Im wahren Leben klappt leider nicht alles so wie gewünscht. Foto: Hanser
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Jugendroman Ohne den Schutzwall Internet

Hanna Widmann
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Rainbow Rowells Roman "Fangirl" über die Herausforderungen des Lebens

Cath ist ein junges Mädchen, dessen wahres Leben sich im Internet abspielt. Sie lebt gerne in einer anderen Welt, aber nicht irgendeiner Fantasiewelt, sondern der Welt von Simon Snow. Was es damit auf sich hat, erzählt Rainbow Rowell in ihrem Roman „Fangirl“.

Simon Snow ist ein fiktiver, britischer Waisenjunge, der unerwartet auf eine Schule für Magie kommt und dann mit seinen Freunden die Welt vor dem Schatten, einem bösen Wesen, retten muss. Er weist frappante Ähnlichkeiten mit Harry Potter auf und Cath ist sein größter Fan. Sie hat alle Bücher mehrmals gelesen und kann die Erscheinung des achten Bandes kaum erwarten. Ebenso ist Cath jedoch der felsenfesten Überzeugung, dass die Autorin der Bücherreihe Simon und seinen Gegenspieler Baz (zur Orientierung Draco) immer falsch verstanden hat.

All der Streit sei nur, um ihre heimliche Zuneigung zu verbergen. Mit dieser Einschätzung ist Cath nicht alleine: Im Internet findet sie Gleichgesinnte und für diese Fangemeinschaft, in der Internetsprache auch das Fandom genannt, schreibt Cath alternative Happy Ends für Simon und Baz. Denn sie verdienen ein glücklicheres Ende als die eigne Schriftstellerin gewillt zu schreiben ist. Und so schreibt Cath für hunderttausende im Netz, wird dort gelesen und gefeiert.

Es gibt ja auch noch das wahre Leben, wo nicht alles klappt, wenn man nur mutig genug ist, es zu versuchen und an sich glaubt. Hier ist das Happy End nicht selbstverständlich. Cath ist dort keine gefeierte Autorin, sondern studiert Literatur im ersten Semester. Die vielen Leute auf dem Campus machen sie so nervös, dass sie sich lieber wochenlang nur von Müsliriegeln und Erdnussbutter ernährt, als sich der überbevölkerte Mensa zu stellen.

Mit ihrer Zwillingsschwester Wren, die sich an der Uni neu erfinden will, ist Cath im Streit. Früher haben die Schwestern gemeinsam geschrieben, nun hat Wren keine Zeit mehr für den kindischen Simon Snow und Cath.

Ihr Vater verkraftet das leere Nest zu Hause nur schwer. Ihre Mutter, die die Zwillinge vor zehn Jahren verlassen hat, taucht unerwartet auf und möchte wieder Teil ihres Lebens werden. Nick aus ihrem „Einführung in das Kreative Schreiben“-Seminar möchte vielleicht Caths neuer Schreibpartner werden.

Dann gibt es noch Levi, der vermutlich Freund ihrer Mitbewohnerin und wirklich verwirrend ist. Er taucht plötzlich überall auf und wird ein unerwarteter Freund in einer unwirtlichen Welt. Er und Cath haben rein gar nichts gemeinsam. Er studiert Weidemanagement und möchte einmal die Farm seiner Eltern übernehmen. Er hat nur einen Simon-Snow-Film gesehen und er liest nicht.

Wegen seiner Leseschwäche nimmt Levi alle Vorlesungen auf und hört sie zum Lernen an. Als vor einer Prüfung alle Stricke reisen, liest Cath ihm ein gesamtes Buch in der Nacht vor der Prüfung vor. Er passt so gar nicht in die vorhergesehen Schubladen, aber kann aus der verschrobenen Freundschaft mehr werden? Soll Cath es wagen, die fiktive Welt – so altbekannt und sicher – für das ungeschriebene, unvorhersehbare wirkliche Leben einzutauschen?

Rainbow Rowell: Fangirl. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Carl Hanser Verlag, München 2017. 459 Seiten, 18 Euro. Ab 13 Jahren.

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