Die Pianistin Yeol Eum Son. Foto: Jaehyong Parkp

Konzerthausorchester mit Yeol Eum Son Einer sommerlichen Vollmondnacht abgelauscht

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Sternstunde: Die Pianistin Yeol Eum Son spielte mit dem Konzerthausorchester unter der Leitung von Dmitri Kitajenko Rachmaninow und Tschaikowsky.

Es ist einer dieser „Verweile doch, du bist so schön“-Augenblicke, die klarmachen, warum in der Klassik immer und immer wieder dieselben Partituren befragt werden. Weil sich eben tatsächlich auch in der 1000. Aufführung noch neue, überraschende, berührende Antworten finden lassen. Zum Beispiel durch eine besonders glückliche Interpreten-Kombination. So wie am Freitag am Gendarmenmarkt, wo sich die 30-jährige Pianistin Yeol Eum Son, der 76-jährige Dirigent Dmitri Kitajenko und das Konzerthausorchester für Sergej Rachmaninows 2. Klavierkonzert zusammengefunden haben.

Son geht ganz behutsam zu Werke, viel langsamer als gewohnt, weniger tastentigerisch als viele ihrer Kollegen – und der 1. Gastdirigent des Konzerthausorchesters ist bereit, diese introvertierte Grundhaltung aufzunehmen, sie mit der Souveränität des Taktstock-Grandseigneurs in die Reihen der Musiker hineinzutragen.

Samtig und schwerblütig, in prachtvoller Üppigkeit erhebt sich der Gesang der Streicher im ersten Satz, deckt das Spiel der Solistin wohl auch manchmal zu, trägt aber grundsätzlich ihren Zugang zu der Komposition mit, der Yeol Eum Son alles Virtuos-Showhafte austreibt, alles oberflächlich Zirzensische, ja sogar den Hang zum Sentimentalen, der Rachmaninow nachgesagt wird.

Ein Musizieren aus tiefstem gegenseitigem Verständnis

Zum Höhepunkt wird folgerichtig der langsame Satz, der sich so natürlich, so naturnah entfaltet, als sei er direkt einer sommerlichen Vollmondnacht abgelauscht. Umhüllt vom romantischen Rauschen und Raunen des Orchesters gibt sich die Koreanerin ihren Träumereien hin, und Kitajenko vermag ihr darin zu folgen, die emotionalen Impulse des Klaviers mit seismografischer Sensibilität aufzunehmen, den gemeinsamen Puls, den gemeinsamen Atem auf das ganze, groß besetzte Orchester zu übertragen. Ein Musizieren aus tiefstem gegenseitigem Verständnis ist da zu erleben, eine Sternstunde.

Erhellend wirkt anschließend Kitajenkos Zugriff auf Tschaikowskys Vierte: Weil er die These vertritt, dass auch bei dieser vordergründig knalligsten aller Sinfonien des Russen die Grundhaltung dennoch eine melancholische ist. Das Scherzo mit seinen verspielten, vom Konzerthausorchester bestrickend schön ausgeführten Pizzicato-Passagen ist nur eine Oase der Unbeschwertheit inmitten einer pathetischen Erzählung von düsteren Stunden, von Einsamkeit und Verzweiflung, deren Fortissimo-Pomp stets verbissen klingt, nach einem lyrischen Ich, das sich zusammenreißt, mit Macht männlich wirken will, indem es gute Miene macht zum bösen Spiel.

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