Erinnerungen. Bild aus der Serie „Mies Model Study“ von Joachim Brohm. Foto: J. Brohm / VG Bildkunst, Bonn 2017
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Joachim Brohm in der Galerie Kicken Bauhausbeschwörung

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Joachim Brohm hat der Bauhaus-Architektur eine fotografische Hommage gewidmet. Die Galerie Kicken zeigt seine Werke.

Wer sich umsieht, findet zuweilen verwandte Seelen. Zum wiederholten Mal mischt nun die Galerie Kicken in ihrem Showroom ein Beispiel der jüngsten Fotografie mit der Avantgarde der Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts. Joachim Brohm, Autor mehrerer bekannter Fotobücher, derzeit Leiter der Fotografieklasse an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, hat einige Architekturmodelle des Bauhauses noch einmal studiert und eine fotografische Hommage geschaffen. Unter den ambitionierten Serientiteln „Mies Model Studie“ und „State of M.“ erwarten den Betrachter teils großformatige Modelle der Modelle, in denen an das Bauhauskonzept – gerade Linienführung am Bau, Durchblick in den Räumen – kühl, aber nicht reizlos erinnert wird. Ein fotografisches Manifest.

Brohms Arbeiten entdeckt man erst am Ende des kurzen Rundgangs. Sie agieren hier gleichsam als eine neue Schnittstellen von Fotografie und Architektur, um die es in der an Reminiszenzen reichen Ausstellung geht. Ein Thema für Bücher und Seminare. Schon aus Platzgründen muss sich Kicken bei dieser Rückschau in die Vergangenheit mit wenigen exemplarischen Arbeiten des Dessauer Bauhauses begnügen, denen sie – und darin liegt die Überraschung – ein knappes Dutzend anders gearteter, aber nicht minder avantgardistischer, anonymer Entwürfe von Schülern der konzeptionell verwandten „Moskauer Höheren Staatliche Künstlerisch-Technischen Werkstätten“ gegenüber stellt. Die Talentproben muten wie barocke Gegenstücke zum Konstruktivismus der deutschen Künstlerkollegen an und lassen jedenfalls kaum auf eine, wie auch immer geartete, Mentorenschaft eines Wladimir Tatlin, Wassily Kandinsky oder El Lissitzky, die an der 1930 zwangsweise aufgelösten Institution lehrten, schließen.

Sammler erfreuen sich an schönen Einzelstücken

Der Geist der Freiheit war weder in Moskau noch in Weimar und Dessau lange Zeit geduldet. Und doch: „Utopie hieß das Ziel“, liest man im Begleittext der mit Unikaten reich bestückten Ausstellung. Manchmal wartete auf dem Weg in die Utopie indes der Himmelssturm der Hybris. Der italienische Architekt Enrico Prampolini ist ihm mit dem Entwurf für den Pavillon seines Landes auf der Weltausstellung 1929 willig gefolgt und forderte damit, kann sein, den Niederländer Edmond van Doren zu dessen Warnbild „Babylon“ heraus. Dass diese Zeit hoher künstlerischer Erregung viele großartige Entwürfe hervorbrachte, die wir bis heute bestaunen, stellt ein Modell von Erich Mendelsohns Einstein-Turm in Potsdam und ein Foto des weit ausschwingenden Saals im Kinotheater Deli in Breslau, von Hans Poelzig entworfen, vor Augen. Im Guggenheim-Museum New York von 1961 scheint Poelzigs Schwung kühn wieder aufgenommen. Der niederländische Reisefotograf Ed van Elsken bringt das Innere mit einer gelungenen Aufnahme ganz nahe.

Unter dem Locktitel „Joachim Brohm im Dialog“ startet Mixed Media bei Kicken Berlin bereits in die dritte Runde. Ob daraus ein Programm werden kann, ob es wie in diesem Fall vor allem zur Beschwörung einer unwiederholbar vergangenen Sturmzeit der Avantgarde taugt und als bunt gemischtes Verkaufsangebot dazu, muss offen bleiben. (Preise: 5000– 50000 Euro) Sammler werden sich auf jeden Fall an schönen Einzelstücken erfreuen, vielleicht an Hugo Roses eindrucksvoll montiertem „Selbstporträt“ von 1931. Ein feines Gitterwerk überlagert das Gesicht des Bauhaus-Schülers, der womöglich schon ahnte, was die nahe Zukunft bringen sollte: das Ende der Utopie auf jeden Fall.

Kicken Berlin, Linienstr. 161 A, bis 15. 12., Di–Fr 14–18 Uhr

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