Chloë Grace Moretz als Carrie. Foto: Sonyp

Neue Verfilmung von Stephen King: "Carrie" Macht und Massaker

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"Carrie" ist ein Horror-Klassiker, als Film und als Buch: 1976 verfilmte Brian De Palma den blutigen Schmöker, den Stephen King zwei Jahre zuvor veröffentlicht hatte. Jetzt wagt sich Kimberly Peirce an ein Remake. Muss das wirklich sein?

Kaum ist Stephen Kings neuer Bestseller „Doctor Sleep“ erschienen, kommt eine Neuverfilmung seines 1974 publizierten und 1976 von Brian De Palma verfilmten Erstlings „Carrie“ in die Kinos. „Carrie“, das war damals die sommersprossige, rotblonde Sissy Spacek. Ihre wimpernlos scheinenden Augen und der breite Mund verliehen ihr jenes merkwürdige Aussehen, das sie für die Rolle der gemobbten Außenseiterin mit religiös verblendeter Mutter und telekinetischen Fähigkeiten prädestinierte. Eine Teenager-Rachefantasie, angereichert mit Versatzstücken der damaligen Jugendrevolte.

Die fehlen nun in der Neuverfilmung, sonst aber ist das Remake mit Chloë Grace Moretz in der Hauptrolle dem Original und der Romanvorlage sehr ähnlich. Als 16-Jährige bekommt Carrie erstmals ihre Periode, als sie nach dem Sportunterricht duscht. Angesichts des Bluts zwischen ihren Beinen gerät sie in Panik. Den Klassenkameradinnen ist Carries Entsetzen ein willkommener Anlass, sie zu piesacken, sie mit Binden und Tampons zu bewerfen. Die Sportlehrerin schickt Carrie nach Hause und bestraft die Mädchen mit hartem Training. Wer sich widersetzt, darf nicht zum Abschlussball. Die meisten fügen sich, die Aufwieglerin Chris widersetzt sich, und die prospektive Ballkönigin Sue tut Buße, indem sie ihren Tanzpartner überredet, Carrie statt ihrer einzuladen. Chris aber heckt mit ihrem Freund Billy Nolan einen Plan zur endgültigen Bloßstellung von Carrie aus. Dann nimmt Carrie fürchterliche Rache.

Ein wenig verschiebt sich in der Neuverfilmung der Fokus von der Tochter auf die obsessiv religiöse Mutter, eine Paraderolle für Julianne Moore, die zwischen Bösartigkeit und Hysterie, zwischen Wahnwitz und schierer Tumbheit changiert und bereits in der ersten Szene versucht ist, das soeben unter Schmerzen und sehr viel Blut geborene Mädchen mit einer Schere zu ermorden. Die Rolle der Mrs. White ist in der Version von 1976 mit Piper Laurie besetzt, die neben ihrem wahnhaften Grinsen auch über ein verklärtes Strahlen verfügte, das sie in Momenten liebenswürdig erscheinen ließ, während Julianne Moores Mrs. White einfach nur irre ist. Man bedauert ihre Tochter, die von ihr mit der Vorstellung eines zornigen, strafenden Gottes traktiert und alleingelassen wird, in jeder Minute, und man begreift, dass da niemand anderes zum Lieben ist als diese Monstermutter, die sie immerhin die letzten 16 Jahre durchgebracht hat.

Als „Carrie“ 1976 ins Kino kam, wurde das Plakatmotiv des mit Blut übergossenen Mädchens im Ballkleid sofort zum Emblem des Horrorfilms. Und Brian De Palma, der gerade begann, sich als Regisseur des Schreckens zu profilieren, inszenierte das durch Carrie angerichtete Zerstörungswerk in einer Splatter-Drastik, wie man sie vorher kaum gesehen hatte. „Carrie“ zählt auch auf neuen Listen immer noch zu den 100 besten Horrorfilmen – ist aber, verglichen mit Produktionen des letzten Jahrzehnts, harmlos.

Regisseurin Kimberly Peirce versucht erfreulicherweise nicht, Brian De Palma durchs Vergießen von mehr Blut zu übertrumpfen. Vielmehr hat sie den Stoff behutsam der Gegenwart angepasst: So nimmt natürlich eins der Mädchen die Szene mit der blutenden, nassen, nackten, sich unterm Tamponhagel ängstlich zusammenkrümmenden Carrie auf, so wird das Video in Windeseile in der ganzen Schule verbreitet. So ist der Schulleiter, den die Sportlehrerin zu Rate zieht, kein verklemmter weißer Protestant, sondern ein beherzter, jovialer Schwarzer. Man begreift: „Carrie“ ist ein zeitloser Stoff und heute vielleicht sogar aktueller als damals. Daniela Sannwald

In 13 Berliner Kinos, OV: Cinestar Sony-Center

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