Jud Süß Teuflisch populär

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Vor Oskar Roehlers "Jud Süß"-Premiere im Wettbewerb: Warum Veit Harlans Hetzfilm von 1940 zum Massenerfolg wurde.

Mehr als 20 Millionen Zuschauer – das schafft heute nur noch James Cameron. Veit Harlans „Jud Süß“ wäre niemals der Inbegriff des Hetzfilms geworden, hätte er nicht die Massen angelockt. Aber welcher Faktor war verantwortlich für den kommerziellen Erfolg? Die Besetzung kann es nicht gewesen sein, denn keiner der Mitwirkenden war ein Kassenmagnet. Harlan selber hatte bis dahin eher solide Einspielergebnisse erzielt. Ein halbes Jahrhundert lang verhinderten Ratlosigkeit und Entsetzen eine zwingende Erklärung für diesen Triumph des bösen Willens. Erst Friedrich Knilli, dessen Ferdinand-Marian-Biografie Oskar Roehlers Wettbewerbsbeitrag „Ich war Jud Süß“ inspiriert hat – mittlerweile zu Knillis Bedauern – , lieferte plausible Erklärungen: Der Stoff hatte sich 200 Jahre lang bewährt, wies er nach; hinzu kam eine raffinierte Werbekampagne, die Antisemiten ebenso ansprach wie Zuschauerinnen mit Lust an verbotener Erotik.

Der Stoff, das ist zunächst die Geschichte von Joseph Süß Oppenheimer, der zum Finanzberater des Herzogs von Württemberg aufgestiegen war und nach dessen plötzlichem Tod keine Protektion mehr genoss. Er wurde 1738 hingerichtet. Ein Sündenbock, als Jude für Taten bestraft, die man bei Nichtjuden durchgehen ließ: Wucher, Ausbeutung des Volkes, sexuelle Promiskuität. Wie so viele Sündenböcke war er kein völliges Unschuldslamm und daher eine Projektionsfigur für gegensätzliche Gruppen. Die Zahl der Romane, Stücke und Opern ist kaum zu überschauen; sogar Sergej M. Eisenstein hat während seines kurzen Hollywoodaufenthalts ein Süß-Projekt vorgeschlagen. Die Tendenz war mal antisemitisch, mal philosemitisch, und die bedeutendste Bearbeitung, Lion Feuchtwangers Roman von 1925, galt wegen der differenzierten Zeichnung der Hauptfigur als beides. Gut gemeinte Filme mit Conrad Veidt (1934) und Jörg Pleva (1983) haben versucht, aus Oppenheimer einen keuschen Joseph zu machen, ein Unschuldslamm. Das konnte nicht überzeugen. Der definitive Interpret der Figur wird wohl Ferdinand Marian bleiben. Knilli hat eindringlich beschrieben, wie fremd Marian sich trotz Ariernachweises in Deutschland gefühlt, und dass er deswegen, wenn auch unbewusst, diesen vermeintlichen Bösewicht verteidigt hat. Übrigens hatte er, anders als bei Roehler, keine jüdische Ehefrau. Die ist ebenso erfunden wie der jüdische Freund, der nach Auschwitz deportiert wird. Knilli sieht in diesen Hinzudichtungen des Films einen Versuch, sich in Hollywood für einen Oscar ins Gespräch zu bringen.

Harlan hatte ein Vierteljahrhundert Theatererfahrung, kannte alle dramaturgischen Tricks. Er hat sich bei „Tosca“ bedient und noch mehr bei „Emilia Galotti“: Auch in Lessings Trauerspiel geht es um die Zerstörung einer bürgerlichen Familie durch höfische Intrigen, und der schmierige Schurke Marinelli ist ein Seelenverwandter von Joseph Süß Oppenheimer. Ein weiterer berühmter Intrigant, Jago, wurde von Marian am Deutschen Theater verkörpert, das war gewissermaßen sein Eignungstest für „Jud Süß“.

Der Winter 1939/40 war außerordentlich kalt; es musste Strom gespart werden, die Filmstudios waren wochenlang geschlossen. Dazu kam, dass gleich zwei Hauptdarsteller nebenbei Theater leiteten: Heinrich George das Schiller-Theater, Eugen Klöpfer die Volksbühne. Harlan nutzte die Wartezeit, um in Lublin und Prag „echte“ Juden zu casten. Was die Komparsen beim Gang durchs Stuttgarter Stadttor und später in der Synagoge singen, ist von deutschen Filmwissenschaftlern aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nie ausgewertet worden. Erst der israelische Regisseur Joseph Cedar, der im Februar 2008 ein ähnliches Projekt wie Roehler ankündigte, hörte genauer hin und erkannte einen Hilferuf.

Die Sorgfalt und Detailversessenheit von „Jud Süß“ erschreckt noch heute, vor allem auf der großen Leinwand, wo man jedes Requisit wahrnimmt. Die Suche nach dem Hauptdarsteller war einzigartig in der Geschichte des NS-Films, vergleichbar nur der Suche nach der richtigen Scarlett O''Hara in „Vom Winde verweht“. Eher undramatisch verlief die Premiere in Venedig, im September 1940. „Jud Süß“ war weder eine Sensation noch ein Skandal.In Schweden und der Schweiz wurde der Film verboten, in Deutschland kam es nach Vorführungen des Films zu antisemitischen Ausschreitungen.

Von der Einzigartigkeit des Holocaust wird auf die Einzigartigkeit von „Jud Süß“ geschlossen. Tatsächlich hat Harlan nur altbekannte Klischees verarbeitet. Deshalb glauben ihn auch jene Zuschauer zu kennen, die ihn nie gesehen haben.

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