Das Porträt „Chuckie“, aufgenommen in Massachusetts (1981). Foto: Joel Meyerowitz/Courtesy Howard Greenberg
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Joel Meyerowitz im C/O Berlin Tragödien und Komödien des Alltags

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Von New Yorker Straßenszenen zu kontemplativen Naturaufnahmen. Das C/O Berlin feiert Joel Meyerowitz, Pionier der künstlerischen Farbfotografie.

Menschen auf der Straße, Gesichter in der Menge. Ein Mädchen im Hippiekleid steht, seine Beuteltasche geschultert, an der schreiend orangenen Ecke eines Lebensmittelladens. Im Schaufenster krümmen sich Bananen, in der Ferne sticht die Spitze eines Skyscrapers in den blassblauen Himmel. Mann und Frau, in gelben Mänteln entschlossen untergehakt, laufen in eine Dampfwolke hinein, die aus einem Gully aufsteigt. Es sieht aus, als würden sie in eine andere Welt eintreten, Hölle oder Paradies. Ein anderes Paar steht vor dem Neoneingang eines Kinos, in dem „Kiss Me, Stupid“ läuft und – ja, tatsächlich – küsst sich.

Man muss nicht selber im New York der sechziger und siebziger Jahre gewesen sein, man muss nur die Fotos sehen, die Joel Meyerowitz dort gemacht hat, um zu wissen, was für eine aufregende, ungemein bunte Stadt das war. Meyerowitz, dessen Werk die Galerie C/O Berlin in einer Retrospektive präsentiert, ist beides, ein Meister der Street Photography und ein Pionier der künstlerischen Farbfotografie. Er zeigt die Tragödien und Komödien des Alltags, die Euphorie eines Augenblicks. „Ich war ein Straßenkind, das in den Mietskasernen der East Bronx aufwuchs“, erinnert er sich. „Mein Vater war so etwas wie der inoffizielle Bürgermeister unseres Wohnblocks, ich trieb mich herum und beobachtete.“

Joel Meyerowitz, heute ein drahtiger Glatzkopf von 79 Jahren, hatte Malerei studiert und in der Werbebranche gearbeitet, als er 1962 Robert Frank kennenlernte, der mit seinem Buch „The Americans“ berühmt geworden war, einem Großporträt seines Landes und der Menschen darin. Die Begegnung wird zur Initialzündung. Meyerowitz kauft sich eine Pentax-Kamera und einen Volvo, mit dem er ein Jahr lang durch Europa fährt. Eine Bildungsreise, eine Schule des Sehens.

Straßentheater, Sekundentumult

„Ich war nie glücklicher oder begieriger, die Welt auf mich einwirken zu lassen.“ Meyerowitz verbraucht 600 Filme, fotografiert, meist noch schwarzweiß, Roma in Spanien, eine Frau, die sich vor einem Fenster schminkt, in dem sich der Eiffelturm spiegelt, und den Kehraus eines Weihnachtsmarktes in Malaga. „Dios es ceridad“, verkündet eine Leuchtschrift, Gott ist herzlich. Manche Bilder wirken wie Stills aus noch nicht gedrehten Spielfilmen oder wie surrealistische Gemälde. An einem Pariser U-Bahn-Eingang ist ein Mann gestürzt, er liegt auf dem Straßenpflaster. Ein Handwerker in Arbeitskluft steigt über ihn hinweg, Menschen drehen sich um, Autos fahren vorbei. Straßentheater, Sekundentumult.

Als er in die USA zurückkehrt, fühlt Joel Meyerowitz sich fremd, befremdet. „Ich sah, wie sehr das Land dem Konsum und der Maßlosigkeit verfallen war“, schreibt er rückblickend. „Während sich der Vietnamkrieg vor unseren Augen abspielte, lebten die Menschen ihren Alltag, als ginge sie das alles überhaupt nichts an.“ Der Fotograf macht sich auf den Spuren von Robert Frank nach Westen und in den Süden auf, das tiefste Amerika zu erforschen.

Eine New Yorker Straßenszene (1963) Foto: Joel Meyerowitz/Courtesy Howard Greenberg
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In Colorado blicken Familien von einer Besucherterrasse auf die Kampfjets einer Air-Force-Basis hinab. Ein patriotischer Sonntagsausflug. Die Hälfte des Fotos wird von Treppen und Balustraden eingenommen. Ein Autobahnunfall im Mittleren Westen. Ratlos steht der Fahrer neben seinem Wagen, der von der Fahrbahn gerutscht und mit einem Pfeiler kollidiert ist. Blicke durch die Windschutzscheibe, ein Temporausch, wie Jack Kerouac ihn in seinem Roman „On the Road“ beschrieben hat. Die Panorama-Sicht aus dem Cockpit eines Wohnmobils auf kalifornische Palmen schafft es auf das Cover von Ben Folds Album „Lonely Avenue“.

Wie Stephen Shore und William Eggleston, denen C/O Berlin bereits Ausstellungen gewidmet hat, wechselte auch Joel Meyerowitz in den späten sechziger Jahren zur Farbfotografie. Für ihn war das die Konsequenz daraus, dass die Welt nicht nur aus Grauabstufungen besteht. „Ich sah, dass ein Farbfoto mehr Informationen enthält – so einfach war das“, konstatiert er. „Und mit Farbfilm lassen sich die Dinge sehr viel eleganter beschreiben.“

Keine aufgeblasene Attitüde

Es entstehen Aufnahmen von Badenden am Strand von Kalifornien und Florida, von einem verlassenen Art- Deco-Motel-Pool in Miami Beach. Der Himmel leuchtet pinkfarben. Bei einer Serie mit Porträtfotos von Rothaarigen, die er mit einer Großbildkamera aus Holz macht, folgt Meyerowitz dem Schönheitsideal des Strukturalisten Roland Barthes: keine Verrenkungen in der Pose, keine aufgeblasene Attitüde.

Weg vom Lärm der Straße, hinein in die Stille, das ist der Weg, den die Arbeit des Fotografen einschlägt. Auf kontemplative Aufnahmen, die statt Menschen einen sonnendurchfluteten Wintergarten oder einen nahezu leeren weißen Himmel zeigen, folgen zuletzt Stillleben aus den Ateliers von Cézanne und Morandi. Aus dem Rahmen fallen die Bilder, die Meyerowitz gleich nach dem 11. September von der Kraterlandschaft gemacht hat, in der einmal das World Trade Center stand. Ruinenpathos, Trauerarbeit.

C/O Berlin, Hardenbergstr. 22-24, Charlottenburg, bis 11. März, täglich 11-20 Uhr

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