Der französische Pianist Lucas Debargue. Foto: Felix Broede/Sony Music Entertainment
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Lucas Debargue in der Philharmonie Melancholie im Polonaisenrhythmus

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Walzerklang und Tristan-Drang: Der französische Pianist Lucas Debargue spielt mit dem Komponist Mikhail Pletnev und dem Russischen Nationalorchester in der Philharmonie.

Als Pianist ist Mikhail Pletnev fast schon legendär, als Gründer und Dirigent des Russischen Nationalorchesters hochgeschätzt, als Komponist und Arrangeur höchst originell. Auch Lucas Debargue lässt durch eine Individualität aufhorchen, wie sie unter seinen Kollegen der jungen Generation eher selten anzutreffen ist. Beim Tschaikowsky-Wettbewerb 2015 belegte der 1990 geborene Franzose zwar nur einen vierten Platz, eroberte aber Publikum und Presse im Sturm. Wie Pletnev kann er am Klavier Eigenwilliges, dabei aber Stimmiges zutage fördern; wie dieser ist er kompositorisch tätig und scheut die musikalischen Seitenwege nicht – eine tiefe Liebe zum Jazz inspiriert Debargue als Klassik-Interpreten.

In Maurice Ravels Klavierkonzert ist er da bestens aufgehoben. Mit Verve stürzt sich Debargue in seine zwischen Strawinsky und Gershwin changierende Motorik, zaubert Blues-Atmosphäre im hispanisierenden Seitenthema, betont mit seiner unbeirrbaren Präzision im Finale manche das rasante Geschehen schärfende unbekannte Motive, über die andere einfach hinwegspielen. Am schönsten wirkt sein Farbenspiel in den zart schwebenden Kantilenen des Mittelsatzes, in behutsamer Einmütigkeit unterstützt vom Orchester, aus dem ein klangvolles Englischhorn hervortritt.

Hier geht es polnisch zu

Einmütigkeit herrscht nicht immer zwischen Klavier und Orchester. Grundsätzlich geht Pletnev zarter, leichter an das Werk heran als der leidenschaftliche Pianist, der sich vom begeistert tobenden Publikum mit einer kurzen, meditativen Zugabe verabschiedet. Doch mit welcher Flexibilität werden Temposchwankungen aufgefangen und die Klangschichten ausbalanciert! Mit äußerster Differenzierung, weit schwingenden Bögen und hinreißenden Steigerungen verhelfen Pletnev und das Russische Nationalorchester auch den das illustre Konzert umgebenden Werken in der Philharmonie zu starker Wirkung.

Hier geht es polnisch zu. Mieczyslaw Karlowicz, ein in Berlin ausgebildeter Szymanowski-Zeitgenosse, ist eine Entdeckung. Seine 1897 uraufgeführte Serenade op. 2 beginnt in unschuldigstem, fast operettenhaftem Plauderton, um dann ungeahnte melancholische Tiefen zu erreichen. Bewundernswert, wie Pletnev die einzelnen Schichten von Walzerklang, Tristan-Drang und leicht ironisierenden Akzenten verschmilzt.

Stets maßvoll und doch emotional in den Bann ziehend musiziert zeigt sich Tschaikowskys 3. Sinfonie ihren berühmteren Gefährtinnen gleichrangig; warum sie die „Polnische“ heißt, erzählt weniger ihr himmelstürmendes Finalthema als ein unter dem melancholischen Allegro-Seitenthema präzise federnder Polonaisenrhythmus.

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