Zusammen. Mutter (Brie Larson) und Sohn (Jacob Tremblay). Foto: Universal/dpap

Im Kino: "Raum" Der Himmel ist ein Oberlicht

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Ein Kind, ein Kerker, ein Zuhause: für das philosophische Psychodrama: „Raum“ nach dem Bestseller von Emma Donoghue wurde Brie Larson mit dem Oscar ausgezeichnet.

Wohin gehen wir, wenn wir schlafen, will Jack wissen. Nirgendwohin, erklärt seine Mutter, wir sind nie woanders, wir sind immer hier. Hier, das sind neun Quadratmeter Welt, „Raum“, wie Jack sagt, wie er ohnehin alle Dinge beim Vornamen nennt, hallo Schrank, hallo Waschbecken, hallo Stuhl, hallo Fernseher. Je kleiner die Welt, desto belebter die Dinge, ein aus der Not geborener Animismus. Sie ist seine Realität, seine einzige, er wurde schon hier im Raum geboren. Die andere Realität, draußen, jenseits des Oberlichts, sie ist nicht real, sagt Ma.

Jack (Jacob Tremblay), das dünne Kind mit blasser Haut, heller Stimme, langem Haar. Ma, ebenfalls blass wie ein Zombie, vor sieben Jahren wurde sie in den Schuppen entführt, da war sie selber fast noch ein Kind: Brie Larson gewann Ende Februar den Oscar für ihr minimalistisches, ein wenig eindimensionales Spiel. Emma Donoghue, kanadische Schriftstellerin irischer Herkunft, erfuhr von der Tragödie der Österreicherin Elisabeth Fritzl, die von ihrem Vater 24 Jahre lang im Keller gefangen gehalten wurde und mehrere Kinder zur Welt brachte. Wie kann das sein, mit einem Kind in so einem Kerker? Donoghues Bestsellerroman macht ebenso wie der Film, für den sie selber das Drehbuch verfasste, kein Horrorszenario daraus, sondern einen Abenteuerspielplatz: „Raum“ ist Klassen besser als Sherry Hormanns Kampusch Verfilmung "3096 Tage", präziser in der Perspektive, nüchterner und umso bewegender.

Ma beharrt auf die Möglichkeit des Glücks

Unermüdlich verwandelt Ma alias Joy das beengte Zuhause der beiden in ein Universum voller Wunder, wie jede Kindheit sie birgt. Der Raum, ein Parcours für Hindernisläufe jedweder Art. Eierschalen, bestens geeignet für die Herstellung von Ketten und Girlanden. Der Hund, zwar fiktiv, aber spaßig. Der Himmel überm Oberlicht, eine Galaxie voller Aliens und anderer fantastischer Wesen. Ma beharrt auf der Möglichkeit des Glücks unter unmöglichen Bedingungen, jeden Tag neu. Nur der Mann, der sie in der Nacht heimsucht, vertreibt Jack in den verschlossenen Schrank, ein Gefängnis im Gefängnis. Als Old Nick immer unberechenbarer wird, den Strom abschaltet und sich für den Jungen zu interessieren beginnt, beschließt Ma die Flucht – die nur Jack bewerkstelligen kann. Indem er sich tot stellt.

Eine Chronik der Isolation, der Selbstbefreiung und Selbstheilung: Regisseur Lenny Abrahamson („Frank“) vermeidet wie Donoghue alles Spekulative, konzentriert sich auf streng kadrierte, fast klinisch sterile Bilder. Mit Bedacht wählt er die Kindersicht (Joys Verstörung draußen, ihr Suizidversuch so, wie Jack es wahrnimmt), biedert sich ihr aber nicht an. Die Polizistin, die Ärzte, die Journalisten, für Jack sind es lauter Aliens. Er muss Sonnenbrille tragen, sich vor Viren und Bakterien schützen, in dieser nahen, fremden, beängstigenden realen Realität. Wirklichkeit ist, wie wenn alle Fernsehprogramme gleichzeitig laufen, so erklärt er es sich. Sie erweist sich als der bessere Abenteuerspielplatz, zumal der Stiefgroßvater einen Hund hat, einen echten.

„Raum“ kommt als schlichter Report daher und wird zum metaphysischen Psychodrama: über die Kindheit als Gefängnis und als denkbar größter Freiraum, über das Vexierbild von Wirklichkeit und Fantasie, ausgerechnet im Kino. Über Mutterliebe. Und Kindesliebe – am Ende ist es Jack, der Ma ein zweites Mal rettet. Und über Familie: Die Geduld der Großeltern ermöglicht es dem Jungen, sich aus dem Trauma in so etwas wie Normalität zu entlassen. Wiedersehen Schrank, Wiedersehen Stuhl, Wiedersehen Fernseher!

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