Weitermacherin: Margarethe von Trotta arbeitet seit 1967 fürs Kino. Foto: dpa
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Margarethe von Trotta im Gespräch In der Liebe darf man lügen

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Margarethe von Trotta lüftet in „Die abhandene Welt“ ein Geheimnis, das zu ihrer Biografie gehört. Im Gespräch verrät die Regisseurin außerdem, wovon sie sich in Familienfragen leiten lässt - und in welcher Stadt sie am liebsten leben würde.

Margarethe von Trottas neuer Film „Die abhandene Welt“ schließt nach ihren Porträts der großen historischen Frauen Rosa Luxemburg, Hildegard von Bingen und Hannah Arendt noch einmal an ein autobiografisches Lebensthema an. Viele ihrer Filme setzen sich mit der komplexen Beziehung von Schwestern und Freundinnen auseinander. Angeregt durch Trottas Film „Schwestern oder Die Balance des Glücks“ (1979) nahm ihre bei Adoptiveltern in Moskau aufgewachsene Halbschwester Kontakt zu ihr auf. Margarethe von Trotta, 1942 als Tochter des Malers Alfred Roloff und der deutsch-baltischen Aristokratin Elisabeth von Trotta in Berlin geboren, begann ihre Karriere als Schauspielerin. Sie trat in Filmen von Klaus Lemke, Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff auf, mit dem sie von 1971 bis 1991 verheiratet war. Dann schrieb sie Drehbücher und führte Koregie zusammen mit Volker Schlöndorff, bevor sie 1978 ihren ersten eigenen Film „Das zweite Gesicht der Christa Klages“ bei der Berlinale präsentierte.

Frau von Trotta, Kinder, die Familiengeheimnisse lüften, sind ein beliebter Kinoplot. In Ihrem Film ist es aber ein Vater, der seine Tochter drängt, die Unbekannte aufzusuchen, die seiner verstorbenen Frau ähnlich sieht.

Als der Vater das Bild der amerikanischen Sängerin im Internet findet, kommt etwas an die Oberfläche, das er eigentlich nicht wissen will. Aber tief drinnen ahnt er die mögliche Vorgeschichte. Er hätte selbst nicht die Kraft, er hat Angst vor der Wahrheit, darum schickt er die Tochter los. Sie ist interessiert an der Doppelgängerin, aber sie muss keine unterdrückten Schuldgefühle bearbeiten.

Was liegt Ihnen an diesem Akzent, gibt es da eine Beziehung zum autobiografischen Kern des Films?

Ich habe in meinem eigenen Leben auch nie nach einer verborgenen Verwandtschaft gesucht. Ich habe zwar unbewusst um sie gewusst, aber ich musste nicht die Schuldgefühle meiner Mutter mit mir tragen. Ich war ja ihr geliebtes Einzelkind. Die Erkenntnis, dass da noch jemand ist, kam von außen. Ich hatte lange keine Worte für mein unbewusstes Wissen, erst im Nachhinein ist mir alles klar geworden. In „Schwestern oder die Balance des Glücks“ nannte ich die eine Schwester Anna, die andere Maria. Meine Schwester, von der ich erst nach diesem Film erfahren habe, heißt Anna und mein zweiter Name ist Maria.

Auf Weltensuche: Katja Riemann und Rüdiger Vogler in "Die abhandene Welt". Foto: Berlinale
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Glauben Sie an Telepathie?

Freud schrieb über die telepathische Verbindung zwischen Mutter und Kleinkind. Eine Mutter erzählte in der therapeutischen Sitzung einen Traum, in dem eine Münze eine wichtige Rolle spielte, und als sie zu ihrem Kind nach Hause kam, brachte es ihr die Münze. Ich bin sicher, dass meine Mutter, gerade als ich ein Baby war, sehr oft an ihr anderes Kind denken musste. Sie hat bestimmt sehr darunter gelitten, dass sie es hat weggeben müssen, und hat es in mir gespiegelt. Ich wusste immer, dass hinter mir jemand anderes steht. Unsere Mutter/Tochter-Beziehung war so wunderbar, dass ich immer das Gefühl hatte, sie liebt mich für zwei. Und manchmal sagte sie zu mir: dass du mich so liebst, habe ich doch gar nicht verdient.

Ihre Mutter stand unter extremem gesellschaftlichen Druck, als sie unverheiratet schwanger wurde. Heute können Frauen sich für oder gegen ein Kind entscheiden.

Na gut, aber in meiner Generation mussten die Frauen für eine Abtreibung noch nach Holland fahren. Und bis in die fünfziger Jahre konnten sie weder arbeiten noch ein eigenes Konto eröffnen ohne die Zustimmung des Mannes. Die Mutter in meinem Film war vor der Ehe Sängerin, aber ihr Mann will sie nur für sich.

Das Doppelgänger-Motiv ist in Ihrem Film auch in der Musik präsent.

Jede der Frauen hat ihre eigene Musik. Katja Riemann singt Jazz, und Barbara Sukowa performt einmal wunderbar unheimlich das Lied „Der Doppelgänger“ von Franz Schubert nach Heine.

Barbara Sukowa spielt eine Diva, sehr konzentriert und kontrolliert, Katja Riemann bewegt sich eher athletisch. Wollten Sie betonen, dass sich die Weiblichkeitsbilder verändert haben?

Das haben die Schauspielerinnen aus sich heraus entwickelt, es war kein von mir vorgegebenes Thema.

Muss man denn alle Familiengeheimnisse lüften? Katja Riemann mit Tom Beck. Foto: Berlinale
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Die Geschichte Ihrer Mutter ereignete sich in Moskau, in Ihrem Film ist New York ein wichtiger Schauplatz.

Beinahe alle Orte, die ich liebe, kommen in irgendeiner Weise in „Die abhandene Welt“ vor. Ich bin in Düsseldorf-Kaiserswerth zur Schule gegangen. Am Rhein, wo Katja Riemann und Matthias Habich spazieren gehen, habe ich früher mit meiner Freundin Schularbeiten gemacht. Ich hatte immer das Gefühl, dass der Fluss alle Betrübnis mit sich fortträgt. Und New York ist mir seit Jahrzehnten vertraut, weil ich dort Verwandte habe und schon viele Filme drehen konnte. Wenn ich frei wählen könnte, würde ich gern in New York wohnen. Meine Mutter schwärmte immer von „Moskau, Moskau!“, sie fühlte sich nie zugehörig zu unserem Land. Vielleicht hat sie mir das Gefühl der Wurzellosigkeit übertragen, weil ich staatenlos geboren wurde und erst durch eine Ehe Deutsche geworden bin.

Plädiert Ihr Film für die reinigende Kraft einer Familienaufstellung?

Ich habe keine Theorie dazu. Ich lasse mich von meinem Unbewussten leiten. Bei „Hannah Arendt“ musste ich mich dem Vorbild ihres Lebens anpassen und möglichst tief in ihre Person eindringen. Bei meinen frühen Filmen habe ich mich meinem Unbewussten überlassen. Die Geschichte ergibt sich beim Schreiben, das war bei „Schwestern oder Die Balance des Glücks“ und bei meinem neuen Film derselbe Arbeitsrhythmus.

In der Rolle der arbeitslosen Jazzsängerin verdient Katja Riemann Geld, indem sie Paare traut. Zur Vorbereitung dieses freien Rituals befragt sie ihre Kandidaten.

In kleiner komischer Form kommt die ganze Geschichte des Films noch einmal vor, wenn sie fragt: „Muss man sich in einer Beziehung immer die Wahrheit sagen?“

Muss man denn alle Familiengeheimnisse lüften?

Meine Schwester sagte mir, dass sie erst mit 21 von ihrer Adoption erfahren habe, aber schon ein paar Jahre zuvor unter einer schweren Depression litt, weil sie das Gefühl hatte, nicht in die Familie zu gehören. Vielleicht ist der Film von der Erfahrung mitgeprägt, dass alle Beteiligten ihre geheimen Wünsche und Verdrängungen mit sich schleppen. Ich fand meine Lösung tröstlich, dass am Ende die Klärung der Familienbande Zukunft bedeutet. Auch die Alten leben so nicht mehr nur in der Vergangenheit.

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Zukunft im Alter, meinen Sie damit auch sich selbst?

Ja, ich will natürlich weiter Filme machen, solange ich atmen, denken und laufen kann. Ich habe noch Ideen.

In diesem Jahr sind Regisseurinnen mit ihrer Forderung nach Gleichstellung bei der Berlinale an die Öffentlichkeit getreten. Unterstützen Sie „Pro Quote Regie“?

Wir haben schon einmal Ende der siebziger Jahre Verbände gegründet und die Gleichstellung gefordert. Heute machen mehr Frauen Filme und es gibt mehr Studentinnen an den Filmhochschulen. Da hat sich eine Menge getan. Aber wenn es die Pyramide hinaufgeht, dann sind wie in der Wirtschaft meist die Männer on the top. Ich finde, dass die Frauen das nicht verdient haben. Sie sollen sichtbar sein, Möglichkeiten haben – auch die, schlechte Filme zu machen, weil die Männer es sich schließlich auch herausnehmen, schlechte Filme zu machen.

Das Gespräch führte Claudia Lenssen

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