Gesamtkunstwerk. Björk Guðmundsdóttir als Naturgottheit. Foto: Warner Music
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Neues Album von Björk Paradies mit Flötentönen

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Mit ihrem Album „Utopia“ entwirft Björk eine feministische Gegenwelt. Musikalisch verabschiedet sie sich von ihrem zwanghaften Avantgardismus der letzten Jahre.

Es geht los mit Vogelgezwitscher und Harfenklängen. Willkommen in „Utopia“, Björks Version einer erdachten, besseren Welt, der die Musikerin nun ein Konzeptalbum widmet.

In den wenigen Interviews, die die isländische Sängerin mit Teilzeitwohnsitz New York zur Veröffentlichung ihrer neuen Platte gegeben hat, spricht sie davon, dass sie sich ihr Refugium, in dem Donald Trump und Harvey Weinstein sicherlich keinen Platz hätten, als Insel vorstelle. So wie auch schon Thomas Morus in seinem Entwurf einer besseren Welt, in dem Klassiker „Utopia“ aus dem 16. Jahrhundert, der allen späteren Utopien den Namen geben sollte.

Was Björks Zukunftsvision freilich von der von Morus unterscheidet, ist der feministische Dreh. Bei der 51-Jährigen haben endlich die Frauen das Sagen und die Herrschaft der Männer ist Geschichte, auf solch einen Gedanken wäre Thomas Morus sicherlich noch nicht gekommen. Schon eher nähert sich die zukunftsweisende Erzählung Björks Valerie Solanas’ „Scum“-Manifest aus den sechziger Jahren an. Darin machte die radikal-feministische Autorin, die drei Kugeln auf Andy Warhol abfeuerte, klar, dass es für Frauen erst besser laufen werde, wenn die Männer ganz verschwunden sind. Wobei Björk natürlich an keiner Stelle ihres Albums so weit ginge wie Solanas, den Männern explizit die Existenzberechtigung abzusprechen.

Nationalheilige in ihrem Land

„Utopia“ ist als Gegenentwurf zu Björks letztem Album „Vulnicura“ gedacht, das vor zwei Jahren herausgekommen war. Auf dieser Platte verarbeitete die Sängerin das schmerzhafte Ende ihrer Beziehung mit dem Konzeptkünstler Matthew Barney. Es handelte sich dabei um Björks erste Zusammenarbeit mit dem venezolanischen Produzenten-Wunderkind Arca, der mit seinen kühn entworfenen Klangkratern die Verstörung und den Frust seiner Auftragsgeberin kongenial abbildete. Arca ist auch bei „Utopia“ wieder mit von der Partie und er darf auch erneut seine Klackerbeats und nervösen Geräuschzuckungen mit in die hochkomplexen Songstrukturen einflechten. Doch die Dunkelheit, die sich über „Vulnicura“ legte, ist nun verflogen. Auf „Utopia“ scheint die Sonne wieder und Björk, so ließ sie auch noch verkünden, habe sich sogar frisch verliebt.

„Utopia“ ist das neunte Soloalbum der Sängerin, nachdem sie Anfang der neunziger Jahre zum internationalen Star und endgültig zur Nationalheiligen in ihrer Heimat Island aufgestiegen war. In dem Land, das nächstes Jahr zur Fußballweltmeisterschaft fahren darf, was für Isländer bis vor Kurzem sicherlich auch nicht mehr als eine fantastische Utopie war.

Die Neunziger waren Björks Jahrzehnt. Es war atemberaubend, wie sie mit Breakbeats und Technosignalen experimentierte und diese einer Mainstreamhörerschaft erschloss. Die Videoclips, die sie in dieser Zeit für ihre Songs drehen ließ, gelten bis heute als visueller Höhepunkt der MTV-Ära. Björks Drang, immer weiter Avantgarde sein zu wollen, technische und musikalische Neuerungen zu benutzen statt sie zu fürchten, führte in diesem Jahrtausend allerdings dazu, dass sie sich mehr und mehr verzettelte. Vom Pop entfernte sich sich immer weiter, indem sie hier noch einen Inuit-Kehlkopfgesang mit in den Song packte, dort eine App zum Album produzierte. So entstand eine Mischung aus Naturmystizismus und Technophilie, der sich nur noch schwer folgen ließ.

„Utopia“ wirkt wie ein Neuanfang. Das Album klingt mit seinen hallunterlegten Panflöten und futuristischen Electrobeats, den verdoppelten, verdreifachten Gesängen immer noch feierlich und rätselhaft genug. Aber längst nicht mehr so angestrengt nonkonformistisch. Nach einer Phase des pausenlosen Probierens scheint Björk Guðmundsdóttir mit diesem Konzeptalbum dort angekommen, wo sie schon lange hinwollte, nämlich in der Klangutopie eines Fantasy-Matriarchats. Es ist ein Paradies, in dem Adam nicht mehr das Sagen hat. Björk hat ihre traumwandlerische Sicherheit, mit der sie einst zur richtigen Zeit das Richtige machte, endgültig wiedergefunden.

Björk mischt sich ein in die Sexismus-Debatte

Mitten hinein in die „Me Too“-Debatten, die dokumentiert, wie deprimierend es immer noch um die Verteilung von Macht steht, platzt nun ihre Platte. Mitten hinein in eine Zeit, in der auch in der Popkultur, mit ihrem Sensorium für aktuelle Entwicklungen, eher Dystopien entworfen werden, so wie in der amerikanischen Fernsehserie „The Handmaid’s Tale“ nach dem gleichnamigen Roman von Margaret Atwood, in der Frauen als Gebärmaschinen unterjocht werden.

Vor einer Weile hatte Björk eine Neuauflage der Debatte darüber ausgelöst, dass Frauen in der Musikwelt immer noch zu wenig Anerkennung erfahren würden. Sie klagte darüber, als Künstlerin ständig auf ihre Zusammenarbeit mit Männern reduziert zu werden. Dass man ihr als Frau die Fähigkeit abspreche, ihre Songs selbst zu schreiben. Ein Befund, der umso niederschmetternder war, weil er von einem der anerkannt größten weiblichen Popstars dieser Welt kam. Und dann beschuldigte die Sängerin im Oktober dieses Jahres auch noch den dänischen Regisseur Lars von Trier, dass er sie bei den Dreharbeiten zu seinem Filmmusical „Dancer in the Dark“ vor 17 Jahren sexuell belästigt habe. Von Trier bestritt die Vorwürfe vehement.

Mitten in dieses Klima der Angst und des Machtmissbrauchs hinein lässt Björk nun ihr Flötenorchester, bestehend aus zwölf Frauen, tirilieren und breitet seidige Harfenklänge aus. Eine klanggewordene Versöhnungsgeste ist das sicher nicht. Statt die Zustände zu beschreiben, wie sie sind, zeigt Björk lieber, wie sie sein sollten. So weist „Utopia“ tatsächlich in die Zukunft. Wann konnte man das zuletzt von einem Popalbum behaupten?

Die Hörer können Björks neue Platte übrigens auch mit Bitcoins bezahlen. Auch auf diesem Feld gibt sich die Isländerin zukunftsweisend, obwohl die Deutsche Bank soeben erst eine Warnung vor der Digitalwährung herausgegeben hat. Die Kursschwankungen seien für Anleger einfach zu unberechenbar, so die Einschätzung des Geldinstituts. Manche sagen jedoch, die Deutsche Bank zeige mit ihrem Aktivismus vor allem, dass sie Angst davor habe, bald obsolet zu sein und gänzlich zu verschwinden. So wie es den Männern und ihrer Herrschaft bald laut Björks Pop-Utopie droht.

„Utopia“ erscheint am heutigen Freitag bei Warner.

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