Wortmächtig. Die Londonerin Kate Tempest, 30, wurde 2014 mit ihrem Debütalbum „Everbody Down“ bekannt. Foto: Neil Gavinp

Interview mit Kate Tempest „England steckt fest“

Fabian Wolff
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Die Londoner Rapperin und Autorin Kate Tempest über den Brexit, das Eigenleben von Texten und ihr neues Album "Let Them Eat Chaos".

Kate Tempest, vor zwei Jahren erschien Ihr Album „Everybody Down“, im Frühjahr Ihr Roman „Worauf du dich verlassen kannst“, jetzt Ihr Album „Let Them Eat Chaos“, und auf Tour waren Sie auch. Wann haben Sie eigentlich Zeit gefunden, das Album zu produzieren?

Die erste Grundidee hatte ich schon im Januar 2015. Mit meinem Produzenten Dan Carney arbeite ich dann im Studio ein paar Tage lang sehr konzentriert. Anschließend ruht die Arbeit für ein paar Monate, während ich toure. Ich trage die Ideen mit mir herum und denke permanent darüber nach, wie ich bestimmte Probleme lösen kann.

Ihr neues Album erzählt von einer Nacht in London. Es sind die Geschichten verschiedener Menschen, die in London in der gleichen Straße leben. Wie der Film „Night On Earth“ beginnt das Ganze im Weltall. Was war das erste Bild in Ihrem Kopf?
Ich wusste nur, dass es 4 Uhr 18 ist, dass es um die Geschichten dieser Leute geht und dass die Erzählerstimme sich horizontal zwischen den Figuren bewegt. Das Problem war, wie wir in die Geschichte kommen, das konnten wir einfach nicht lösen. Plötzlich, in Italien, kam mir die Idee: Wir fangen einfach im Weltraum an und zoomen rein. Ich habe gleich meinen Produzenten angerufen, und er war auch begeistert. So fängt das Album jetzt mit Stille an und einer Stimme, die „picture a vacuum“ sagt. Dann kamen andere Fragen: Wer sind die Figuren, warum sind sie wach? Gleichzeitig wollte ich auf diesem Album echte Songs schreiben, die trotzdem zusammenhängen. Ohne zentrale Figuren wird das sehr selbstgefällig.

Wieso selbstgefällig?
Ich möchte ja das Publikum erreichen, Gefühle und Ideen vermitteln. Aber dabei sollte es nicht um mich gehen, sondern um uns alle. Songs ohne diesen narrativen Rahmen leisten das nicht, finde ich. Damit meine ich aber nur meine eigene Arbeit, bei anderen stört mich das nicht.

Eine der Figuren, die Pflegekraft Esther, trägt aber Ihren zweiten Vornamen. Ist das nicht doch eine Art Selbstporträt?
Das war keine Absicht. Natürlich haben alle Figuren etwas von mir in sich, eine emotionale Wahrheit, damit sie glaubwürdig wirken. Manchmal ist es auch die Liebe für einen anderen Menschen, aus der Figuren und Geschichten entstehen.

Dabei schreiben Sie nicht nur Songs, sondern auch Romane, Gedichte, Theaterstücke. Wie unterscheidet sich die Arbeit in diesen unterschiedlichen Genres?
Musik ist für mich die instinktivste Form, bei Gedichten fühle ich mich den Worten am nächsten. Die Arbeit an einem Theaterstück ist sehr intellektuell, fast verkopft, und einen Roman zu schreiben ist vielleicht am befriedigendsten, weil ich dabei ein ganzes Universum erschaffen kann. Aber diese Formen fangen auch an, miteinander zu sprechen, und Türen im Kopf öffnen sich, die vorher zu waren.

Erscheinen die Texte zu „Let Them Eat Chaos“ deswegen auch als Buch?
Ich habe mit meinem Verlag gesprochen und erklärt, dass es sich auch wie ein langes Gedicht anfühlt. Der Text führt ein Eigenleben. Die Arbeit an dem Buch war eine andere interessante Erfahrung: Manche Sachen müssen verschoben oder leicht verändert werden. Statt der Musik muss das Papier den Text stützen. Deswegen habe ich viel mit Layout und Drucksatz experimentiert, das war cool.

Spüren Sie dieses Eigenleben der Texte, wenn Sie sie performen?
Das ist ein merkwürdiger und komplizierter Teil meiner Arbeit. Es geht weniger darum, was ich aus der Performance für mich ziehen will, sondern was ich geben kann. Wenn alles stimmt, dann passiert es einfach, ohne mein Zutun. Dann fühlt sich die Bühne wie ein sakraler Ort an. Ich gebe mich den Worten völlig hin. Das kann brutal und anstrengend sein, aber auch bereichernd und beglückend.

Manche nennen Ihre Musik Hip-Hop, andere Spoken Word. Wo sehen Sie sich selbst?
Darüber denke ich nicht nach. Nie. Ich sehe mich als Künstlerin. Das bedeutet, dass ich mein Leben damit verbringe, meine Ideen umzusetzen so gut wie ich kann. Ich weiß nicht, wieso wir erwarten, dass Kunst in diese Schubladen passen soll, aber das hat natürlich mit der Kommerzialisierung von Kreativität zu tun.

Sehen Sie die Gefahr, dass Kunst in Großbritannien in Zukunft nur der Oberschicht vorbehalten ist?
Ja, das besorgt mich. Sehr. Kunst ist Amüsement für die Elite geworden. Vor Kurzem war ich in Brasilien bei einem Poetry Slam, und da haben fünf Generationen wie selbstverständlich Geschichten ausgetauscht. In England passiert Kunst nicht mehr einfach so, nur in Theatern, wo der Eintritt 50 Pfund kostet. Aber es gibt noch genügend Leute, die nicht aufgeben, wie die Theatergruppe Common Wealth in Bradford, die sich damit beschäftigt, warum die Arbeiterklasse keine Anführer mehr hervorbringt, gerade im Norden.

Diese Verbindung aus englischer Identität und Industrie beschäftigt viele Autoren, angefangen bei William Blake, der Sie sehr beeinflusst hat.
Ja, ich fühle mich ihm sehr verbunden und nicht nur, weil er vor 200 Jahren auch in South London gewohnt hat. Sein Werk ist mir nah, und selbst, wenn ich mit ihm streite – was zum Beispiel sein Frauenbild angeht – dann ist das produktiv. Wie er fühle ich mich der Erde verbunden, der Geschichte Englands. Ich reise viel, und überall gibt es Spuren dieser Geschichte: der transatlantische Sklavenhandel, das Erbe von Kolonialismus. Als Mensch aus Großbritannien muss ich mir dieser Geschichte bewusst sein, um die Gegenwart zu verstehen.

Einer der Songs heißt „Europe Is Lost“. Er entstand aber schon vor dem Brexit, oder?
Ja, lange vorher. Das hat sich ja abgezeichnet. Wir als Nation stecken fest. Wir als Menschheit stecken fest. Ich denke viel über Kreisbewegungen nach, und gerade befinden wir uns in einer Abwärtsbewegung, und lassen uns wieder von Angst und Hass leiten. Aber wenn ich an der Küste von England bin, dieser kleinen Insel, dann merke ich, dass das ja nur Fels und Gestein und Wasser ist. Wir haben diese lächerliche Zivilisation aufgebaut, aber die Wellen, die gegen die Felsen schlagen, nur die sind echt. The rest is noise.

Das Gespräch führte Fabian Wolff.

„Let Them Eat Chaos“ erscheint am 7.10. bei Caroline. Konzert: 2.11., Astra Kulturhaus Berlin

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