Mykki Blanco auf dem Cover des Debütalbums "Mykki". Foto: K7!p

Mykki Blanco live in Berlin Göttin der Gleichzeitigkeit

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Fulminante und beglückende Hip-Hop-Show: Mykki Blanco im ausverkauften Berghain.

Konzerte im Berghain haben meist wenig mit dem zu tun, wofür der Berliner Club berühmt ist. Er wird dann einfach zu einer weiteren Bühne der Stadt, sein eigentliches Wesen als Tanzkathedrale tritt zurück.

Dass das nicht so sein muss, dass beide Seiten verbunden werden können, zeigt die fulminante Show von Mykki Blanco, die eine einzige Feier der Verwandlung und Verschmelzung ist. Was schon mit dem Support-Set von Zakmatic beginnt, das bereits alle in Bewegung und ins Schwitzen bringt. Der DJ bleibt weiter an seinem Platz, als der Star des Abends hereinstolziert, die Beats werden von Techno zu Hip-Hop verschoben und los geht das Spektakel einer der derzeit aufregendsten Rap-Diven.

Mykki Blanco rappt mitten im Publikum

Im Jeansfetzen-Kleid und dreifarbiger Mähne tigert die 31-jährige New Yorkerin über die Bühne, spuckt ihre Zeilen ins Mikro, ein rauer, harter Flow. Nach einigen Minuten bittet sie die Menge, einen Kreis zu bilden, kommt herunter ins Publikum und macht auf einem kleinen Podest in der Mitte des Raums weiter. Dies ist der Moment, in dem das kollektive Adrenalin- und Endorphinlevel in die Höhe schießt, immer näher rücken die Fans an Blanco heran. Als der Flacker-Synthie von „Loner“ ertönt, gibt es kein Halten mehr, der Beat reißt alle Arme in die Luft. Die Stimme von Gastsängerin Jean Deaux kommt aus dem Rechner, Mykki Blanco dreht sich derweil auf ihrem Kistchen, scheint langsam abzuheben.

Ständig mischen sich Politik und Party

Ja, sie die finstere Göttin dieser Nacht. Denn bei aller Liebe und Sexyness, die sie ausstrahlt, sind die Verzweiflung und Zerrissenheit ihrer Songs stets präsent. „Life don’t treat me right/ I’m so mystified/ Why do I need love?/ Why do we need love?“, singt sie im Refrain von „The Plug Won’t“ von ihrem im letzten Jahr erschienenen Debütalbum.

Ständig mischen sich Politik und Party bei Mykki Blanco, es ist Teil ihrer Persönlichkeit. Einmal erstürmt sie die Treppe Richtung Panoramabar und nimmt die kleine Plattform an deren Ende in Beschlag. So verwandelt sie den kleinen Raum in einen Romeo-und-Julia-Balkon, an deren Streben sie ihren nackten Hintern reibt. Und nutzt ihn dann, um den nächsten Song allen Menschen zu widmen, die mit HIV leben. Die Rapperin gehört selber dazu.

"Wir müssen Transfrauen schützen"

Michael David Quattlebaum jr., wie Mykki Blanco bürgerlich heißt, ist vieles gleichzeitig. „I’m a Hebrew, a shemale, a female/ A nigga without a deal, yet somehow I deal in“ rappt sie/er in „Scales“, jetzt wieder auf der Bühne, ohne Kleid dafür in kurzen Sporthosen. Mit freiem Oberkörper, der von Tattoos übersät ist. Irgendwann verschwindet auch die Perücke, was eine wunderbar beiläufige Transformation vollendet. Geschlechtergrenzen interessieren Mykki Blanco nicht, das Empowerment von Marginalisierten schon: „Wir müssen Transfrauen schützen, wir müssen schwarze Kinder schützen!“ Zwei Mal sagt sie das. Zustimmung in der Menge, in die sie sich nach einer Stunde wieder stürzt. Abgang durch die Mitte, die Party gehört euch. Zakmatic übernimmt wieder und die erhitzten Körper verschmelzen zu einem großen zuckenden Organismus, Mykki Blanco tanzt mit, das Berghain ist ganz bei sich. Welch ein großer, beglückender Abend!

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