Zusammenspiel. India (Mia Wasikowska) und Onkel Charlie (Matthew Goode). Foto: Foxp

Im Kino: "Stoker" von Park Chan-wook Schöner albträumen

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Der Koreaner Park Chan-wook gilt als Kultregisseur. Jetzt hat er mit „Stoker“ seine ersten US-Produktion gedreht. Ein Horrorfilm, der alle Genres hinter sich lässt.

Sneak-Previews sind, im anstrengenderen Fall, lautstarke Feste kollektiver Urteilsfindung. Gleich großgruppenweise stürmen amüsierwillige Zuschauer das Kino und verwandeln den Saal in eine riesige Wohnzimmercouch. Wenn dann der Überraschungsfilm nicht eben durch komödiantische oder sonst wie spannende Handlung fesselt oder narrativ auch noch höchst lose gestrickt scheint, kann die Konzentration auf das Leinwandgeschehen heftig leiden.

Unlängst im Colosseum: Bereits als der Schriftzug „Nicole Kidman“ in den Credits auftaucht, gibt es erstes saalweites Gelächter. Kaum aber setzt sich die undurchsichtige Handlung in prächtigen Plansequenzen gemächlich in Gang, mischen sich wachsend grollende „Was soll das?“-Zwischenrufe in vorsichtiges „Sch-sch“-Zischen. Und als nach einer halben Stunde die mitteilungsstärkste Truppe mit einem lautstarken „Der Film ist Scheiße!“ den Raum verlässt, ist klar: Park Chan-wooks „Stoker“ dürfte es, zumindest in der Zielgruppe der sehr jungen männlichen Zuschauer, künftig nicht leicht haben.

Vielleicht wäre die Sache an jenem Abend besser ausgegangen, wenn der koreanische Regie-Großmeister in seinem US-Debüt eine genrefeste Vampirgeschichte ganz nach dem „Dracula“-Dichter Bram Stoker angelegt hätte. Aber seinen brillanten, düster-traurigen Vampirfilm hat Park Chan-wook mit „Durst“ (2009) längst gedreht. Und vampirisch ist jener von Matthew Goode gespielte Onkel Charlie, der einiges mit seinem Namensvetter in Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ (1943) gemeinsam hat, eher in metaphorischem Sinn. Auch die irritierende Nähe, die er zu seiner zarten Nichte India (Mia Wasikowska) sucht, lässt sich nur entfernt mit der Anziehung zwischen dem klassischen Genre-Blutsauger und seinen verführerisch hilflosen Opfern assoziieren.

India Stoker ist gerade achtzehn geworden, da stirbt ihr Vater bei einem mysteriösen Autounfall. Bei der Beerdigungsfeier taucht Onkel Charlie auf, ein Verwandter, von dem India noch nie gehört hat: ein charmanter, offenbar weitgereister, noch jugendlich wirkender Mann, der sich auffallend aufreizend um die nur mäßig trauernde Witwe (Nicole Kidman) kümmert. Sein eigentliches Interesse aber gilt India – und das spürt die lebensdurstige, aber bereits fühlbar lebensverdurstende junge Schönheit sofort.

Ein Verführungsthriller, irgendwie. Eine Mutter-Tochter-Rivalinnenstory, auch das. Aber dann geht „Stoker“, nach einer langen, spielerischen Exposition, doch einigermaßen linear andere Wege. Sein besonderer Reiz liegt dabei weniger in der Handlung als darin, dass er seine Zuschauer in einen Traum zieht, der sich unmerklich in einen Albtraum verwandelt. Nur dass man daraus kaum erwachen mag: zu schön sein Setting mit der entlegenen Villa auf dem Lande, zu faszinierend seine kräftigen Farben, sein Hin und Her zwischen den Figuren, die sich, sanft geführt von der Hand eines Spielers, marionettengleich durch entrückte Szenerien bewegen.

India und ihre zunächst vage wie schwimmende Perspektive auf die Welt ist der Mittelpunkt von „Stoker“, von Anfang an; dass dieser Blick sich, zwischen Einsamkeit, erotischem Erwachen und der Erkenntnis düster-familiärer Zusammenhänge immer mehr fokussiert und die Träumende in eine Handelnde verwandelt, macht den Film aber keineswegs zu einer schlichten Coming-of-AgeStory; wie Park Chan-wook ohnehin Genres nur benutzt, um daraus unverwechselbar eigene Zauberkunststücke zu bauen. Auch dafür, dass seine Filmsprache sich nun verlieren könnte – wie der Regiestil mancher nach Hollywood auswandernder Asiaten und Europäer –, bietet „Stoker“ keinerlei Anhaltspunkt. Eher zeigt sich der immense Einfluss des Koreaners darin, dass Spike Lee im Herbst ein Remake von „Oldboy“ (2003) ins Kino bringt, Parks wuchtigstem Film. So einen Rache-Thriller hatte die Welt bis dahin nicht gesehen.

Irgendwann in „Stoker“ gibt es eine sich an Bilder aus Mord und Lust anschließende, durchaus erotische Duschszene, mit India, allein. Da platzt in die Stille, die längst eingekehrt ist in die Zuschauerreihen im Colosseum, noch einmal ein Ruf: „Wie gestört muss die denn sein, Alter?“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass das Supernormale, zumindest auf der Leinwand, meist ein bisschen langweilig ist.

„Stoker“ läuft ab Donnerstag im Kino.

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