So schön kann Finnland sein. Doch in Elisabeth Zöllers Roman "F.E.A.R." geschehen in der Idylle schreckliche Dinge. Foto: Philipp Laage, picture alliance / dpa-tmn
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Neonazis in Finnland Wenn alles aus dem Ruder läuft

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Elisabeth Zöller erzählt in ihrem Roman „F.E.A.R.“ von einer deutschen Ausreißerin, die sich in einen finnischen Neonazi verliebt.

Clara, eine minderjährige deutsche Ausreißerin, ist unsterblich verliebt in Joonas, den smarten Finnen. Jetzt ist sie mit ihm zusammen in einem kleinen Häuschen an einem See nahe der Stadt Suonenjoki, mitten in Finnland. Es ist Sommer, die Sonne will nicht untergehen, Postkartenidylle. Und dann geschieht etwas, was Clara nicht glauben kann und will: Joonas und zwei Freunde, die wie er der „Neuen Finnischen Armee“ angehören, nähern sich mit einem Boot der Insel und zünden das Haus der Gastronomin an, die Clara besucht hat. Auch ihr Boot sprengen sie in die Luft und verschwinden. Clara hat aus der Ferne alles beobachtet. Doch etwas in ihr sperrt sich, sich zu stellen und zu berichten, was geschehen ist. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Das ist die Ausgangslage für Elisabeth Zöllers beunruhigenden und aufregenden Roman „F.E.A.R.“ über eine Gruppe Rechtsradikaler, in deren charismatischen Anführer Joonas sich Clara verliebt hat – ohne zunächst zu wissen, was ihn umtreibt. Dass dieser Joonas der Sohn einer finnischen Ministerin ist, macht die Sache nicht einfacher.

Wie kann es sein, dass normale nette Menschen derart ausrasten und zu solchen Schandtaten fähig sind? Joonas stammt ja nicht aus einer Problemfamilie, sondern ist eher sozial vernachlässigt worden, weil seine Mutter keine Zeit hatte, sich um ihn zu kümmern.

Clara wird von der Polizei nach einem Fluchtversuch festgenommen und nach Tampere gebracht, von dort geht es weiter nach Turku in die Polizeiakademie. Kriminalkommissar Artur Kekkonen soll das Mädchen verhören, weil er Deutsch kann. Ihre Mutter ist unterwegs, und auch die Ministerin will, dass möglichst kein Staub aufgewirbelt wird. Clara soll reden, aber sie schweigt. Sie will Joonas schützen, fragt sich aber gleichzeitig, was sie da gerade gesehen hat.

Elisabeth Zöller. Foto: Peter-Andreas Hassiepen / Hanser hassiepen@hanser.de
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Zöller erzählt diese Geschichte tagebuchartig in kleinen Häppchen, mit Ortsangabe, Datum und Uhrzeit. Mit „Brand“, „Bericht“ und „Verrat“ sind die drei Kapitel überschrieben, die das Buch gliedern, abgesetzt durch doppelseitige Schwarz-Weiß-Fotos; der „Bericht“ nimmt den größten Teil ein. Kekkonen gelingt es, Clara zu überreden, ihre Gedanken in einen Laptop zu tippen. Das macht sie nach anfänglichem Zögern konsequent. Die Berichte sind durchnummeriert und in einer anderen Schrift geschrieben, gelöschte Passagen sind als durchgestrichener Text dennoch zu lesen. Mit diesem Kniff kann Zöller den inneren Zwiespalt Claras deutlich herausarbeiten.

Mit ihren Berichten vergewissert sie sich, was ihr Joonas bedeutet und wie die ganze Geschichte angefangen hat. Man möchte Clara schütteln und ihr die Augen öffnen, aber sie sperrt sich dagegen, weil sie ihre große Liebe retten will. Mit Joonas wollte sie es ihrer Mutter zeigen, sie schockieren. Sein arisches Gerede nimmt sie zunächst nicht ernst.

Zum Fürchten - ein Roman von großer Aktualität Foto: Hanser Verlag
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Zöller hat gut recherchiert, liefert Einsichten in die Denkweise der Neuen Rechten, zeigt die Mechanismen, mit denen sie Menschen an sich binden. Alles fängt so normal und harmlos an. Und der Leser fragt sich, wie man wohl selber reagiert hätte – mit 17 Jahren, schwer verliebt. Das ist das Beunruhigende an Zöllers Roman. Es scheint, als sei alles möglich und der gerade Weg ein beschwerlicher. Sie gibt keine Rezepte und verweigert sich dem Happy End. Auch Joonas’ Mutter muss sich der Frage stellen, was ihr wichtiger ist: ihr Sohn oder der Kampf gegen die ausländerfeindlichen finnischen Neonazis. „F.E.A.R.“ ist ein Roman von bedrückender Aktualität.

– Elisabeth Zöller: F.E.A.R. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2015. 208 Seiten. 16,90 Euro. Ab 14 Jahren.

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