Ponyo - Das große Abenteuer am Meer. Foto: Promo
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Ponyo Nur Schwärme werden überleben

Sabine Horst
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Hayao Miyazaki und sein heroischer Animationsfilm "Ponyo" kommen ohne smarte 2-D-Effekte und cineastische Referenzen aus.

Wer das Sommerprogramm in der Sparte Animationsfilm genossen hat und wem die vollautomatisierten „Shreks“ der Saison nun womöglich unter der Schädeldecke kleben, der kann sich von Hayao Miyazakis „Ponyo“ den Kopf durchspülen lassen. Keine smarten 3-D-Effekte hier, keine hergeholten cineastischen Referenzen. Stattdessen ein Strom malerischer Bilder, der über die Leinwand flutet: Das schwallt und brodelt, braust und zischt, organisch und chaotisch, ein bisschen wie das Meer selbst, das in diesem Film eine Hauptrolle spielt.

In seinen Fluten treiben zartblaue Quallen, zitronengelbes Plankton, schlammfarbene Welse, dazu ein paar Geschöpfe, die ihre Zeit überlebt haben: Urzeitkrebse, Trilobiten und ein Magier mit Lockenmähne, der einem Plattencover der Beatles entstiegen sein muss. Er heißt Fujimoto und versteht sich als letztes Bollwerk gegen Zivilisationsmüll und Tiefseebohrungen, als Hüter des Meeres, als Herr der Schwärme – zu denen auch seine „Goldfisch“-Töchter gehören.

Eine von ihnen ist ein bisschen aus der Art geschlagen: Ponyo, halb Fisch, halb Mensch, ganz Meerjungfrau – auch wenn sie nicht die Modelmaße von Disneys Arielle hat, sondern noch ein Kind ist. Wie jede ordentliche Meerjungfrau zieht es Ponyo zum Land. An den Klippen einer kleinen japanischen Insel wird sie von dem Jungen Sosuke aus einem Einweckglas gerettet. Nachdem sie, buchstäblich, Menschenblut gekostet hat, beginnt sie, sich in ein „echtes“ Mädchen zu verwandeln – und entbindet einen wahren Tsunami magischer Kräfte.

Regisseur Hayao Miyazaki entfaltet derweil seine eigene Magie: die eines Regisseurs, für den das eigentlich künstliche Anime, die japanische Spielart des Trickfilms, ein natürliches Milieu darstellt, und der es geschafft hat, das Unwahrscheinliche, vollkommen Märchenhafte mit einer realistischen Sicht auf die Menschen, ihre Arbeit und ihre sozialen Beziehungen zu verbinden.

Anders als die japanischen Filmemacher der Cyberpunk-Ära, die das Anime Ende der achtziger-, Anfang der neunziger Jahre mit Produktionen wie „Akira“ oder „Ghost in the Shell“ für ein westliches Fanpublikum kompatibel machten, war Miyazaki immer mehr als ein Genre-Regisseur. Das Studio Ghibli, das er 1985 mit Isao Takahata gründete, hat eine Art moderner Volkskunst entwickelt: ein Kino, das emotional und unmittelbar einleuchtend wirkt, dabei aber komplex ist und thematisch anspruchsvoll.

Ikonografisch eigenwillige, versponnene Familienfilme wie „Mein Nachbar Totoro“ und „Kikis kleiner Lieferservice“ machten das Ghibli-Team Ende der Achtziger in Japan zur Marke. Totoro, der riesige Waldschrat mit dem entwaffnenden Grinsen, über dessen Existenz sich im Film niemand wundert – man lebt hier eben mit dem Übersinnlichen –, muss für Japan ungefähr das sein, was E.T. im Westen war.

Dann schlug „Prinzessin Mononoke“ im internationalen Festivalzirkus auf und etablierte Miyazaki als ersten vollgültigen auteur des Animes. Mit seiner Mischung aus Fantasy, Martial Arts und Splatter-Elementen erweiterte der Film das Repertoire des Regisseurs in Richtung Erwachsenenkino. Seine immer noch kindlichen Helden, ein junger Krieger und ein aus der Gesellschaft gefallenes Mädchen, bewegen sich in einer Welt, die von Ausbeutung, Umweltzerstörung und Klassenkämpfen gezeichnet ist. Es folgten „Chihiros Reise ins Zauberland“, ein echter Blockbuster, der 2002 mit dem Goldenen Bären und im Jahr darauf mit dem Animations-Oscar ausgezeichnet wurde, sowie 2004 „Das wandelnde Schloss“. Wie einflussreich Miyazakis Stil ist, merkt man spätestens dann, wenn man die Pandora-Szenen in James Camerons Megahit „Avatar“ mit dem durchscheinenden, von bleichen Geistern bevölkerten Wald in „Mononoke“ vergleicht.

Charakteristisch für alle Miyazaki- Filme ist, dass ihre wuchernde Fantastik in einem tiefen Humanismus wurzelt. Der Regisseur, 1941 in Tokio geboren, hat Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert und sich früh gewerkschaftlich in der japanischen TV- und Filmindustrie engagiert. Wie Leute sich gemeinsam darum bemühen, die Welt bewohnbarer zu machen: Das sieht man bis heute in seinen Filmen. Ponyo zum Beispiel müht sich ausgerechnet im Altenheim (Demografie!), die von ihr selbst ausgelöste Klimakatastrophe wieder in den Griff zu kriegen.

In Miyazakis Universum ist selten eine Figur eindeutig gut oder böse. Die helle Seite der Macht kann durchaus unheimliche Züge tragen, während sich auf der dunklen Seite eher Versager und Irregeleitete herumtreiben als prinzipiell unreformierbare Typen. Es mache keinen Spaß, Schurken zu zeichnen, hat Miyazaki einmal gesagt – was für ihn weniger eine Geschmacksfrage sein dürfte als eine der sozialen Moral.

Mit „Ponyo“ kehrt der Regisseur zum unschuldigeren Stil seiner frühen Filme zurück. Die Geschichte mag etwas unentschieden in verschiedene Richtungen driften, aber vielleicht liegt das nur an der gesteigerten Lust am Hybriden und an der Verwandlung. Ponyo und ihr Retter Sosuke erleben eine Romanze, die weit über das hinausgeht, was man Kindern im Vorschulalter gewöhnlich zutraut und zumuten mag – eine heroische, erlösende Liebe, die Natur und Zivilisation in Gleichklang bringt. Und Fujimoto, der Mad Scientist, der von einem Meer in prähistorischem Zustand träumt, ist am Ende doch nur ein überforderter alleinerziehender Vater, der sich freut, als seine Ex-Frau wieder erscheint und ein bisschen aufräumt.

Das von Hans Christian Andersen gestiftete Motiv der Meerjungfrau geht eine verrückte Verbindung mit Wagners „Ring“-Mythologie ein. Ponyo ist eigentlich eine kleine Brünnhilde – die rebellische Lieblingstochter. Überhaupt setzt Miyazaki gern auf die ungewöhnliche Kombination: Da kann sich der scharfe Geruch eines fetten Nudelgerichts schon mal mit mildem New-Age-Duft mischen.

Die eigentliche Pointe liegt allerdings in der Machart. Miyazaki, der vor allem ein Zeichner ist, sperrt sich nicht gegen computeranimierte Sequenzen. Aber dieser Film ist ein echtes „work of love“, besteht er doch aus 170 000 handgezeichneten Folien – „cels“, wie es im Gewerbe heißt. Das ist heute schon wieder bemerkenswert: Strich für Strich und Punkt für Punkt wurde „Ponyo“ von den Mitarbeitern des Ghibli-Studios erfunden.

Bemerkbar macht sich das vor allem in den „Massenszenen“. Da glitscht plötzlich eine Schnecke durchs Bild, die vorher nicht da war, oder eine Welle glubscht den Zuschauer an – als führten sie ein Eigenleben inmitten des allgemeinen Flows. So versöhnt der Film das Individuum mit dem Kollektiv, den Fisch mit dem Schwarm. Wenn dies tatsächlich Hayao Miyazakis letzte Produktion ist – der 69-Jährige hat schon lange seinen Rückzug angekündigt –, dann liegt darin ein gewisser Trost. Es könnte sich in seinem Team jemand finden, der sein Projekt fortsetzt.

Ab Donnerstag in 15 Berliner Kinos.

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