Eine von tausenden. Die Katzenpopulation in der türkischen Metropole stammt ursprünglich von den Schiffen der Seefahrer. Foto: Weltkino
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Istanbul-Doku „Kedi“ Katzen mögen keine Diktatoren

Stella Donata Haag
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Istanbul mal aus einer anderen Perspektive: Der Dokumentarfilm „Kedi“ porträtiert die unbezähmbaren Straßenkatzen der türkischen Metropole.

Sie haben etwas Besonderes, diese türkischen Streuner. Ich muss es wissen, ich hatte mal einen. Schön war er, mit ausdrucksvollem Blick, fein geschwungenem Schnurrbart und prächtigem Schweif. Hier in Berlin war der rote Angorakater der bewunderte Held der Nachbarschaft, auf den Straßen Istanbuls, wo er geboren wurde, wäre er nur einer von Zigtausenden gewesen.

Und trotzdem etwas Besonderes – so behauptet es Ceyda Torun in ihrem Dokumentarfilm „Kedi – Von Katzen und Menschen“. Schon der Text im Vorspann führt die überlegene Perspektive der Katzen ein, ihr Immer-schon-da-gewesen-Sein, damals in den Gassen von Konstantinopel und Byzanz genauso wie heute in den Hinterhöfen der Teehäuser, Werkstätten und Nobelrestaurants von Istanbul. Es ist auch ein Film über die Stadt: das milchige Licht über dem Bosporus, das Leben in den Straßen, der Alltag der Fischer im Hafen, die kleinen Holzhäuser und mondänen Stuckfassaden, das allgegenwärtige Meer. „Istanbul ist eine Katze. Sie steht für das Chaos, die Einzigartigkeit und die Kultur Istanbuls“, bringt ein Ladenbesitzer das besondere Verhältnis auf den Punkt.

Nun kommt die Stunde des Räubers

„Kedi – Von Katzen und Menschen“ steht also in der Tradition der Stadtfilme, nur eben aus einer besonderen Perspektive: mal auf fünfundzwanzig Zentimetern Höhe zwischen den Beinen der Passanten und den Kisten hinter den Marktständen, mal zwanzig Meter über der Straße auf einem Gesims spazierend. Darüber sind nur noch die Möwen, argwöhnisch tolerierte Futterkonkurrenten. Die vielfältige Katzenpopulation stammt von den Schiffen der Seefahrer und hat sich das Unbezähmbare und Bunte bewahrt, im Fell wie in der Mentalität. Katzen mögen auch keine Diktatoren. Irgendwo hinter einem Paar plüschiger Ohren steht prominent „Erdo-gone!“ an der Mauer.

Die Spannung entsteht aus dem Rhythmus der Einstellungen und Schnitte. Geschichten werden erzählt, die oft kaum eine Minute dauern. So der Wechsel vom Close-up zwischen grünen Katzenaugen im schwarz-weißen Gesicht zu den Händen des Fischers, der den Fang ausnimmt. Der schwarze Strich im schillernden Grün, fast geschlossen, öffnet sich wieder, in der nächsten Einstellung sind die Pupillen geweitet. Irgendwann wird der Fischer etwas fallenlassen, und nun kommt die Stunde des Räubers.

Auch die menschlichen Bewohner kommen ausgiebig zu Wort. Einiges klingt kalenderspruchhaft, tief empfunden und schlicht gedacht, und fügt sich perfekt in den genießerischen Flow des Films, seine wahrhaft katzenhafte Grundhaltung. Warum nach Problemen suchen, wenn man genauso gut faul in der Sonne liegen könnte? Dahinter liegt die Logik der Fabel. Die Tiere sind immer auch Projektionsfläche, und so verraten einige Kommentare dann doch etwas über das gesellschaftliche Klima in Istanbul. Erzählen vom Wandel, vom Verschwinden alter Viertel. Mit den alten Bewohnern, den Brachflächen und kleinen Plätzen verschwinden auch die Katzen. Während in Berlin heute Katzen-Cafés aufmachen. Er hieß übrigens Raki, der rote Angorakater, der eine Weile mein Gefährte war.

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