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Kinderbuch Streicheln ist besser als braten

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David Walliams’ spannender Roman „Rattenburger“ bringt schwarzen Humor und viel Spaß

Mit Tieren bekommt man Kinder immer, die allermeisten zumindest. Das mag ein arger Allgemeinplatz sein, und im Fall von David Walliams’ drittem ins Deutsche übertragenen Roman „Rattenburger“ reicht allein eine grobe Differenzierung. Denn der britische Kinderbuchautor hat mit seinen vorherigen Büchern „Gangsta-Oma“ und „Terror-Tantchen“ seine jungen Leser und Leserinnen ja schon bekommen, so sympathisch, rasant, witzig und zu guter Letzt zu Herzen gehend wie diese sind. Doch ein Mädchen wie Zoe, das gerade den Tod seines über alles geliebten Hamsters bewältigen muss? Das rührt sofort, nimmt ein, animiert zu weiterer Lektüre.

Der Tod von Purzel ist deshalb so einschneidend, weil die Bedingungen, unter denen Zoe aufwächst, nicht die günstigsten sind. Sie wohnt mit ihrem arbeitslosen, nur noch in Kneipen herumsitzenden Vater und einer schrecklichen, schrecklich fetten, sich nur von Krabbenchips und Zigaretten ernährenden Stiefmutter im 37. Stock eines schief stehenden Hochhauses, vermutlich britischer sozialer Wohnungsbau. Und sie ist für ihr Alter sehr klein, hat rote Haare und trägt eine Zahnspange, was ihr in Schule und Nachbarschaft ebenfalls nicht gerade zum Vorteil gereicht. Ja, und dann stirbt eben ihr noch sehr junger Hamster auf mysteriöse Weise. Zoe überlegt, ob es nicht gar ein Mord gewesen sein könnte? War es ihre Stiefmutter?

Der böseste Onkel der Welt lauert in diesem Buch

Man weiß von seinen vorherigen Büchern, dass David Walliams sich gern als auktorialer Erzählonkel miteinbringt und sein Lesepublikum direkt anspricht. Insofern erstaunt es nicht, als er nach dem ersten Kapitel Luft holt, die Frage nach dem Hamstermord unbeantwortet stehen lässt und orakelt, „dass es Leute gibt, die zu noch viel, viel schlimmeren Dingen fähig sind. Der böseste Kerl der Welt lauert irgendwo hier in diesem Buch! Lest weiter, wenn ihr euch traut ...“

Tun wir, siehe oben. David Walliams hält sich, das ist eine seiner großen Qualitäten, nicht unnötig mit überflüssig langen, so manches Jugendbuch oft quälend langatmig machenden Beschreibungen auf, sondern treibt seine Geschichte mit schnellen Erzählstrichen nach vorn. Und sogleich macht er ein weiteres Tier zu einer wichtigen Hauptnebenfigur: eine kleine Ratte. Zoe entdeckt diese in ihrem Zimmer, nimmt sie unter ihre Fittiche, sprich: vordere Jackentasche, und tauft sie, es ist ein Junge!, Archibald. Das sorgt für weitere Turbulenzen in ihrem Leben, da Tiere in der Schule nicht gern gesehen sind. Als Archibald gar auf Zoes Kopf herumkrabbelt, ist es um das Mädchen geschehen: Es wird der Schule verwiesen.

David Walliams "Rattenburger" gibt zunächst Rätsel auf. Doch das erhöht das Lesevergnügen. Foto: Simon Emmettp

Der Reiz von „Rattenburger“ besteht nicht zuletzt darin, dass der Titel sich zunächst überhaupt nicht erschließt: Rattenburger? Was soll das denn sein? Als Archibald ins Erzählspiel kommt, wird man nicht viel schlauer – bis zu dem Punkt, da Walliams nach skurril unsympathischen Figuren wie Stiefmutter Sheila und Tina Trotts, „dem schlimmsten Mädchen“ an Zoes Schule und zudem Nachbarskind, wirklich den „bösesten Kerl“ der Welt auftreten lässt: den schlimmen Bert mit seiner dunklen Brille, seinen dunklen Haarstoppeln und seinem gestreiften Sträflings-T-Shirt. Bert verkauft einerseits vor Zoes Schule Hamburger und arbeitet andererseits als Kammerjäger. Beide Tätigkeiten, so viel soll an dieser Stelle verraten werden, verbindet er genauso originell wie brutal miteinander. Auf einmal ist nicht nur Archibald, die kleine Ratte, ein richtiger Sympathieträger, sonnenklar, sondern überhaupt alle armen Ratten dieser Welt.

Mit dem Auftritt von Bert kommt typisch schwarzer, an Roald Dahl erinnernder britischer Humor in dieses Buch, es wird ein wenig gruselig gar. Doch im Wechsel mit stets überraschenden Einfällen und den schön kongenialen Illustrationen von Tony Ross bleibt „Rattenburger“ primär der allergrößte Spaß, inklusive eines natürlich glücklichen Endes. Nur der Verzehr von Burgern könnte in Zukunft ein Problem werden. Den wird sich so mancher Leser, so manche Leserin nach der Lektüre dieses Buches vermutlich zweimal überlegen. Gerrit Bartels

David Walliams:  Rattenburger. Roman. Mit Illustrationen von Tony Ross. Aus dem Englischen von Salah Naoura. Rowohlt Rotfuchs, Reinbek 2016. 287 S., 14, 99 €. Ab 9 Jahren.

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