Blue Notes zum Auftakt der grünen Jahreszeit. Eine alte englische Trompete, leicht ramponiert. Foto: Alamy Stock Photo
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House of Jazz Der Leuchtturm und sein Wärter
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Jazz heißt Offenheit nach allen Richtungen

Wenn es eine Haltung gibt, die Jazz mehr als jede andere Musik auszeichnet, dann ist es Offenheit, eine Offenheit nach allen Richtungen, die Brönner auf dem Papier auch verspricht. Die drei Konfliktfelder zwischen ihm und der Berliner Szene mögen deshalb den Eindruck eines Streits um Nuancen erwecken. Doch angesichts seines Profils geht es ums Ganze. Erstens gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, was Jazz heutzutage ausmacht. Zweitens steht zur Debatte, welches Gewicht die Einrichtung einer nationalen Big Band hat. Und drittens ist ungeklärt, wer die Kooperationspartner eines Jazzhauses sein sollten.

Die IG Jazz, in der das Gros der Berliner Musiker organisiert ist, würde zum Beispiel lieber von einem „Haus für die Musik des 21. Jahrhunderts“ sprechen. So sperrig das klingt, zielt es neben dem Jazz als Orientierungsmarke auf alles Improvisierte, bis hinein ins Geräuschhafte der „Echtzeitmusik“-Szene, auf Elektronisches, Avantgarde-Pop, die komponierte Neue Musik, die Multimedia-Performance sowie die Sound Art. Manches davon mag auf der großen Bühne eines House of Jazz mit rund 400 Plätzen verloren sein – deshalb soll es auch kleinere Bühnen geben. Aber wie bei der Einrichtung einer Big Band nach dem Vorbild des New Yorker Lincoln Center Jazz Orchestra, die Till Brönner mehr als alles andere am Herzen zu liegen scheint, geht es darum, dass die Ränder längst auf die Mitte einwirken.

Das Gegenbild zum zweifellos hochklassigen Klangkörper, den der wegen seines eisenharten Traditionalismus umstrittene Trompeter Wynton Marsalis in Manhattan eingerichtet hat, repräsentiert in den USA seit Jahren das hochdekorierte Maria Schneider Jazz Orchestra. Und in Berlin existieren mit dem Andromeda Mega Jazz Orchestra und dem Stefan Schultze Large Ensemble zwei herausragende Big Bands auf der Grundlage reiner Selbstausbeutung. Welche Rolle würden sie künftig spielen? Und welches ästhetische Verhältnis hätte ein nationales Berliner Jazzorchester zu den öffentlich-rechtlich alimentierten Big Bands von HR, NDR oder WDR?

Orchestrales Renommierprojekt oder Heimat für nomadisierende Musiker

Die Frage ist auch, welcher Teil der Berliner Szene dabei zum Zuge käme. Von vielen längst über sie hinauswirkenden Musikern muss man annehmen, dass sie für eine Big Band nach Brönners Vorstellungen kaum in Betracht kämen. Das gilt für den gerade mit dem SWR-Jazzpreis ausgezeichneten Schlagzeuger Christian Lillinger wie für seinen australischen Kollegen Tony Buck, für den portugiesischen Kontrabassisten Carlos Bica wie für seinen schwedischen Kollegen Petter Eldh, für die japanische Pianistin Aki Takase wie für die Ostberliner Tastenlegende Uli Gumpert.

Die edelste Aufgabe eines Berliner Jazzhauses bestünde demnach vielleicht weniger in einem orchestralen Renommierprojekt, sondern darin, den nomadisierenden Festivals von X-Jazz und A’larme!, den Nächten des Jazzkollektivs und des KIM Collective eine Heimat zu geben – und sie mit pädagogischem Eros einem breiteren Publikum zu vermitteln.

Daraus wiederum ergeben sich mögliche Kooperationspartner. Das Lincoln Center, das sich unter dem Druck der Kritik stilistisch sogar geöffnet hat, in Ehren: Neben dem Amsterdamer Bimhuis, das beide Parteien nennen, sind es wohl eher programmaffine europäische Institutionen: das Zürcher Moods, das Wiener Porgy & Bess und vor allem der Kölner Stadtgarten, der unter der Leitung seines Geschäftsführers Reiner Michalke, bis 2016 elf Jahre lang Leiter des Moers Festivals, ab 2018 zu einem Europäischen Zentrum für Jazz und aktuelle Musik ausgebaut werden soll. Auch er signalisiert Interesse an einem starken Haus in Berlin.

Die Situation ist verfahren, aber nicht hoffnungslos. Ein geeigneter Schlichter sollte beiden Seiten vermitteln können, was auf dem Spiel steht – und was sie voneinander lernen könnten. Alle wollen etwas Gutes. Dabei darf es nur keiner zu gut mit sich meinen.

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