Bob Dylan, hier auf einem Foto 2011, gewinnt den Nobelpreis für Literatur 2016. Foto: AFP
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Literaturnobelpreis für Bob Dylan "Die eine Hälfte Yeah, die andere Hälfte Whattt?"

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Jan Böhmermann, Sibylle Berg, Steinmeier: Die ersten Reaktionen auf die überraschende Nachricht, dass Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, sind so enthusiastisch wie skeptisch.

Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis - die ersten Reaktionen darauf sind hochemotional, enthusiastisch, aber auch kritisch. "Die eine Hälfte Yeah, die andere Hälfte whatttt?", schreibt ein User auf Twitter, was den Tenor der Kommentare gut zusammenfasst. Die Grünen-Bundesvorsitzende Simone Peter freut sich: "Unkonventionelle, aber super Entscheidung! Glückwunsch dem Tambourine Man." Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann schreibt von einer grandiosen Entscheidung. Zu den ganz schnellen Gratulanten gehört der TV-Comedian Jan Böhmermann mit einem ausbuchstabierten Jubelschrei, "Boooooob Dylan".

Warum nicht gleich Dieter Bohlen?

Die Schriftstellerin Sibylle Berg ist hingegen nicht begeistert und kommentiert mit spitzem Humor: "Die Chancen für mich, den Physik-Nobelpreis zu bekommen, haben sich gerade dramatisch erhöht". In die gleiche Richtung geht auch der Kommentar der US-amerikanischen Schriftstellerin Jodi Picoult, die auf Twitter fragt, ob sie jetzt auch einen Grammy gewinnen könne. Die schärfsten Kritiker fragen, warum jetzt nicht auch noch Lionel Richie oder gar Dieter Bohlen.

Auch der Literaturkritiker Denis Scheck hält die Jury-Entscheidung für einen Witz. Gelegentlich erlaube sich die Akademie ein Späßken. "Die Auszeichnung von Bob Dylan ist genauso ein Witz, wie es die von Dario Fo war. Am besten, man lacht mit." Es gibt aber auch große Namen aus der Literaturwelt, die positiv reagieren: "Great Choice", großartige Entscheidung, findet der Schriftsteller Salman Rushdie. "Toll", schreibt die Globalisierungskritikerin und Publizistin Naomi Klein.

Ovid mit Blues, Shakespeare mit Gospel

Und der deutsche Dylan-Biograf Heinrich Detering führt aus, dass das Votum für den amerikanischen Songwriter zur rechten Zeit kommt, da dieser sein Werk im Wesentlichen wohl abgeschlossen habe: „Dylan hat wie kein anderer die moderne amerikanische Musiktradition mit der literarischen Hochkultur zu einer neuen Kunstform vereint - Ovid mit Blues, Shakespeare mit Gospel“, so Detering. „Es wäre deshalb ein großes Missverständnis zu meinen, er werde nur für die Qualität seiner Texte ausgezeichnet. Texte, Musik und Performance sind eine Trias.“

Scharf schreibt ein Twitter-User: "Jahrelang hab ich mich gewundert, was mein Vater da nuschelt, wenn im Radio die Mundharmonika kam. Immerhin: Es war Literatur". Auch der Schriftsteller Irvine Welsh ist nicht angetan von der Entscheidung, obwohl er Dylan-Fan ist. Er bezeichnet die Auszeichnung Dylans auf Twitter als "schlecht durchdachten Nostalgie-Award". Dumont, der Verlag von Haruki Murakami, der nun erneut leer ausging in Stockholm, reagiert dagegen äußerst cool und zitiert einen Satz aus Murakamis Roman "Hardboiled": "Am Hafen parkte ich neben einem verlassenen Speicherhaus, zündete mir eine Zigarette an und legte Bob Dylan ein."

"Es war höchste Zeit" sagt Heinz Rudolf Kunze

Andere Tweets mutmaßen, dass es besondere Auseinandersetzungen um den Preisträger gegeben haben müsse und die Jury deshalb eine Woche länger gebraucht habe als sonst. Wieder andere machen sich Gedanken darüber, ob der Preis für Bob Dylan wohl eher in der älteren Generation auf Gegenliebe stößt: "Wir hoffen, dass die Generation YouTube dich noch kennt", schreibt "Webvideopreis". Und "Svenja" meint: Der Tag, an dem unser Vater sich auf die Schulter klopft und denkt: Alles richtig gemacht". Auch die Sorge um die Buchhändler, die anders als sonst an Nobelpreis-Donnerstagen, keine erhöhten Umsätze verzeichnen können, wird in den sozialen Netzwerken geäußert, während die Stadtbibliothek Bielefeld schon eine Stunde nach Bekanntgabe meldet: "Schwupps, sind alle Dylan-Songbooks bei uns ausgeliehen".

Der Deutsch-Rocker Heinz Rudolf Kunze indes freut sich über den Literaturnobelpreis für Bob Dylan. „Ich bin erleichtert, dass es nun endlich geklappt hat. Er stand ja seit Jahren auf der Liste“, sagte Kunze (59) am Donnerstag. „Ich finde es gut, wenn auch obskure Autoren den Preis bekommen, aber es war höchste Zeit, dass mal wieder jemand den Preis bekommt, der Millionen Menschen erreicht hat“, erklärte der bei Hannover lebende Rockpoet weiter. Dylan habe ihm gezeigt, dass es sich lohne, komplexe Texte mit Musik zu verbinden.

Steinmeier: "mutige Entscheidung"

Auch die deutsche Politik ist begeistert, die Parteien gratulieren Dylan per Social Media. Ralf Stegner, stellvertretender SPD Parteivorsitzender fragt auf Twitter "Wie cool ist das denn?". Als erster deutscher Minister meldete sich Frank Walter Steinmeier zu Wort, Der Bundesaußenminister gratulierte Dylan und freute sich über die "mutige Entscheidung" der Stockholmer Jury. Auch in diesem Jahr sprenge sie wieder die Genregrenzen und "ehrt einen der größten Musiker des 20. Jahrhunderts, der wie kein anderer Millionen Menschen auf der ganzen Welt mitgerissen und mit seinen Texten und ihren tiefen Wahrheiten direkt ihre Herzen erreicht hat".

Gleichzeitig würdigte Steinmeier den Schriftsteller und Dramatiker Dario Fo, Literaturnobelpreisträger von 1997, der mit 90 Jahren  gestorben ist.  Mit ihm verliere nicht nur Italien, sondern auch Europa und die ganze Welt einen großen Dramatiker und glänzenden Unterhalter, der das Theater immer als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen begriffen habe. Und der italienische Premier Matteo Renzi, der gerade erst wegen des Tods von Dario Fo kondolierte, schreibt auf Twitter. "Die Poesie gewinnt. Immer." Tsp mit dpa

 

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