pHelene Hegemanns neuer Roman: Ich und die Kleinen
0 KommentareBloß nicht das gewöhnliche Teenagerleben führen!
Diese Jugendlichen porträtiert Hegemann mit Hingabe und im steten auktorialen Wechsel: Den fast 12-jährigen Kai, der miterleben muss, wie seine Mutter ums Leben kommt, nachdem von einer Brücke ein Stein in die Windschutzscheibe ihres Autos geworfen wird. Er überlebt, landet nach einer Odyssee durch einen Wald auf einem Zirkusplatz und im Krankenhaus, später in der Obhut seines Vaters Detlev, der sich nur widerwillig kümmert: „Eine verbindende und familiäre Zugehörigkeit wurde da demonstriert zu einer nur in der Illegalität und der Aufrechterhaltung kultureller, selbstzerstörerischer Gesten überlebenden, hochreflexiven Punkfraktion.“
Dann gibt es das Zirkuskind Samantha, das nicht ganz unschuldig am Tod von Kais Mutter ist, dessen Funktion in dem Roman ansonsten aber unklar bleibt, außer dass ihr die Apokalypse als das Allerrealste überhaupt erscheint.
Schließlich ist da jene Cecile. Deren Eltern leben in einer 120-Zimmer-Villa in der Nähe von Hamburg. Verbunden fühlt sich die 17-Jährige ihnen nur als „Teil derselben durch Abstammung begründeten Lebensgemeinschaft, so fern voneinander sich diese Leben auch abspielten“. Auch sonst fühlt sich Cecile niemandem zugehörig, schon gar nicht ihren Altersgenossen, denn „um keinen Preis wollte sie ihr Handeln den gewöhnlichen Standards unterwerfen, wie ein Teenagerleben auszusehen hatte“.
Kai und Cecile treiben unweigerlich aufeinander zu, sprichwörtlich, denn beide sind viel unterwegs in diesem Roman: Kai in München, auf Bergtouren und in Zürich, wo es ihn mit seinem Vater auf die Streetparade verschlägt. Und Cecile landet nach der Flucht aus ihrem Elternhaus erst in Worms, wo sie in einer WG in einem eigentlich zum Abriss bestimmten Haus einer Mustersiedlung wohnt, dann in Venedig und schließlich in München, wo sie bei Kai und seinem Vater Unterschlupf findet.
Hegemanns Stinkefingergezeige ermüdet
Allerdings täuscht dieses viele Unterwegssein nicht darüber hinweg, dass „Jage zwei Tiger“ viel Statisches hat. Weder Kai noch Cecile entwickeln sich großartig in dem Zeitraum von fünf Jahren, über den der Roman sich erstreckt. Die drohende Apokalypse in Form eines immer grüner werdenden Himmels hilft da nur wenig; auch nicht die Cecile und Kai gemeinsame Fähigkeit, den Körper verlassen, sich entmaterialisieren zu können.
Hegemann geht es vielmehr um ständig neue Übertreibungen, um das Erzählen immer noch krasserer Biografien auch ihrer Nebenfiguren. An Einfällen mangelt es ihr nicht, sei es, dass sie Madonna auftreten lässt, die sich als alte Frau verkleidet vor ihren Fans versteckt, sei es, dass sie ein Vernissagen-Publikum beschimpft. Und so wie die Szenen gebaut sind, mitunter wie Filmstills, dürfte Hegemann dieses Mal hauptsächlich von Filmen inspiriert worden sein. Dass es am Ende einen kleinen, unvollständigen Anhang mit dem Verweis vor allem auf einige zitierte Songs gibt, soll in diesem Zusammenhang eine womöglich ironische, womöglich witzig gemeinte Anspielung auf die „Axolotl-Roadkill“-Plagiatsdiskussion sein.
Man kann also Spaß haben bei der Lektüre dieses Romans und sich gut unterhalten fühlen – und doch ermüdet auf Dauer Hegemanns ewiges Stinkefingergezeige, ihre ohne Unterlass Kaputtheiten zelebrierende Bescheidwisserhaltung. Immerhin schützt sie sich so geschickt davor, vor einen Generationskarren gespannt, als Rollenmodell für eine junge Generation missverstanden zu werden.
So wie es etwa Benjamin Lebert vor fast fünfzehn Jahren zur Blütezeit der Popliteratur widerfuhr. Die gesamte Literaturwelt bejubelte den „Crazy“ betitelten Debütroman des damals 17-Jährigen. Elke Heidenreich glaubte im „Spiegel“ gar, nun endlich die Jugend zu verstehen: „Lebert schafft es nicht nur, dass wir ahnen, was in ihren Köpfen vorgeht, er schafft es sogar, dass wir die mögen, die sie tragen.“ Vor solchen Vereinnahmungen braucht sich Hegemann nicht zu fürchten. Dafür hat sie in der Manier eines Michel Houellebecq oder der eines Thomas Glavinic genug Sorge getragen. Bei ihrem dritten Buch wird sich die öffentliche Aufregung um sie endgültig gelegt haben - so wie es auch bei Benjamin Lebert der Fall war.
Helene Hegemann: Jage zwei Tiger. Roman. Hanser Berlin, 2013, 316 S., 22,99 €.