Gravitationszentrum. Felicité (Véro Tshanda Beya) tritt jeden Abend in einer Bar in Kinshasa auf. Foto: Grandfilmp

Kongolesisches Drama „Félicité“ Streifzüge durch die Finsternis

Esther Buss
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Ein Frauenporträt der anderen Art. Alain Gomis' kongolesisches Drama „Félicité“ lebt von der Intensität seiner Protagonistin.

Die Bar in Kinshasa, in der die Sängerin Félicité allabendlich auftritt, ist ein diffuser Ort: schummrig, mit fließenden Übergängen zwischen Innenraum, Terrasse und Straße. Félicité (Véro Tshanda Beya), die das Publikum mit ihrem rauen, kraftvollen Gesang glücklich und trunken macht, ist das Gravitationszentrum dieses Schauplatzes. Nachdem die Kamera ihrem Gesicht gleich in der ersten Einstellung eine Großaufnahme widmet, lässt sie sich kurz darauf in die energetische Menge treiben.

Flüchtig greift sie hier und da Gesprächsfetzen aus der kongolesischen Gegenwart auf („Mein Mann ist Boxer. Er verprügelt mich.“ – „Ich habe eine Frau kennengelernt.“ – „Was hältst du von diesem Diamantring?“ – „ ...eine schlimme Vergewaltigung...“), um sich mehr und mehr inmitten der von Musik, Alkohol und Begehren entfesselten Körper zu verlieren. Diese Bewegungsdynamik – vom Konzentrischen in die Zerstreuung, vom Greifbaren ins Unkonturierte – ist für „Félicité“ symptomatisch. Der französisch-senegalesische Filmemacher Alain Gomis schreibt damit eine ganz eigene Form des Frauenporträts: offener und loser, als man es vom westlichen Autorenkino kennt.

Ein strapaziöser Streifzug durch Kinshasa

„Felicité“ stellt die gleichnamige Heldin als stolze Frau vor, die ihr Leben lang den Widerständen getrotzt hat. Sie verdient ihr eigenes Geld, ihren Sohn hat sie alleine großgezogen. „Ich habe nie um etwas gebeten“, erklärt sie. Andere aber sagen: „Sie hat mehr Mut, als ihr guttut.“ Als Samo, Félicités Sohn (Gaetan Claudia), nach einem schweren Unfall operiert werden muss, greifen zunächst noch die alten Selbsterhaltungsreflexe: „Ich arbeite, Geld ist kein Problem.“

Aber natürlich ist Geld ein Problem. Eine Million Kongo-Francs verlangt der Arzt, mit sofortiger Anzahlung, erst dann wird operiert. Für Félicité beginnt ein strapaziöser Streifzug durch die staubigen Straßen der Metropole – und entlang eines Panoramas sozioökonomischer Ungleichheiten: von den ärmlichen Nachbarschaften ihrer Freunde und Verwandten bis hin zum wohlhabenden Bezirk eines Paten, zu dessen Haus sie sich mit beeindruckender Hartnäckigkeit Zugang verschafft. Félicité wird abgewiesen, gedemütigt und geschlagen – und lässt doch nicht ab von ihrer Forderung, die sie unter keinen Umständen als Bettelei verstanden wissen will. So wie auch der Film ihren Gang von Tür zu Tür nicht als Passionsgeschichte erzählt.

Gomis’ Porträt der kongolesischen Gesellschaft, in der die Lebensumstände nicht viel Platz für Mitgefühl lassen, bleibt skizzenhaft; immer wieder schweift er von Félicités Weg ab, verweilt einen Moment bei einer Gruppe von Menschen, die Musik machen, oder wendet sich vorübergehend einer weinenden und tanzenden Beerdigungsgesellschaft zu. Und gerade als es danach aussieht, dass sich Alain Gomis in einem doch übersichtlichen Stationendrama einrichtet (schafft sie es, das Geld aufzutreiben?), wird Félicité mit einer Realität konfrontiert, die die Koordinaten des Films gleichsam auflöst.

Während sich Félicités Aktionismus ins Resignative wendet und Samos Lebenswille nahezu erlischt – eine Entwicklung, die ausgerechnet der Schwerenöter Tabu (Papi Mpaka) aufzufangen versucht –, lindert ein nächtlicher Parallelraum mit Wald, plätscherndem Bach und Okapi ein wenig ihren Schmerz. „Die Nacht hat keinen Bruder, keinen Vater, keine Mutter ... du hast den Schlüssel für das Tor zum Paradies“, spricht Félicité wie aus einem Traum. Sie beschwört mit ihren Worten eine andere Welt, schwerelos und ohne die Belastungen familiärer Bindungen.

Zusammenspiel von pulsierender Energie und Brüchigkeit

Tatsächlich formiert sich aber mit Tabu und Samo so etwas wie ein familiäres Gefüge, dessen wachsenden Zusammenhalt Gomis unsentimental und mit trockenem Humor in Szene setzt. Ein kaputter Kühlschrank, der sich selbst nach unermüdlichen Reparaturarbeiten nicht störungsfrei zum Laufen bringen lässt, wird zum Bild der fragilen Solidargemeinschaft.

Am Zusammenspiel von gesellschaftlicher Realität und Traum, von pulsierender Energie und Brüchigkeit schreibt nicht zuletzt auch die tolle Musik mit. So kontrastiert der Film den urbanen Sound der Kasai Allstars und die leicht schiefen Klänge eines Amateurorchesters, des Orchestre National de Kinshasa, mit einem unerwarteten Stück. Ausgerechnet Arvo Pärts Streicherwerk „Fratres“, das sich durch zahllose Filmmusikeinsätze ziemlich verbraucht hat, wird in diese völlig neue Klangwelt entführt. Eine Welt, die trotz aller Erhabenheit ihren festen Platz in der Wirklichkeit hat.

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