Die Versicherung sieht alles. Assekuranzagent Vincent Baumann (Clemens Schick) studiert das Versicherungsprofil des reichen Unternehmers Wladimir Sokulov (Daniel Obrychski). Foto: Caminop

Im Kino: „Stille Reserven“ Oh, allmächtige Versicherung

David Assmann
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Sterben nur mit der richtigen Police erlaubt: Der Science-Fiction-Film „Stille Reserven“ zeichnet das Bild eines dystopischen Wiens, in dem das menschliche Schicksal zum elitären Privileg wird.

Wien in einer unbestimmten Zukunft: eine Wolkenkratzerlandschaft, durch Checkpoints abgeriegelt, bevölkert von emotionslosen Menschen in makellosen Anzügen. Sie führen keine Gespräche, sondern tauschen Informationen aus. Sie haben keinen Sex, sondern praktizieren Hormonausgleich. Sie schließen Geschäfte ab. Versicherungen, um genau zu sein. Die Außenwelt: eine endlose Plattenbausiedlung. Reguläre Arbeit gibt es keine, wer hier lebt, agiert in Grauzonen. Auf dem Schwarzmarkt. Im Bordell. Im politischen Untergrund. Auf den Hauswänden ist die Forderung der Rebellen allgegenwärtig: „Recht auf Tod!“

Dem menschlichen Schicksal, sterben zu müssen, stellt Valentin Hitz in seinem Science-Fiction-Film „Stille Reserven“ eine interessante Umkehrung gegenüber: Was, wenn dieses Los nur einer privilegierten Elite vorbehalten wäre? Wer zum Zeitpunkt seines Ablebens verschuldet ist, wird in einen vegetativen Zustand versetzt und als Datenspeicher, Organlager oder Leihmutter verwendet, bis seine Schulden abgegolten sind. Es sei denn, er hat eine Todesversicherung abgeschlossen. Zwischen den Glücklichen, die sich die teure Police leisten können, und den unglückseligen anderen verläuft die Grenze von Innenstadt und Außenwelt.

Eine Versicherung als allmächtige und allwissende Instanz über Leben und Tod: Es passt ins Bild, dass Protagonist Vincent Baumann (Clemens Schick) in Physiognomie und Frisur entfernt an Franz Kafka erinnert. Seine Arbeit als „Assekuranzagent“ erfolgt auf der Basis elaborierter Profile, die seine Chefin Diana (Marion Mitterhammer) von seinen Klienten anfertigt. Ihrer von Optimierung und Kontrolle gekennzeichneten Welt steht die Sphäre der Randständigen gegenüber, die sich emotional und irrational verhalten.

Hitz verwendet großen Aufwand darauf, diese Kontraste herauszuarbeiten. Dabei versäumt er, eine wenigstens halbwegs interessante Geschichte zu erzählen. Die verworrene Handlung um Baumanns Ermittlungen im Umfeld der rätselhaften Rebellin Lisa (Lena Lauzemis) entwickelt keine Spannung, sondern ist darauf ausgelegt, die Wirkungsweisen des dystopischen Szenarios zu erklären. So kommt „Stille Reserven“ nie über seine originelle Prämisse hinaus.

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