330496_0_c637ed24.jpg Foto: laif
p

Julian Barnes' neuer Roman Ein bisschen Ewigkeit

0 Kommentare

„Nichts, was man fürchten müsste“: Julian Barnes, einer der erfolgreichsten Schriftsteller Großbritanniens, hat ein ganzes Buch über den Tod, den Glauben und die Frage nach der Existenz Gottes geschreiben.

Vielleicht geht man die Sache mit dem Tod und dem Glauben am besten so an, wie es Julian Barnes in jungen Jahren für sich postuliert hat: „Als ich mir der Sterblichkeit bewusst wurde, war alles ganz einfach: Man war am Leben, dann war man tot und verabschiedete sich von allem Göttlichen: Tschüss, Gott.“ Inzwischen jedoch ist der 1946 in Leicester geborene Barnes auch schon weit über sechzig. Deshalb fügt er gleich die Frage an: „Doch wer weiß schon, was das Alter mit uns macht?“

Das Alter hat bei ihm dazu geführt, dass er in seiner Eigenschaft als einer der erfolgreichsten Schriftsteller Großbritanniens gleich ein ganzes Buch über den Tod, den Glauben und die Frage nach der Existenz oder Nichtexistenz Gottes geschrieben hat, ein Buch mit dem nur scheinbar tröstenden Titel „Nichts, was man fürchten müsste“.

Denn Barnes bekommt seine Furcht vor dem Tod, die ihn trotz eines Sprüchleins wie dem obigen seit seiner Jugend begleitet, auch mit diesem Buch nicht wirklich in den Griff. Immer wieder muss er konstatieren, „dass man den Tod und seine Schrecken mit Logik und rationalen Argumenten allein nicht besiegen kann“. Lieber behilft er sich mit Ironie, mit Flapsigkeit, manchmal mit einer hübsch zur Schau gestellten Lässigkeit, immer aber mit dem Einkreisen des Todes aus unterschiedlichsten Perspektiven. Und nicht zuletzt mit Geschichten über viele seiner literarischen Vorbilder und mit Anekdoten darüber, wie diese mit dem Tod umgegangen sind – und wie er sie ereilt hat.

Angefangen mit Montaigne, „mit dem das moderne Denken über den Tode beginnt“ und der den „Tod der Jugend“ als den viel schlimmeren empfand als den sozusagen herkömmlichen, der ja „nichts als der Tod des Alters“ sei, so Barnes mit Montaigne. Weiter geht es mit dem eher nicht so bekannten französischen Schriftsteller Jules Renard, dessen Tagebücher Barnes über die Maßen bewundert und der angesichts mehrerer tragischer Todesfälle in seiner Familie befand: „Ich empfinde nichts als eine Art Ärger über den Tod und seine idiotischen Tricks“. Und es treten Gustave Flaubert, Charles Baudelaire, Arthur Koestler, Somerset Maugham, Ford Madox Ford und viele andere mehr als Gewährsmänner auf.

All diese können Barnes seine Angst vor dem Tod nicht nehmen – ihre Reflexionen über den Tod haben auf ihn aber zumindest beruhigende Wirkung und lassen ihn leichteren Herzens das eine oder andere Witzchen reißen. Montaignes Zweifel etwa, ob man ein ewiges Leben wirklich wollen könne, zudem „zu den momentan geltenden Bedingungen und Konditionen“, kontert Barnes, wenn auch schüchtern eingeklammert: „Das Argument leuchtet mir ein, aber wie wär’s mit ein bisschen ewigem Leben? Einem halben? Okay, ich nehm’ auch ein Viertel.“

Obwohl Julian Barnes einmal davor warnt, sein Buch über den Tod mit einer Autobiografie zu verwechseln, trägt es nichtsdestotrotz autobiografische Züge. Sich essayistisch, mithilfe von Theologie, Philosophie und Literatur mit dem Tod auseinanderzusetzen ist das eine. Das andere ist, den Tod zu erleben, den der anderen. Diese Todeserfahrung macht man zumeist in der eigenen Familie. Und so erzählt Barnes nicht nur wie nebenbei, wie er aufwuchs und wo er zur Schule ging und studierte, sondern auch vom Sterben und Tod der Großeltern und Eltern und ihre Einstellungen dazu. Seine Mutter beschreibt er als „furchtlose Atheistin“, seinen Vater als „todesfürchtigen Agnostiker“, und genau diese Eigenschaften sieht er „in ihren beiden Söhnen reproduziert“.

Der vier Jahre ältere Bruder Jonathan, Professor für Philosophie in Oxford, Genf und Paris, kommt dabei nach der Mutter und antwortet auf die Frage von Julian, ob ihn seine philosophische Beschäftigung mit dem Tod versöhnt habe, trocken:  „Ich weiß, es wird geschehen, und ich kann nichts dagegen tun. Es gefällt mir nicht gerade, aber es macht mir auch keine Sorgen – und ich kann mir eigentlich nichts vorstellen, das mir besser gefiele (ein ewiges Quasileben in Gesellschaft von Heiligen ganz bestimmt nicht – was könnte weniger verlockend sein?)“

Jonathan Barnes ist für seinen Bruder der ideale Sparringspartner bis zum Schluss: der Philosoph, der von dem gelernten Erzähler immer wieder befragt und in die Pflicht genommen wird. Und der halt weiß, dass man vor dem Nichts keine Angst haben muss und eben auch der Tod nichts ist, was man fürchten müsste. Täte Barnes das aber nicht, hätte er dieses genauso stimmige und amüsante wie aufregende und kluge Buch nicht geschrieben, müssten wir weiter vorliebnehmen mit Romanen etwa von Philip Roth oder Martin Walser über das Alter und den Tod.

Jene begegnen ihrer Todesfurcht mit Liebe und Sex und halten es mit Somerset Maugham: „Die große Tragödie des Lebens besteht nicht darin, dass Menschen sterben, sondern aufhören zu lieben.“ Julian Barnes bereitet dieses Bonmot lieber auf und schreibt damit nicht zuletzt den liebestollen Walser- oder Roth-Helden einen schönen Satz ins Stammbuch: „Die weitere Tragödie des Lebens besteht darin, dass wir nicht rechtzeitig sterben.“

Julian Barnes: 

Nichts, was man fürchten müsste. Aus dem Englischen von

Gertraude Krüger.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.

320 Seiten, 19,95 €.

Zur Startseite