El-P und Killer Mike sind seit 2013 Run The Jewels. Foto: Timothy Saccentip

Neues Album von Run The Jewels Goldketten für die Verdammten der Erde

Fabian Wolff
1 Kommentare

Die Robin Hoods des amerikanischen Hip-Hop: Run The Jewels und ihr großartiges Album „RTJ 3“.

Straßenraub predigen und dann Musik verschenken: Das ist das Erfolgsrezept von Run The Jewels. Der Name des Rap-Duos bedeutet Diebstahl, Abziehen. Trotzdem bieten Killer Mike und El-P ihr inzwischen drittes Album RTJ3 ganz offiziell als Gratis-Download an. Es ist wahlweise das letzte große Rap-Album 2016 oder das erste von 2017. Digital ist es schon verfügbar, als Tonträger erscheint es am 20. Januar. Auf jeden Fall kommt es genau zur richtigen Zeit.

Kein Rap-Duo vereint ähnlich mühelos scheinbar große Widersprüche. Die beiden sind schwarz und weiß, wütend und lustig, politisch und dekadent, verzweifelt und ekstatisch. Ihr Motto lautet „sowohl als auch“. Im Englischen gibt es die Redensart „you can’t have your cake and eat it, too“ – man kann den Kuchen nicht essen und trotzdem behalten. RTJ lachen über solche Askese. Ihr Kuchen ist aus Gold gebacken und mit Juwelen bedeckt.

Die bandagierten abgehackten Hände, das Band-Logo, halten auf dem Cover keine Goldkette mehr, sondern sind jetzt in flüssiges Gold getaucht. Trotz der triumphalen Geste ist der Tonfall des Albums alles andere als optimistisch und dann doch wieder stolz. „Ich bin schon Schmutz, du kannst mich nicht zertreten“, verkündet El-P. Run The Jewels geben zwar mit ihren meterlangen Goldketten an, aber ihr Herz schlägt für die Habenichtse, die Verdammten dieser Erde.

Mit ihren wütenden Songs über Faschismusgefahr und Donald Trump krönen Run The Jewels das Rap-Jahr 2016, in dem auch Mainstreamkünstler wieder zu politischer Haltung zurückgefunden haben. Aber El-P und Killer Mike springen nicht auf einen Zug auf, sie sind die Lokführer. Schon ihr erstes Album 2013 war von Euphorie über den kommenden Aufstand und Angst vor dem Weltuntergang geprägt. Damals wirkte das noch wie überhitzte Science-Fiction und wurde als Rückkehr politischer Wut in den Hip-Hop gefeiert. Inzwischen hat nicht nur der Rest des Genres aufgeholt, sondern auch die Realität.

El-P und Killer Mike sind Veteranen, beide haben zusammen fast 40 Jahre Hip-Hop-Geschichte im Rücken. Michael Render aus Atlanta kommt auf dem schwarzen College Morehouse mit wichtigen Musikern der Stadt in Kontakt, darunter Big Boi vom Duo Outkast, dem bedeutendsten Rap-Act der späten Neunziger. Nach Gastauftritten auf deren Singles bringt er seine „Pledge“-Trilogie heraus.

Der Sound ist rau, nicht retro

Der „Schwur“, den Mike auf diesen Alben ablegte, galt nicht wie sonst der Bibel oder der Flagge, sondern dem hustle, also dem ständigen Kampf, über die Runden zu kommen, mit legalen und illegalen Mitteln. Der imposante Rapper mit einer Körpergröße von 1,90 Meter und einer Stimme zwischen Straßenprediger und dem wütendsten Mann der Welt wollte Sprachrohr für die Unterschicht sein. Kein anderer Rapper der nuller Jahre machte bessere Musik über die Schnittstelle von Armut und Kriminalität. Damit erarbeitete sich Killer Mike einen legendären Ruf im Untergrund.

Wobei das Konzept eines „Hip-Hop-Underground“ größtenteils überhaupt erst von Killer Mikes Rap-Partner Jaime Meline erfunden wurde. Der Sohn eines Jazzpianisten war in den Neunzigern Mitglied von Company Flow aus Brooklyn, später ist er solo und als Produzent aktiv. In Zeiten von Hochglanz-Rap wird El-P zum Architekten eines anderen Hip-Hops. „Independent as fuck“, das Motto seiner Band Company Flow, gibt die Richtung vor: unabhängig und kompromisslos, den alten Werten des Raps verpflichtet, beim Sound aber immer auf der Suche nach Neuem. Das bedeutet, das El-P keine Retro-Beats mit Soul-Samples bastelt, wie sie das Label Stones Throw um die Jahrtausendwende an der Westküste wieder populär macht. Die Musik auf seinem Label Definitive Jux ist laut, rau und trotzdem intellektuell, mit viel Liebe für Noise-Traditionen.

Diese beiden Welten – schmutziger Südstaatenrap und kantige Brooklyn-Elektronik – kommen bei Run The Jewels zusammen. „Man rechnet einfach nicht damit, mit Mitte 30 seinen besten Freund zu treffen“, beschreibt El-P später das erste Zusammentreffen des Duos. Nachdem er Killer Mikes Comeback-Album „RAP Music“ produziert hat, gehen die beiden auf Tour. Als Run The Jewels nehmen sie ein erstes gemeinsames Album auf und veröffentlichen es kostenlos. Der Rest ist inzwischen fast Hip-Hop-Historie. Mit ihrem dritten Album zementieren die beiden ihren Status als eines der besten Rap-Duos.

Sie ergänzen sich, in den wichtigen Punkten harmonisieren sie, und in den noch wichtigeren passen sie nicht ganz zusammen. Killer Mike steht für den Hustler-Ethos – „gotta get yours!“ ist sein Motto, immer alles mitnehmen, egal um welchen Preis. Und El-P, der rothaarige jüdische Paranoiker, warnt gleichzeitig, dass die da oben uns hier unten immer noch mehr fertigmachen können. Zwischen diesen Polen springt das Album ständig hin und her. Vor Run The Jewels standen El-Ps Fähigkeiten als Rapper immer hinter seinem Talent, zerhackte Electro-Beats zu programmieren, zurück. Mit dem Flow-Monster Killer Mike an seiner Seite verwandelt auch er sich in einen sauberen Techniker mit Brooklyn- Schnauze. Bei aller genussvoll zelebrierten Apokalyptik und Robin-Hood-Attitüde nimmt das Duo eher Punchlines als Brieftaschen mit.

Killer Mike zog für Bernie Sanders in den Wahlkampf

Diesen Humor beweisen auch El-Ps Nebenprojekte, darunter ein jüdisches Deli in New York und „Meow the Jewels“, für das er ein ganzes RTJ-Album nur mit Katzengeräuschen nachgespielt hat. Killer Mike hingegen ist als feuriger und nachdenklicher Sprecher zu Polizeigewalt, Armut und Rassismus bekannt. Über die Rap-Welt hinaus erlangte er Bekanntheit, als er für den demokratischen Kandidaten Bernie Sanders in den Wahlkampf zog und vor allem Mitglieder der schwarzer Communities für die Thesen des erklärten Sozialisten gewinnen wollte.

Sanders ist bekanntlich gescheitert. „RTJ3“ wurde noch vor der Wahlentscheidung aufgenommen. Sicherlich gehören El-P und Killer Mike zu den Stimmen, die Hillary Clinton kaum als das kleinere Übel gesehen haben. Politisch mag das naiv sein, ästhetisch ist es nur konsequent. Deswegen darf man diese beiden Dinge auch nicht verwechseln.

Vielleicht beschreibt das Wort „konsequent“ Run the Jewels am besten. Ihr neues Album ist keine Party-Platte, eher der Soundtrack für eine üppige Henkersmahlzeit. Und bevor Killer Mike und El-P zum elektrischen Stuhl geführt werden, wollen sie sich noch selbst einmal mächtig wie Henker fühlen.

Zur Startseite