Tolles Paar. Walter Kreye (Alex) und Susanna Simon (Georgie). Foto: Freese/drama-berlin.de
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„Heisenberg“ am Renaissance-Theater Hauptsache, die Chemie stimmt

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Die Geschichte einer Liebe: Antoine Uitdehaag inszeniert Simon Stephens „Heisenberg“ am Renaissance-Theater.

Gewöhnlich benötigt man im Theater keine tieferen Kenntnisse der Quantenphysik. Zum Glück auch diesmal nicht. Obwohl das Stück des britischen Dramatikers Simon Stephens „Heisenberg“ benannt ist, nach dem Nobelpreisträger Werner Karl Heisenberg aus Würzburg, der sich auf diesem Fachgebiet sehr verdient gemacht hat. Und obwohl Regisseur Antoine Uitdehaag, der am Renaissance-Theater Stephens’ Geschichte auf die Bühne bringt, die berühmte „Unschärferelation“ Heisenbergs als Schlagwort eingangs auf den Vorhang projizieren lässt. Unschärferelation? Die besagt, dass man zum Beispiel Ort und Impuls eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmen kann. Alles klar?

In „Heisenberg“ spielt diese Erkenntnis aus dem Labor nur insofern eine Rolle, als Stephens zwei menschliche Elementarteilchen mit ziemlicher Schicksalswucht aufeinanderprallen lässt und mit einiger Freude die Unvorhersehbarkeit und Unwahrscheinlichkeit ihres gemeinsamen Weges verfolgt. Der größte Zufall ist dabei schon vor Stückbeginn passiert. Im Wartebereich des Londoner Bahnhofs St. Pancras hat Georgie Burns den arglosen Alex Priest einfach so in den Nacken geküsst. Allerdings nur, weil sie ihn mit jemandem verwechselt hat. Genauer gesagt: mit jemandem, der vor anderthalb Jahren an einem Herzinfarkt verstorben ist.

Nun wäre es eine nicht abwegige Option, dass beide so schnell es geht Reißaus voreinander nehmen – sie peinlich berührt, er aus Angst vor einer Verrückten. Zumal Georgie und Alex schon äußerlich betrachtet eher wenig gemeinsam zu haben scheinen. Sie stellt sich vor als 42-jährige Killerin, ach nein, nur Spaß, Kellnerin aus New Jersey mit einer Vorliebe für derbe Ausdrucksweisen. Er ist bereits 75, stammt aus Irland, betreibt in London eine Metzgerei und mag klassische Musik ebenso gern wie schöne Fremdwörter, „repetitiv“ zum Beispiel. Was sollen diese beiden miteinander anfangen? Nun, Sex fürs Erste. Denn nach der Bahnhofsbegegnung lässt Georgie nicht locker und spürt Alex in seiner Metzgerei auf, um das Tête-à-Tête mit einer geballten Charme-Offensive fortzusetzen.

Die Persönlichkeit ist nur Summe dessen, was die Menschen tun

Mit Nick Paynes „Konstellationen“ hatte das Renaissance-Theater erst unlängst ein Stück auf dem Spielplan, das auf geistesverwandte Weise das „Was wäre wenn?“ der Zweisamkeit in einem Kosmos der unendlichen Möglichkeiten durchgespielt hat. Überhaupt zählt es ja zu den Lieblingsübungen nicht weniger Dramatikerinnen und Dramatiker, Menschen in schräge Zusammenhänge zu setzen und ihr Beieinanderbleiben gegen die Gesetzmäßigkeiten von Logik und Wahrscheinlichkeit zu verteidigen.

Simon Stephens gelingt das nicht immer, obwohl er sich schöne Passagen zur Beglaubigung der Anziehung zwischen zwei so wesensverschiedenen Naturen baut. Die Persönlichkeit, lässt er Alex einmal dozieren, existiere ja gar nicht. Die sei bloß „die Summe dessen, was die Menschen im Einzelnen tun. Und die Verbindungslinie dazwischen. Sie ist niemals fix. Sie kann sich immer verändern“.

Ein nicht gerade fortschrittliches Geschlechterbild

So viel zur Theorie. In der Praxis glückt Regisseur Uitdehaag eine über 90 Minuten meist fesselnde Umsetzung, die entscheidend vom Spiel seiner Darsteller Walter Kreye und Susanna Simon lebt. Kreye, der am Renaissance zuletzt als Demenzkranker im Drama „Der Vater“ von Florian Zeller brilliert hat, legt seinen musischen Metzger als Stoiker an, der sich in seinem Leben eingerichtet, aber den Überraschungen noch nicht verschlossen hat. Susanna Simon – unter anderem bekannt aus Margarethe von Trottas Uwe-Johnson-Verfilmung „Jahrestage“ – gibt die treibende Kraft Georgie mit vitalem Zug ins Verrückte, ohne sie je an die Karikatur zu verraten. Er verkörpert Ratio, sie Gefühl. Er ist der Strand, sie die Welle. Das zeugt nicht gerade von einem fortschrittlichen Geschlechterbild. Aber Kreye und Simon sind trotzdem ein tolles Paar.

Auf der weißen Tribüne mit Projektionsrückwand, die Bühnenbildner Momme Röhrbein entworfen hat, gewinnt Simon Stephens’ Versuchsanordnung dank ihnen Leben. So krude Wendungen die Geschichte eines gemeinsamen Aufbruchs nach New Jersey und in die Zukunft auch nimmt, so konstruiert die Dialoge bisweilen klingen – die Chemie zwischen den beiden stimmt. Und das ist in diesem Fall viel wichtiger als alle Physik.

wieder 28.11.–3.12., 5.12.–10.12., 12.12., weitere Vorstellungen Januar bis März 2018

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