schwer alkohol- und tablettenabhängigen Elvis auch in seinen letzten Monaten immer wieder in die Konzertarenen und ins Studio. An unbekannten Liedversionen und Livemitschnitten wird es mithin auch bei künftigen Jubiläen nicht mangeln.

Der Star als Gelddruckmaschine

„Wie werden sich die Leute an mich erinnern? Ich habe nie einen klassischen Film gedreht. Ich habe nie einen Song gemacht, an den man sich erinnern wird“, klagte Elvis kurz vor seinem Tod, als sein Leben schon lange von Depressionen und Schlaflosigkeit überschattet war. Mit der Einschätzung seiner schauspielerischen Fähigkeiten hatte der Sänger durchaus recht. Zu einem zweiten James Dean fehlte ihm das darstellerische Format, und statt großer Leinwandepen drehte die Paramount, an die „Colonel“ Parker seinen Zögling verhökert hatte, mit ihm lieber billige Filmchen, die „Gold aus heißer Kehle“ oder „Mein Leben ist Rhythmus“ hießen. Aber seine Selbstgeißelung als auch musikalischer Versager ist natürlich ein krasses Fehlurteil. Elvis hat die Popkultur des 20. Jahrhunderts revolutioniert wie kein zweiter Musiker. Er war der erste Sänger, dem das Crossover - in den fünfziger Jahren wurde damit der Wechsel eines Titels aus den schwarzen „Race“-Charts in die Hitparaden des weißen Mainstreams bezeichnet – nicht nur gelang, er verkörperte dieses Crossover geradezu.

Am Anfang seiner Karriere weigerten sich die DJs weißer Südstaaten-Radiostationen, Presleys Platten zu spielen, weil sie ihn für einen Schwarzen hielten. Memphis, die Stadt, in die die Presleys 1948 zogen, war voller Musik. Morgens hörte der junge Elvis Country im Radio, abends sang er im Gospelchor, nachts besuchte er die schwarzen Rhythm’n’Blues-Kneipen in der Beale Street, wie Peter Guralnick in seiner monumentalen, zweibändigen Biografie schildert, deren Übersetzung ins Deutsche man sich zum Jubiläum gewünscht hätte („Last Train To Memphis“ und „Careless Love“, Little, Brown And Company, New York 1994 und 1999). Presleys Musik war die Fusion dieser Stile. Seinen ersten Song „My Happiness“ nahm Elvis für vier Dollar als Geburtstagsgruß für seine Mutter auf, dann belagerte er Sam Phillips, den Gründer des „Sun Records“-Studios so lange, bis er ihn zu einer Session einlud. Es folgten „Hound Dog“, „Heartbreak Hotel“ und der Wechsel zu RCA. Der Rest ist Rockgeschichte.

Der DJ, der „A Little Less Conversation“ geremixt hat, ist übrigens ein Holländer, der sich „Junkie XL“ nennt. Aber die Presley-Erben gaben die Rechte erst frei, als er sein Pseudonym in „JXL“ geändert hatte. Nichts soll den Heiligenschein stören, nicht einmal posthum darf Elvis in die Nähe von Drogen gebracht werden. Dabei war der Sänger sogar ein XXL-Junkie: Vor seinem Tod hatte er sich mit den Schlaf- und Schmerzmitteln Demerol und Leritin vollgepumpt wie eine wandelnde Apotheke.

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