Oktober. Laz Ozerden machte diese Aufnahme in der Nähe von Highbury und Islington Station. "Für mich sagt dieses Bild: Ich bin nichts und ich bin alles." Foto: Laz Ozerdenp

London mit Einmalkamera Obdachlose fotografieren ihre Stadt

Julius Heinrichs
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Mit Einmalkameras fotografierten Londons Obdachlose ihre Stadt, wie sie sie erleben. Die Aufnahmen berühren - trotz des Grauschleiers.

Die verbreitete Vorstellung eines Fotografen ist nicht die eines Obdachlosen. Das ist nicht weiter wunderlich, denn die meisten Obdachlosen sind keine Fotografen und die meisten Fotografen keine Obdachlosen. Das Londoner Art Café jedoch zeigt, dass auch Menschen ohne feste Unterkunft ein Händchen für fotografische Ästhetik haben können. Bereits zum zweiten Mal richtete die Initiative ihren Foto-Wettbewerb „My London“ aus und verteilte rund 100 Einwegkameras an Obdachlose. Diese zogen los und fotografierten London so, wie sie es erleben – abseits von Big Ben und Buckingham Palace. Aus rund 5.000 eingegangenen Fotografien wählte eine Jury zunächst 20 Gewinnerfotos. Anschließend bestimmte die Öffentlichkeit 13 Bilder, die in einem Kalender veröffentlicht werden.

Trotz des braun-grauen Schleiers der Einmalkamera haben diese Fotos eine subjektive Schönheit und Strahlkraft. Da ist ein Banksy-Graffiti-Hund mit echten Dalmatiner davor. Eine Telefonzelle im Lavendelfeld. Ein anderer Obdachloser mit ausgebreiteten Armen, fotografiert aus der Vogelperspektive. Ungewöhnliche Blickwinkel, fernab des Mainstreams.

Soziale Medien verschaffen dem Projekt Schlagzeilen in der ganzen Welt

Der Qualität der Bilder ist es auch zu verdanken, dass bereits der „MyLondon“-Kalender 2016 ein Verkaufserfolg wurde. Ein Artikel im britischen Magazin „Amateur Photographer“ verlieh ihm internationale Aufmerksamkeit und hunderttausende Klicks in den sozialen Netzwerken. Andere Städte bekamen Wind von der Aktion und stießen ähnliche Projekte an. Sydney gehört dazu, ebenso Budapest, São Paulo, New Orleans und Toronto.

In London gilt das Art Café längst als gar nicht mehr so geheimer Geheimtipp. Es wird von Obdachlosen betrieben und dient Künstlern als Galerie, die sonst keine Chance auf Ausstellungsfläche haben. Nach der Gründung 2012 wurde es schnell zum hippen Hipster-, Studenten- und Künstlertreff.

Bis zum 10. September kann der Café Art „MyLondon“-Kalender auf Kickstarter.com für 9 Pfund (umgerechnet etwa 12 Euro) bestellt werden. Der Erlös deckt die Ausgaben für das Projekt und ermöglicht Obdachlosen-Fotokurse sowie weitere Initiativen des Art Cafés.

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