Roman Ich und der Esel

 Christina Tilmann
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Filmen mit Bresson: Anne Wiazemskys „Jeune Fille“ zeigt, dass die Autorin erwachsen geworden ist.

Ein Buch, geschrieben wie ein Film der Nouvelle Vague, im gleichen schwebend-leichten Ton. Schon der Titel: „Jeune Fille“. So ähnlich hießen Filme von Catherine Breillat („Une vraie jeune fille“), François Truffaut („Une belle fille comme moi“) oder Benoit Jacquot („La fille seule“). Und man sieht junge Mädchen vor sich, mit langen, glatten Haaren, wie ein Vorhang vors Gesicht geweht, die träumen von erster Liebe, romantischer Schwärmerei, und sie spielen ein kokettes Spiel aus Anziehung und Zurückweisung ...

Anne Wiazemsky ist ein Kind dieser Zeit. 1966 wird die in Berlin geborene Enkelin von François Mauriac mit ihrer ersten Rolle in Robert Bressons Film „Zum Beispiel Balthasar“ berühmt: Marie, das kleine Mädchen mit dem Esel, dieses düstere Märchen von Gewalt und Naivität, ist heute eine Kinoklassiker. Bei den Dreharbeiten lernt sie auch den jungen Jean-Luc Godard kennen, heiratet ihn ein Jahr später, spielt die Hauptrolle in seinem Film „Die Chinesin“, steht auch für Pier Paolo Pasolini vor der Kamera, in „Teorema“ und „Der Schweinestall“. Später versucht sie sich als Schriftstellerin und Drehbuchautorin.

„Jeune Fille“, ihr Buch von 2007, das nun auch auf Deutsch und im Herbst dann auf Englisch erscheint, ist die Geschichte eines Sommers, jenes Sommers mit Bresson. Die Dreharbeiten in Guyancourt sind für die siebzehnjährige Anne Sommerferien der besonderen Art. Sie wohnt mit Bresson in einer Villa, der Regisseur schirmt sie eifersüchtig von Außenkontakten ab. Bei abendlichen Spaziergängen im Park entsteht eine prekäre Nähe, die Anne genießt, die sie aber auch verschreckt. Und dann freut sie sich wieder kindlich am Schabernack des Esels.

„War er in Sie verliebt“, fragt Anne bei der Vorbereitung zu ihrem Buch die Frauen, die mit Bresson gedreht haben: Thérèse, ihre Cousine Florence oder Renée Faure. Sie verstehen die Frage nicht. Doch Liebe, die abhängig macht, ist der Schlüssel zu Bressons Macht über Anne. Ihr Buch „Jeune Fille“ ist die späte Antwort, endlich auf Augenhöhe. 40 Jahre nach „Zum Beispiel Balthasar“ ist Anne Wiazemsky erwachsen geworden.

Anne Wiazemsky: Jeune Fille. Roman. Aus dem Französischen von Judith Klein. Verlag C.H. Beck, München 2009.

206 Seiten, 18,90 €.

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