Vaterfigur. Der Profikiller Mr. Long (Chen Chang) strandet in Tokio und trifft dort den kleinen Jun (Bai Runyin). Foto: Rapid Eye Moviesp

Im Kino: „Mr. Long“ von Sabu Der Killer als Koch

Jan-Philipp Kohlmann
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Im tragikomischen Thriller „Mr. Long“ packt ein Killer das Küchenmesser aus - um zu kochen. Japans Kultfilmer Sabu will mit Genreklischees spielen. Stattdessen reproduziert er sie.

Ein maulfauler Killer. Ein missglückter Auftrag. Eine Hure mit gebrochenem Herzen. Ein Kind sehnt sich nach dem fehlenden Vater. Wenn jetzt ein Film im Kopf des Lesers entsteht, dann deswegen, weil es sich um etablierte Versatzstücke des Genrekinos handelt, die von Los Angeles bis Tokio bereits in jeder erdenklichen Variante von Pulp bis Pathos und Parodie erzählt worden sind. Der japanische Regisseur Sabu, der mit bürgerlichem Namen Hiroyuki Tanaka heißt, weiß das. Seit mehr als 20 Jahren dreht er (bis auf wenige Ausnahmen) stilisierte Genrevariationen, in denen öfter mal unbedarfte Normalbürger in die von Gewalt geprägte Unterwelt der Yakuza hineinstolpern und fortan um ihr Leben rennen.

Dass auch sein neues Werk „Mr. Long“, das auf der Berlinale im Februar Weltpremiere feierte, in diesem Milieu spielt, skizziert Sabu ökonomisch mit nur einigen wenigen Einstellungen. Sie lassen erahnen, warum der Regisseur mittlerweile zum Stammgast auf dem Filmfestival geworden ist. Bilder einer nächtlichen Autofahrt durch Neonreklamen, Lampions und Streetfood-Märkte der taiwanesischen Großstadt Kaohsiung – gefilmt mit sanften Kamerabewegungen, rhythmisch montiert zu einem Streicher-Score in Moll – schaffen ad hoc genau jene Atmosphäre, die in einen Kriminalfilm hineinzieht. Die Kamera gleitet schließlich durch den Lüftungsschacht eines Tempels sprichwörtlich hinunter in besagte Unterwelt und mitten hinein in eine Tarantino-Szene, in der eine Gruppe von Gangstern über das tödliche Missgeschick eines Kollegen herzieht.

Lautstarke Wichtigtuer leben in einem Film wie diesem bekanntlich nicht lange: Sabu spielt bewusst auf die Kenntnis solcher Genreformeln an. In einer hochgradig artifiziellen Gewalt-Choreografie, die wiederum mehr auf asiatische Regiekollegen wie Park Chan-wook verweist, metzelt der Killer gleich fünf wehrlos dastehende Gangster mit einem Messer nieder.

Long ist cool und schweigsam

Der nächste Auftrag führt den Profikiller nach Japan, doch diesmal kann er nur schwer verletzt vor den feindlichen Yakuza fliehen. Ohne Geld und Papiere strandet er in einer verlassenen Wohnsiedlung in Tokios Peripherie und macht die Bekanntschaft des Jungen Jun (Bai Runyin) und seiner heroinabhängigen Mutter Lily (Yiti Yao). Bald gesellt sich noch eine leicht aufdringliche Nachbarschaftsclique hinzu, die den schweigsamen Fremden „Mr. Long“ tauft und seine ausgezeichneten Kochkünste kennenlernt. Mit dem Messer kann der Mann nun mal umgehen.

Also renovieren die Nachbarn ein leer stehendes Haus, basteln eine Garküche auf Rädern und besorgen Long Zutaten für einen Imbissstand, an dem er fortan taiwanesische Spezialitäten verkauft. Long, der Geld für die Rückreise braucht, kommt das gerade recht. Bloß warum alle ihm helfen, fragt er Jun. Und bekommt eine weitere Genreformel zur Antwort: „Weil du cool bist und nie etwas sagst.“

Das Verhältnis des Films zu Frauenfiguren ist reaktionär

Der Killer und der Junge: Bemerkenswert lange wechselt Sabu im Mittelteil des Films die Gattung und versucht sich an einer Tragikomödie über das Kleinbürgertum, mit Slapstickelementen (die ulkigen Nachbarn!). Doch natürlich läuft es darauf hinaus, dass der Killer seiner Vergangenheit nicht entkommen kann. Chen Chang, der die Figur an der Grenze zur Ausdruckslosigkeit spielt, stand bereits für Hou Hsiao-Hsien, Edward Yang (beide Taiwan), Chen Kaige (China), Kim Ki-duk (Südkorea), Wong Kar-wai, Ang Lee und John Woo (Hongkong) vor der Kamera. Doch während die besseren Filme all dieser Regisseure – bei aller Unterschiedlichkeit – sich einer selbstreflexiven Formensprache bedienen, reproduziert Sabu bisweilen doch stereotype Versatzstücke.

Bei der Prostituierten Lily, deren Schicksal der Film in Rückblenden erzählt, wird es dann leider reaktionär; der Film entwickelt ein ausbeuterisches Verhältnis zu der Frauenfigur. Gewalt gegen Frauen filmt Sabu gerne von oben herab – und eine Vergewaltigung wirkt erträglicher, wenn glückliche Erinnerungen des Opfers eingeblendet und mit Klaviermusik unterlegt werden. Warum eigentlich ist in Bezug auf „Mr. Long“ gerne von Stilsicherheit die Rede?

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