Nach Italien! „Hans Dampf“ mit Nina Schwabe und Fabian Backhaus. . Foto: Zeughaus-Kino
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Kölner Gruppe im Zeughaus-Kino Straßenglück

Thomas Groh
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Die Kölner Gruppe inszenierte in ihren Filmen Schluffitum und Aussteigermentalität, vorzugsweise als Roadmovie. Das Zeughaus-Kino zeigt eine Retrospektive.

Die Oberhausener, die Neue Münchner Gruppe, die Berliner Schule – die städtische Kennzeichnung von Filmemacher-Netzwerken hat hierzulande Tradition. Dass die Kölner Gruppe bei solchen Aufzählungen meist fehlt, sagt schon etwas aus über diesen losen Zusammenhang, den Hans Schifferle 1997 in der „Süddeutschen“ erstmals erkannte und der wenig später von Peter Nau erstmals so bezeichnet wurde. Die Kölner Gruppe bewegt sich an der Peripherie des Betriebs, zum institutionellen Filz hält sie gesunden Abstand. Ihre Protagonisten sind im besten Sinne Amateure: Leute, die nur der Liebe zur Sache verpflichtet sind.

Hervorgegangen ist die Gruppe aus einer Clique Filmbegeisterter, die um 1990 zueinanderfand. Ein eigenes Kino – der legendäre Filmclub 813 – war bald gegründet. Seitdem entstanden viele Kurzfilme, zuletzt auch eine Handvoll Langfilme. Nicht das große cinephile Pathos suchen die Produktionen, sie setzen nicht auf kraftmeierische Gesten. Als geistige Brüder der Münchner – Klaus Lemke, May Spils, Rudolf Thome – drehen die Autodidakten aus der eigenen Lebenswelt gespeiste, idiosynkratische Miniaturen. Inspiriert sind ihre Filme vom Kino Howard Hawks’ und von Erlebnissen im Waldfreibad, sagte Regisseur Rainer Knepperges.

Filme gegen die leerlaufenden Modernisierungen des Neoliberalismus

Wo die Münchner von Schwabinger Eisdielen, Flipperkneipen und Kinos ausgingen, suchen die Kölner ihr Glück auf der Straße und in der Ferne. Das Roadmovie ist ihr Genre: Manchmal entwickeln die Filme tatsächlich den flüchtigen Reiz eines Aufenthalts auf einer Autobahnraststätte im Nirgendwo. Die Kölner machen Urlaub im Kino und lassen dazu ’ne alte Platte laufen. Politisch sind sie insofern, als sie den leerlaufenden Modernisierungen des Neoliberalismus lakonisches Schluffitum und eine gute Portion Aussteigermentalität entgegensetzen: In Knepperges’ „Quereinsteigerinnen“ entführen zwei Frauen einen Telekom-Vorstand, um die Wiedereinführung der gelben Telefonzellen einzufordern. In Christian Mraseks und Jukka Schmidts auf anrührende Weise das Leben umarmendem „Hans Dampf“ schmeißt ein Businesstyp seinen Job und düst im Hippiebus ab nach Italien. In Markus Mischkowskis und Kai Maria Steinkühlers großem Kölner Stadtrandepos „Westend-Zyklus“, der bislang aus sechs Kurz- und zwei Langfilmen besteht, widersetzen sich zwei wortkarge Langzeitarbeitslose und leidenschaftliche Trinkhallenbesucher den Zumutungen der Gegenwart. Eine fantastische Hommage an Aki Kaurismäkis Kino und die Italowestern der Sechziger.

Ästhetisch lassen sich die Filme kaum auf einen Nenner bringen. Dem schnoddrig-unaufgeregten Digitalvideo-Look der „Quereinsteigerinnen“ und von „Hans Dampf“ stehen die in kontrastreichem Schwarzweiß gehaltenen Bildkompositionen der „Westend“-Filme gegenüber. Gemeinsam ist ihnen am ehesten, dass ihnen kein Hochschulstudium vorausging, sondern ein langjähriges Filmgeschichtsstudium im Kino. Auch daher rührt wohl die Abneigung gegen Moden und programmatische Ansagen zum deutschen Kinowesen. Knepperges: „Man muss nur sehen, dass es immer zu jeder Zeit alle Möglichkeiten gibt.“ Dieses lässige Kino der Möglichkeiten lässt sich nun in konzentrierter Dichte im Berliner Zeughaus-Kino entdecken. Die Kölner reisen an. Vielleicht haben sie Musik dabei.

„Lachende Erben: Kölner Gruppe“, Zeughaus-Kino, 14. bis 19. September. Informationen: www.dhm.de/zeughauskino

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