Ein eingeschworenes Team. Peter Baumann, Bernd Kurtzke, Arnim Teutoburg-Weiß, Torsten Scholz und Thomas Götz (v. l.). Foto: Paul Gärtner/Warnerp

Interview mit den Beatsteaks „Die Wuhlheide ist unser Stadion“

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Am 1.September erscheint das Album "Yours" der Beatsteaks. Ein Gespräch über politische Verantwortung, deutsche Texte und die Angst vor dem Stadionrock.

Sie sind eine der erfolgreichsten Rockbands Deutschlands. Zu Songs wie „I Don’t Care as Long as you Sing“ oder „Jane Became Insane“ schwitzte eine ganze Generation in der Indie-Disko. Jetzt veröffentlichen die Beatsteaks ihr achtes Studioalbum „Yours“. Zu diesem Anlass luden der Sänger Arnim Teutoburg-Weiß und der Bassist Torsten Scholz zum Interview in den Proberaum der Band.

Herr Scholz, Herr Teutoburg-Weiß, Sie starteten 1995 als Punkband in der Schönhauser Straße 48/49 in Berlin-Mitte. Wie viel Schönhauser Straße steckt noch im neuen, teilweise sehr poppigen Album?
ARNIM TEUTOBURG-WEISS: Ich konnte mit solchen Kategorien noch nie was anfangen. Wir haben immer einfach Musik gemacht. Egal ob Punker oder nicht Punker. Das ist so spießig. Die Band Beatsteaks hieß für uns immer: frei sein und sich frei fühlen.
TORSTEN SCHOLZ: Wir haben uns nie über Szenezugehörigkeit definiert und immer drauf geachtet, dass wir für alle spielen. Wir geben auch allen Zeitschriften Interviews. Von der „Bravo“ bis zum kleinen Fanzine.

Was würden denn die frühen Beatsteaks zu der neuen Platte sagen?
TEUTOBURG-WEISS: Ich glaube, sie würden sagen: Oh Mann, die sind aber tight. Und ganz schön cool für ihr Alter. (lacht) Und die spielen auch schon ganz schön lange zusammen.

Wie haben Sie es denn eigentlich 22 Jahre lang miteinander ausgehalten?
TEUTOBURG-WEISS: Es ist schon anstrengend, immer von denselben Nasen umgeben zu sein, aber es kommt auch unglaublich viel zurück. Wir müssen total aufpassen, weil es ein Job geworden ist, mit geregelten Arbeitszeiten. Die Band muss sich immer aufs Neue wiederfinden, angleichen und umarmen.
SCHOLZ: Als der Erfolg einsetzte, gab es uns schon ein paar Jahre. Es ist alles ganz langsam gewachsen. Niemand konnte komplett durchdrehen. Alle waren schon in einem Alter, dass man wusste, wie man Beziehungen führt, aber auch, wie man sie versaut. Heute herrscht im Proberaum eine viel bessere Gesprächskultur als bei den Bandmitgliedern zu Hause.

Sie haben sich über die Jahre immer wieder neu orientiert und diverse Musikstile ausprobiert. Wird Ihnen das Rock-Korsett schnell zu eng?
TEUTOBURG-WEISS: Wir haben schon immer versucht, alles zu machen, was wir fünf abfeiern. Ganz wild oder ganz schräg oder ganz poppig. Von der ersten bis zur achten Platte. Vielleicht ist das so ein Ost-Ding. Wir waren 16, als die Mauer fiel. Und dann sollen wir uns heute noch in einer Ecke einsperren lassen? Das fällt direkt mal flach.
SCHOLZ: Wir fanden aber auch immer viele Musikstile gut. Nach Hardcore-Konzerten ging Arnim in den Neunzigern zu Depeche Mode, ich zu den Pet Shop Boys. Schon damals waren wir einfach überall unterwegs.

Zehrt Ihre Band immer noch vom musikalischen Erbe der Neunziger?
TEUTOBURG-WEISS: Die Neunziger waren musikalisch eine geile Zeit. Überall entstand gute Musik. Rap war geil. Rock war geil. Metal war geil. Das hat uns natürlich geprägt.

Die enorme Fülle an Einflüssen macht sich auch auf „Yours“ bemerkbar.
TEUTOBURG-WEISS: Das ist geschehen, weil wir einfach Lust hatten, nicht den roten Faden in unseren Demos zu suchen. Wir haben einfach alles mitgenommen. Der Vorgänger war ganz schnell geschrieben, ganz schnell eingespielt. Jetzt hatten wir Zeit, haben das Management ausgeschlossen und Freunde eingeladen. Wir wollten, dass wir Boss sind. Es ist ein richtiges Bandwerk geworden.

Sind deswegen auch so viele Produzenten auf dem Album vertreten?
TEUTOBURG-WEISS: Wir wollten das Bunte von unseren Demo-Aufnahmen so weit wie möglich fassen. Brezel Göring von Stereo Total mit seinem Achtspur-Aufnahmegerät gehörte genauso zur Reise wie die Produzenten von The Krauts mit 130 Spuren.
SCHOLZ: Das klingt jetzt vielleicht sehr bestimmt, aber die Lieder haben uns zu den Gästen geführt. Bei unserem neuen Song „Hate To Love“ war klar: Das klingt sehr nach The Clash. Wir brauchen also einen Engländer. Und so kamen wir dann auf Jamie T.

Die politische Weltlage war in Ihrer Bandgeschichte noch nie so angespannt wie heute. Hatte das einen Einfluss auf die Entstehung von „Yours“?
TEUTOBURG-WEISS: Früher dachte ich immer: Wir sind nicht Rage Against The Machine. Wir sind die Romantiker, die über ein Mädchen singen. Mittlerweile bin ich Vater und sehe das anders. Während wir die Platte aufgenommen haben, hielt dir alle paar Tage jemand ein Handy unter die Nase. Und du denkst dir nur: Was? Schon wieder ein Anschlag? Bitte? Trump ist Präsident? Es gibt zwei, drei Songs auf der neuen Platte, wo man merkt, dass wir uns dazu äußern wollen.

Welche zum Beispiel?
TEUTOBURG-WEISS: Ich spreche nicht gerne über Texte, weil das die Magie wegnimmt. Aber Songs wie „Summertime“ oder „Filthy Crime“ sind Statements von Mittvierzigern, die in einer Band spielen.

Die Videos zu Ihren Single-Auskopplungen „I Do“ und „40 Degrees“ sind sehr ulkig geworden. Ist Leichtigkeit in diesen Tagen das Politischste, was man ausstrahlen kann?
TEUTOBURG-WEISS: Ich bin ein Zirkuskind. Wir sind im Unterhaltungsgeschäft tätig, aber in der coolen Abteilung. Wie Monty Python. Klar wollen wir die Aufmerksamkeit, die die Band bekommt, nutzen, um ein Fähnchen zu setzen, aber wir wollen die Leute auch ermuntern, den Mut nicht zu verlieren und das Leben zu genießen. Wenn ich zurückblicke, empfinde ich uns gerade am politischsten in unserem gesamten Schaffen.
SCHOLZ: Wir sind keine explizit politische Band, aber die Leute wissen, für was wir stehen. Bei unserem neuen Album kann man zum Beispiel entscheiden, ob man die Deluxe-Version wählt. Da ist das Gleiche drin, aber es werden 15 Euro an Amnesty International gespendet.

Der Autor Frank Apunkt Schneider kritisiert in seinem Buch „Deutschpop halt’s Maul!“ die Verdeutschung des Pops. Von den 21 Liedern auf Ihrem neuen Album haben nur zwei deutsche Texte. Gibt es auch bei Ihnen Berührungsängste?
TEUTOBURG-WEISS: Ich habe nie deutsche Musik gehört und dachte auch immer: Ich kann das einfach nicht. Dann haben wir mal Ton Steine Scherben für eine B-Seite gecovert und stellten fest, dass es funktioniert. Wenn der Text mich kriegt, dann mache ich das. Dirk von Lowtzow schreibt tolle Texte, Farin Urlaub und Deichkind auch. Die konnten wir für unsere deutschsprachigen Songs gewinnen. Besser geht es nicht. Das ist Champions League.

Sie spielen in der kommenden Zeit keine längere Tour. Werden Sie mit dem Alter zu Studiomusikern?
TEUTOBURG-WEISS: Das Album ist nur die halbe Wahrheit. Wir sind auf Platte nicht so gut. Wir sind aber live sehr gut. Ich höre heute immer noch, dass Leute einen Song blöd finden, wenn sie ihn das erste Mal als Aufnahme hören. Später wird es ihr Lieblingslied, wenn wir es ihnen live um die Ohren hauen.

Ihre Konzerte wurden über die Jahre immer größer. Haben Sie Angst vor dem Label Stadionrock?
TEUTOBURG-WEISS: Für mich kann das nur einer richtig gut, das ist Bruce Springsteen. Wir können das nicht. Dazu braucht es Leute, die in einem großen Stadion eine Intimität hinbekommen, es in einen Club verwandeln können.
SCHOLZ: Wenn wir in der Wuhlheide spielen, dann kommen 17 000 Leute. Da sind wir jetzt auch schon fünf Mal gewesen. Das ist unser Stadion. Und das macht auch total viel Spaß.

Ein Nebenprojekt der Beatsteaks ist die Coverband Die Roys. In dem Kontext sagten sie einmal, dass die besten Lieder bereits geschrieben sind. Was heißt das für die Zukunft der Beatsteaks?
TEUTOBURG-WEISS: Wir könnten tatsächlich mal ein Cover-Album machen. Das fände ich richtig gut. Wir können ja sehr gut covern.
SCHOLZ: Auf jeden Fall. Das Cover-Album „Renegades“ von Rage Against The Machine ist eines meiner Lieblingsalben. Es macht mir unglaublich viel Spaß, erst die Originalversion zu hören und dann die Interpretation

Apropos Cover, was hat es eigentlich mit dem Yak auf dem Albumcover auf sich?
TEUTOBURG-WEISS: Jemand von unserer Plattenfirma war zu Besuch im Proberaum. Wir sagten ihm, dass der Titel des Albums schon länger steht, wir aber noch kein Cover haben. Er ist dann um die Ecke zum Türken essen gegangen. Dort hat er ein Foto von einem Poster mit dem Tier gemacht und mir geschickt. Wir konnten uns alle auf Anhieb damit identifizieren: der geschmückte, alte Gaul, der nochmal auf den Berg muss. (lacht)

Das Doppelalbum „Yours“ erscheint am 1.9. bei Warner Music. Am selben Tag stellen die Beatsteaks das Album um 20 Uhr im Admiralspalast vor. Zudem spielt die Band am 9.9., 18 Uhr beim Lollapalooza Festival auf der Rennbahn Hoppegarten.

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