Die Performer von Project Wildemann und, im Vordergrund, Besucher. Foto: Matthias Heydep

"Happiness Unlimited" an der Neuköllner Oper Im Traum des Lebens

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Therapie und Theater: Für „Happiness Unlimited“ an der Neuköllner Oper müssen die Besucher temporär auf ihren Sehsinn verzichten. Und stattdessen fühlen, hören, riechen.

Alles so schön aufgeteilt: die einen auf der Bühne, die anderen im Publikum. So funktioniert Theater, seit Jahrhunderten. War es mal anders, am Anfang, im antiken Griechenland? War Theater mal kein fein säuberlich geschiedener, sondern ein gemeinsamer Raum, auf den sich alle gleichermaßen einlassen, immersiv, körperlich, sinnlich? Die vierköpfige Truppe Project Wildemann aus Amsterdam will wissen, ob es auch anders geht – und verteilt Masken an die Besucher in der Neuköllner Oper. Für „Happiness Unlimited“ wird der zentrale menschliche Sinn, das Sehen, ausgeschaltet. So geht es die Treppe hoch. Sofort übernehmen die anderen Sinne: Fühlen, Hören, Riechen, ein uralter, archaischer Instinkt. Es geht darum, Autonomie aufzugeben, sich einzulassen, loszulassen.

In den Mittelpunkt der Wahrnehmung rückt jetzt Existenzielles:  Puls und Atem. Wer steht neben mir? Seine oder ihre fremde Hand in meiner Hand. Die Welt schrumpft auf wenige Zentimeter um den eigenen Körper, in denen ein tastender Rest an Kontrolle noch möglich ist. Woher kommt die Musik? Eine Stimme erzählt: Was, wenn der Tod ein Schlaf wäre? Und unser Leben der dazugehörige Traum, ein 80-jähriger Traum? Schon Shakespeare, der so vieles wusste, dachte in diese Richtung, im „Sturm“: „Wir sind aus solchem Stoff, wie Träume sind, und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.“

Die Besucher sollen blind tanzen

Wir sollen uns hinlegen. Es raschelt, zirpt. Die anderen sind nur zu ahnen, nicht zu sehen. Liegen sie auch? Bin ich der Einzige, der den Anweisungen folgt? Gemeinsames Alleinsein. Dann: „Steht auf!“ Wilde Percussion, afrikanische Rhythmen. Die Stimme will uns animieren, blind zu tanzen. Es klappt nicht, zumindest nicht bei mir. Aber wie spannend ist das, sich selbst zu beobachten: Auf welche Reize reagiert man, auf welche nicht? Der Abend: ein sanfter Übergang zwischen Therapie und Theater. Erforscht werden die Ursprünge von Theater im eigenen Selbst. Das Ende ist schwächer. Wir nehmen die Masken ab, die niederländischen Performer dreschen auf ihre Trommeln ein, als seien sie Stomp. Nicht schlecht, aber doch wieder die klassische Frontalsituation, die eigentlich überwunden werden sollte.

wieder am 10. und 11. sowie 18.–21. Mai

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