Feine Kleinigkeiten. Blick in eine der Frieze-Kojen mit Wandarbeiten von Marina Adams und Skulpturen von Anton Alvarez. Foto: AFPp

Kunstmesse Frieze in London Auf Nummer sicher

Annegret Erhard
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Londons wichtigste Messe Frieze setzt auf die großen Namen der Moderne. Das aber geht zu Lasten der alten Kunst. Ein Rundgang.

Ugo Rondinones aus mächtigen Steinquadern gebaute, Zeit und Existenz verkörpernde Figur empfängt die Besucher als strenger Wächter gleich im Eingang zu Londons größter Kunstmesse Frieze. Die Galerie Sadie Coles hat die Skulptur zur Eröffnung schon verkauft. Es ist luftiger geworden in dem weißen, im Regent’s Park errichteten Zelt. Doch 140 Aussteller aus aller Welt ziehen nach wie vor Scharen von Kunstsinnigen, Sammlern, Ausstellungsmachern und Lifestylesüchtigen an. Zeitgenössische Positionen stehen im Vordergrund. So die Idee. Für die klassischen Werte, das wertvolle alte Kunsthandwerk, die mittelalterliche und barocke Malerei, außereuropäische Kunst und vor allem die künstlerischen Leistungen der klassischen Moderne wurde für 130 weitere Teilnehmer ein zweites Zelt am anderen Ende des Parks aufgebaut.

Will man Geld verdienen, braucht es die Heroen, die ihren Platz im Kanon haben (oder bestimmt bekommen). Also ist der Gang über die Messe ein geradezu exemplarisch eingerichteter Parcours entlang der Werke etablierter oder sehr gut im Betrieb integrierter Künstler. Das ist nicht schlecht, im Gegenteil: die Qualität ist durchweg gesichert. Die großen Player wie Gagosian, Sprüth Magers oder Ropac bespielen das Gelände souverän mit großen Namen, großen Arbeiten und guten Umsätzen am ersten Tag.

Wie erlange ich Aufmerksamkeit in der Fülle? Das ist die Aufgabe der Aussteller. Die Galerie Hauser & Wirth gestaltet ihre Koje gemeinsam mit öffentlichen Sammlungen als Archiv, diesmal zum Thema Bronze; das reicht von frühesten musealen Beispielen bis zu Louise Bourgeois’ Doppelpenis; den humorigen Einschlag liefern nachweislich bei Ebay erworbene antike Münzen. Timothy Taylor überlässt dem Altmeister Eduardo Terrazas die Gestaltung seines Auftritts. Der inzwischen 80-Jährige hat, seinen linearen und kosmologisch aufgebauten, strahlend farbigen Papier- und Textilarbeiten (10 000– 42 000 £) folgend, dem ersten britischen Soloauftritt eine rätselhafte, geometrische Raumstruktur gegeben.

Weiblicher Blick auf Begierde

Mit Verve setzt man auch hier auf die Frau als Künstlerin. Galerist Andrew Kreps hat selbstironische Arbeiten von Goshka Macuga und stellt Marcel Duchamps Papp-Porträt als Rrose Sélavie als Pendant neben Angela Merkel. So viel Dada mit aktueller Einordnung und großzügigem Verzicht auf Zeitlosigkeit erfreut das knipsende Publikum (je 26 000 Euro). Und dann ist da noch der Sex-Work-Sektor. In den 1960ern emanzipierten sich etliche Künstlerinnen von ihrer Rolle als Objekt, Motiv und Muse. Schockierend schamlose (so empfand man das damals) Positionen gaben den nunmehr explizit weiblichen Blick frei auf Begierde und Lust, auf die Perversion der seinerzeit (und heute noch) vielfach geduldeten Ausbeutung. Einige der wichtigsten Protagonistinnen werden nun mit Arbeiten aus jenen Jahren vorgestellt, und für viele verblüffend zeigt sich diese Avantgarde weder abgenutzt noch nostalgisch.

Die Österreicherinnen Renate Bertlmann und Birgit Jürgenssen dokumentieren künstlerisch beredt das komplexe Spektrum. Erstere kreist um das Thema Fetisch. Eine Puppe im Spitzenkleid, der Kopf ein Phallus, kostet bei Richard Saltoun 140 000 £. Die 2003 verstorbene Jürgenssen interessiert sich für gesellschaftliche Stereotypen und attackiert sie in lustvoller, surrealistischer Manier. Natalia LL wirkte mit ihren performativ provozierenden Selbstdarstellungen in den frühen Siebzigern jenseits der heimischen polnischen Zensur über den Eisernen Vorhang hinaus in Europa und den USA; ihre subversiv-harmlosen „Consumer Art“-Motive, schöne junge Frauen, deren Mimik doppeldeutigen Genuss suggeriert, brachten die entsprechenden Behörden naturgemäß zur Weißglut. Den Nachholbedarf in Sachen feministischer Kunst belegt der Ankauf der Tate Modern, die bei Air de Paris eine frühe Arbeit der in Berlin lebenden, mittlerweile 84-jährigen, bis heute wegweisenden Amerikanerin Dorothy Iannone erworben hat. Der Markt hat die zornigen alten Frauen entdeckt.

Frieze Masters, die elegante Präsentation großer Weltkunst im zweiten Zelt sendet beruhigende Signale. Große Galerien legen sich mit Picasso, Miró und all den anderen mächtig ins Zeug und beweisen, dass der Markt bei aller Knappheit immer noch etwas in petto hat. Ein wenig ermüdend ist jedoch der Trend zur narrativen Präsentation, die rasch auch Folklore werden kann. „At work with Peter Blake“ nennt Waddington Custot den viel fotografierten Auftritt, für den das halbe Atelier des Künstlers, beschallt von seinen Lieblingsplatten, auf die Messe transportiert wurde. Dazwischen halbwegs originell arrangiert die verkäuflichen Bilder.

Transparenz und Selbstverpflichtung

Eine weitere, allerdings sehr begrüßenswerte Tendenz ist die Solo-Präsentation einzelner Künstler. Die Galerie Blain Southern stellt beispielsweise den vor allem durch sein gebogenes Stelenbündel bekannt gewordenen Bildhauer Bernar Venet mit einer Reihe von lackversiegelten Kartonreliefs vor, und bei Annely Juda liegen die roten und gelben Metallskulpturen von Anthony Caro auf dem Boden. Wie damals, 1963, als der Künstler seine Arbeiten in einer Ausstellung in der Londoner Whitechapel Gallery erstmals und ein bisschen revolutionär platzierte (110 000–1,2 Mio. Euro).

Die alten Meister haben noch ihren Platz bei Frieze Masters, eine große Rolle spielen sie jedoch nicht mehr, man könnte fast von einer pflichtbewussten Reminiszenz sprechen. Das gilt für die Händler mit frühen Handschriften ebenso wie für erlesenes Kunsthandwerk. Auch die Kunst außereuropäischer Kulturen hat anscheinend nur noch kultiviert abrundenden Charakter. Spezialmessen mit breit gefächertem Angebot sind hier der bessere Ort. Bei den Antiken hat sich das Feld nicht zuletzt aus naheliegenden Gründen gelichtet. Cahn und Phoenix halten trotz aller Anfeindungen, die Branche betreibe ein schmutziges Geschäft, mit Qualität und ausführlichen Provenienznachweisen die Stellung.

Transparenz, gepaart mit ethischer und humanistischer Selbstverpflichtung und ein Verzicht auf Positionen und Schuldzuweisungen, könnten das Dilemma zur kühlen Debatte führen und zumindest ein wenig befrieden. Schließlich erliegt man nur allzu leicht der nachweislich aus einer alten Schweizer Sammlung stammenden Gruppe von fünf handgroßen keramischen Stierskulpturen, denen ein anatolischer Künstler im 2. Jahrtausend v. Chr. mit minimalistischem Einsatz und liebenswürdiger Hingabe bezwingende Ausstrahlung verliehen hat (35 000 £).

Frieze/Frieze Masters, Regent’s Park, London, bis 8. 10., www.frieze.com

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